Aktuelles / Mittwoch, 26.07.2017

Wilmersdorferin macht
alte Bücher wieder neu

Ria Tiemeyer in ihrer Wilmersdorfer Buchbinderei an der alten Presse von 1961. Fotos: Amin Akhtar (3)

Buchbindermeisterin Ria Tiemeyer und ihr Team restaurieren wertvolle historische Bücher. Das kann schon einmal Monate dauern.

Von Sofia Mareschow

„Die Buchbinderei ist ein altes Kunsthandwerk“, sagt Ria Tiemeyer. Die Buchbindermeisterin steht in ihrem Wilmersdorfer Atelier – einer Kombination aus Werkstatt und Verkaufsraum – an einer wuchtigen Presse, dreht symbolisch am massiven Rad und erklärt: „Schon vor ungefähr 2000 Jahren wurden Einbände für Bücher gefertigt.“ Seit 1985 bietet Tiemeyer in ihrer Buchbinderei vielfältigen Service an: neue Hüllen für alte Bücher, Sonderanfertigungen. Zudem verkauft sie selbst hergestellte edle Papeterie-Produkte: Gästebücher, Fotoalben, Notizkladden, Tagebücher. „Die sind wieder gefragt“, verrät sie. Vorrangige Aufgabe ist aber die Restauration alter Bücher.

Handgefertigtes Fotoalbum made in Wilmersdorf

Privatkunden vertrauen ihr mitunter stark lädierte Lieblings- und Erbstücke an: Bibeln, Familienchroniken, Kochbücher, Kinderliteratur. Öffentliche Archive und Bibliotheken setzen auf professionelle Behandlung für beschädigte antike Exemplare. Manch seltenes Druckerzeugnis hat Ria Tiemeyer schon gerettet: das älteste Exemplar aus dem 15. Jahrhundert. Ihr spektakulärster Auftrag: Ausgaben des venezianischen Buchdruckers und Verlegers Aldus Pius Manutius, der Ende des 15. Jahrhunderts griechische und lateinische Werke der Antike druckte.

Glätten, Kleben und Fixieren können Monate dauern

Die Räume an der Pariser Straße halten Begegnungen mit der Vergangenheit bereit. Auf 150 Quadratmetern stehen Geräte aus einer anderen Zeit. „1986 habe ich eine alte Buchbinderei aufgekauft“, sagt die Chefin. In Regalen, auf Arbeitstischen liegen historische Bände. Mitunter komplizierte Aufträge, an denen die Meisterin und ihre Crew – zwei Mitarbeiterinnen und Azubis in wechselnder Besetzung – arbeiten. Die Herausforderung: Papier unterschiedlicher Fabrikation und Qualität, eingerissene, befleckte Seiten, kaputte Einbände. Glätten, Kleben, Fixieren unter der Presse können Monate dauern.

Kein Buch gleicht dem anderen

„Kein Buch gleicht dem anderen, jedes erfordert einen differenzierten Workflow“, erklärt die Spezialistin. Daher sei das Gutachten wichtig. Mit dem Kunden werden Wünsche besprochen, nach dem Kostenvoranschlag das Budget. Die Preise schwanken je nach Aufwand. Kreativität, Flexibilität, Materialwissen sind erforderlich. Das hat Tiemeyer ihrer Mitarbeiterin Mechthild Overbeck weitergegeben, die sich als Papierrestauratorin spezialisiert hat. „Kaputte Blätter zu reparieren, braucht Geduld.“

Dieses alte Buch liegt zur Restaurierung bereit

Einfacher sind neu georderte Unikate, nach Belieben mit Aufdruck. Dabei kommt die mit Strom beheizte Prägepresse zum Einsatz, mit deren Hilfe Ornamente aus dünnem Blattgold aufgetragen werden. Die Klientel sei anspruchsvoll. Hin und wieder ordern Filmproduktionen Requisiten. So hat Tiemeyer für einen Otto-Waalkes-Film ein Märchenbuch produziert. Tiemeyer zählt auch Promis zu ihren Kunden. Mehr verrät sie nicht, Verschwiegenheit ist Ehrensache. Manch Auftraggeber möchte eben unverwechselbare Einzelstücke besitzen. Typische Sammlermentalität, weiß die Insiderin. Doch davon lebe der Markt in einer Zeit, da Transparenz herrsche, selbst im Antiquariatsbereich. Wozu ein altes Buch teuer einbinden lassen, wenn man ein gut erhaltenes Exemplar online erwerben kann. So sei die Buchbinderbranche ins Abseits geraten, klassische Auftraggeber weggebrochen. Vieles ist online allgemein zugänglich – Universitäten, Rechtsanwaltskanzleien oder Steuerberater lassen kaum noch binden. Das Geschäft mit Doktor- oder Bachelor-Arbeiten ging an die Copy-Center verloren. „Das Buchbinderhandwerk ist ein aussterbender Beruf“, sagt Tiemeyer. Vor 15 Jahren habe es 900 Buchbindereien deutschlandweit gegeben, jetzt seien es noch 400.


Das sah 1977 noch anders aus, als die heute 59-Jährige, die nach dem Abitur „ein Kunsthandwerk lernen“ wollte, aus der Nähe von Osnabrück zur Ausbildung in das damalige Westberlin kam. 1985, gleich nach ihrer Meisterprüfung, machte sie sich selbständig. Seit 2001 am jetzigen Standort, „einer Gegend mit viel Laufkundschaft“, hat Tiemeyer inzwischen Generationen junger Menschen im Handwerk unterwiesen, war 25 Jahre lang in der Meisterausbildung tätig. Ab Anfang August wird sie wieder zwei Azubis unterrichten. Zudem ist die Fachfrau seit elf Jahren Lehrbeauftragte an der Beuth Hochschule für Technik. So weiß sie genau, wie junge Menschen ticken. „Es wird mehr gelesen, es wird ja auch mehr geschrieben.“

Das greifbare Buch hat nach wie vor seine Berechtigung

Tiemeyer beobachtet, dass sich das E-Book nicht so durchgesetzt hat wie erwartet und dass das Buch nach wie vor seine Berechtigung hat, weil greifbar, fühlbar und überall zu lesen, auch ohne Strom. „Fortschritt heißt auch, die Freiheit der Wahl. Beide Optionen – Print und Digital – haben ihre Vorteile.“ Meilensteine seien der Umstieg auf Papier, die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg 1450. „Die Technik beflügelt die Bildung“ – auch heute. Wieder vollziehe sich ein Umbruch. Nur rasanter. „Wir sind mittendrin. Es bringt nichts, die Augen davor zu verschließen.“

Information

Atelier Tiemeyer, Pariser Straße 15, Wilmersdorf, Tel.: 030/324 62 91, atelier-tiemeyer.de, Öffnungszeiten: Mo.–Fr. 10–18.30 Uhr, Sbd. 11–14 Uhr