Kiez-Perlen / Sonntag, 19.03.2017

Wo Charlottenburger
Spitze im Film mitspielt

Alles, was das Hobby-Schneiderherz begehrt: Erika Hartmann in ihrem Laden „Schneidersitz“. Fotos: Christian Kielmann (3)

Fachgeschäfte für Kurzwaren werden immer rarer. Seit 1997 behauptet sich Erika Hartmann mit ihrem Laden Schneidersitz in Charlottenburg und rüstet schon mal Filmsets aus.

Von Ulrike Borowczyk

Als Erika Hartmann den Film „Der Vorleser“ sah, hat sie die Spitze der Nachthemden von Hollywood-Star Kate Winslet sofort wiedererkannt. Das zarte Gewebe stammt schließlich aus ihrem Kurzwarenladen Schneidersitz. Nicht nur Film und Fernsehen decken sich hier gern mit außergewöhnlichen Accessoires rund um Textiles ein. Selbst Touristen aus Fernost planen beim Berlinbesuch einen Zwischenstopp in dem liebevoll gestalteten Charlottenburger Laden ein. Das Schaufenster war sogar schon mal der Aufmacher eines japanischen Print-Magazins.

Gebürtige Pfälzerin entschied sich spontan für den Laden

Auf den ersten Blick wirkt das Geschäft, als würde es schon seit Urgroßmutters Zeiten in den beiden kleinen Räumen an der Pestalozzistraße kurz vor dem Lietzensee existieren. Dabei gibt es den Laden erst seit 1997. „Das war reiner Zufall. Ich habe von einer Stunde auf die andere entschieden, das Geschäft zu eröffnen. Eine Freundin wusste von einem Kurzwarenladen, der schließen und seinen Bestand verkaufen wollte“, erzählt die gebürtige Pfälzerin, die 1991 aus beruflichen Gründen nach Berlin kam. Sie wohnte damals nicht weit entfernt vom heutigen Laden, der damals leer stand. „Vorher war es eine richtige Rumpelkammer. Hier wurden früher Motorräder repariert“, sagt sie.

Gemütliche, leicht verkramte Atmosphäre

Daran erinnert heute nichts mehr. Die zahlreichen Schubladen und Regale geben dem Geschäft eine gemütliche, leicht verkramte Atmosphäre. Darin lagern Nähgarne, Knöpfe, Reißverschlüsse, Schnallen und all die vielen anderen nützlichen Utensilien rund ums Nähen. Ein kunterbuntes Sammelsurium an Schneidereibedarf und ein Paradies für Do-it-yourself-Fans. Die Chefin weiß genau, wo sich was befindet. Und es kommt ständig etwas dazu. Nicht nur an Neuwaren. Erika Hartmann hat nämlich eine Leidenschaft für schöne alte Spitze, Bordüren und vor allem für Knöpfe. Manches davon ist mehr als 70 Jahre alt. Im wahrsten Sinne des Wortes museumsreif. Zwischen Strick­liesen, Stopfeiern und Stickrahmen sichtet man überall unfassbar viele Knöpfe. Moderne, alte, handgemachte, maschinell hergestellte. Aus Glas, Büffelhorn oder Perlmutt.

Viele textile Schmuckelemente wie Bordüren liegen in den Regalen.

Oft genug kennt Erika Hartmann dazu noch eine Geschichte: „Wir haben etwa Klingeldrahtknöpfe, die im Krieg aus der Not entstanden sind. Aber auch handbemalte Holzknöpfe oder emaillierte Knöpfe. Einiges ist allerdings unverkäuflich.“ Es ist ihre persönliche kleine Schatzkammer. Für die kauft Erika Hartmann alte Partien auf, wenn sie welche entdeckt. Raritäten findet sie manchmal auf Flohmärkten oder Kunden bringen etwas vorbei. Meistens aus privaten Nachlässen. Mit dem Sortieren der Knöpfe wird Erika Hartmann wohl nie wirklich fertig. Irgendwo steht immer ein Körbchen rum, das noch auf diese Aufgabe wartet. Es gibt sogar Knöpfe, die wie Schmuckstücke in einer Glasvitrine ausgestellt sind. Wunderschöne Kostbarkeiten etwa im Art-déco-Stil oder extravagant glitzernd.

Schneidersitz ist eine Fundgrube für modische Akzente

Der „Schneidersitz“ ist aber auch eine Fundgrube für all jene, die modisch besondere Akzente setzen und nicht mit dem Mainstream schwimmen. So findet man hier viele textile Schmuckelemente. Kordeln, Posamenten oder Soutache. Schmal gewebte Bordüren, die unter anderem als verschlungener Bortenbesatz die Revers der Damenkostüme in den 40er-Jahren veredelten. Auch Bänder, mit denen man in den Siebzigern noch eigenhändig seine Jeans aufhübschte, entdeckt man in den Regalen. Über die wachen schöne alte französische Schneiderpuppen, die ebenfalls zum unverkäuflichen Inventar gehören.

Maßschneiderin Alina Schönberg bei der Arbeit

Traditionelle Läden dieser Art gehören zur aussterbenden Spezies. Kurzwaren in so großer Auswahl sind in Kaufhäusern längst nicht mehr zu finden. Dort gibt es zumeist nur noch ein kleines Standard-Sortiment. Problematisch für Hobby-Schneider und alle, die Handarbeiten lieben. Dass die Kunden aber nicht nur aus ganz Berlin kommen, sondern auch aus ganz Deutschland, aus Düsseldorf, Stuttgart oder Hamburg, hat noch einen weiteren Grund. Erika Hartmann hat ihr Geschäft nicht nur gegründet, weil ihr das Arbeiten mit den Kurzwaren Spaß macht, sondern auch, weil sie immer schon gern genäht hat. Daher wird der „Schneidersitz“ seinem Namen noch in einer zweiten Hinsicht gerecht, nämlich als Schneiderei.

Eine Maßschneiderin fertigt alles, was Frauen tragen

Das gehörte von Anfang an zum Konzept. Nur Kurzwaren wären der Chefin wohl zu langweilig. Die setzt gemeinsam mit Schneiderin Alina Schönberg die Ideen ihrer zahlreichen Kunden um. „Wir fertigen alles an, was Frauen tragen. Auch Aufwendiges. Egal, ob Mäntel, Hosen, Ballkleider, Hochzeitskleider oder die dazu passenden Stofftaschen. Unsere Kunden schwören darauf“, verrät sie. Männer haben bei diesem Service jedoch das Nachsehen. Herrenoberbekleidung wird „nur“ geändert oder repariert. Allerdings bringen auch namhafte Herrenausstatter vieles vorbei, was für die Qualität der Arbeiten im „Schneidersitz“ spricht. Werbung hat Erika Hartmann dafür nie gemacht. „Das läuft von Beginn an durch Mundpropaganda“, sagt sie.

Information

Schneidersitz Pestalozzistraße 54, Tel. 324 65 59, Öffnungszeiten Di.–Fr. 10–18 Uhr, Sbd. 10–13 Uhr