Aktuelles / Samstag, 01.07.2017

Zwei neue Stolpersteine in Schöneberg verlegt

Stolpersteine für Marie Spiegelglas und Margit Benedik vor der Hauptstraße 5. Foto: Anja Meyer

In Berlin wurden jetzt Stolpersteine für Marie Spiegelglas und Margit Benedik verlegt. Mit dabei war auch Marie Spiegelglas‘ 86-jähriger Sohn aus Jerusalem.

Von Anja Meyer

Große Anteilnahme und Interesse zum Gedenken an Marie Spiegelglas und Margit Benedik: Am Freitag gab es auf dem Bürgersteig vor der Schöneberger Hauptstraße 5 kein Durchkommen mehr. Schüler der Löcknitz-Grundschule, Verwandte aus Israel und Australien sowie Nachbarn aus Schöneberg und Freunde der Familie kamen zur Stolpersteinverlegung für die beiden am 29. Januar 1943 deportierten und noch am selben Tag in Auschwitz ermordeten Jüdinnen. Vor dem Haus wird mit zwei Steinen bereits an Efim und Schevel Schachmeister erinnert. Da die neuen Stolpersteine im Rahmen einer Sonderverlegung in den Boden gehämmert wurden, übernahm das ausnahmsweise nicht Künstler Gunter Demnig selbst, sondern Hans-Peter Frank.

Sohn George Shefi reiste aus Jerusalem an

Unter den Gästen war auch George Shefi, der 86 Jahre alte Sohn von Marie Spiegelglas und Neffe von Margit Benedik, der seine ersten Lebensjahre selbst noch in der Wohnung im dritten Stock des Wohnhauses in der Hauptstraße 5 verbracht hatte. Bis zur Pogromnacht im November 1938 besuchte er die Gemeindeschule an der Berchtesgadener Straße (die heutige Löcknitz-Grundschule), danach gab seine Familie ihn in die „Kindertransporte“ nach England. Dort wohnte er bei einen Pfarrer und hieß fortan George. Im Alter von 14 Jahr kam er mit einem Truppentransporter nach Kanada und wuchs später bei einem Onkel in den Vereinigten Staaten auf. Mit 17 Jahren emigrierte George Shefi mit seinem Onkel nach Israel und lebt heute mit seiner Frau Yael in der Nähe von Jerusalem.

Holocaust-Überlebender George Shefi mit den Schülern Aliya Ince und Yaron Volk. Foto: Anja Meyer

„Für mich schließt sich hier heute ein Kreis“, sagte George Shefi während des Festakts, bei dem unter anderem seine beiden Enkelsöhne musizierten. „Oder besser gesagt eine Ellipse – denn eine Ellipse ist schwieriger zu schließen.“ Der Holocaust-Überlebende hat seine Memoiren „The Way of Fate“ aufgeschrieben und publiziert, immer wieder berichtete er davon in Deutschland vor Schülern, Vereinen, in Kirchen, Landtagen und Ministerien. Vor etwa 14 Jahren hatte Shefi nach langer Suche den Grabstein seiner Großmutter unter Moos auf dem Friedhof in Weißensee gefunden und dort den Namen seiner Mutter und seiner Tante von einem Steinmetz hinzufügen lassen. Der Grabstein war ein erster Schritt, den Lebenskreis zu schließen. Die Stolpersteine vor seinem ersten Wohnhaus ein zweiter.

Stolpersteine auf Initiative von Wilmersdorfer

Die Stolpersteine für Marie Spiegelglas und Margit Benedik sind auf Initiative des Wilmersdorfer Musikverlegers Horst Brauner entstanden. Er und seine Frau Anke Gerlach lernten George Shefi und seine Frau Yael im September vor drei Jahren zufällig auf einem Kreuzfahrtschiff auf dem Schwarzen Meer kennen. Danach blieben sie in Kontakt, und Brauner organisierte als Stolpersteinpate die Verlegung. Er selbst begann seine Ausbildung einst bei „Siemens & Halse“, der Firma, für die Shefis Tante Margit Benedik ab 1942 Zwangsarbeit leisten musste. In das Stolpersteinprojekt involvierte Horst Brauner besonders auch die Sechstklässler der Löcknitz-Grundschule, die sich in ihrem Gedenkprojekt „Denk-mal“ mit der persönlichen Geschichte von Holocaust-Opfern aus Schöneberg befassen. Am Vortag der Stolpersteinverlegung kam George Shefi zum Gespräch in die Schule.

Schüler wollen Gedenkstein für ihr Projekt anfertigen

Das Gespräch mit George Sheriff hat Yaron Volk sehr beeindruckt. „Es gibt ja nicht mehr so viele Zeitzeugen, mit denen man sprechen kann“, sagt der Sechstklässler der Löcknitz-Grundschule. „Und Herr Shefi konnte sich sogar noch ein bisschen an seine Schulzeit in unserer Schule erinnern.“ Während des Gesprächs mit den Schülern fand er auch heraus: Aliya Ince, die beim Projekt „Denk-mal“ mitmacht, lebt heute selbst mit ihrer Familie in der Hauptstraße 5. Ein Zufall, über den George Shefi sich besonders freute. Aliya und Yaron wollen für die Gedenkmauer an ihrer Schule jetzt beide einen Stein zu den Deportierten der Familie beschriften.