Aktuelles / Sonntag, 26.11.2017

Wie sich der Schöneberger
Norden verändert

Die Kollektive von Potse und Drugstore haben am Wochenende wieder gegen ihre Verdrängung aus der Potsdamer Straße demonstriert. Foto: Anja Meyer

Vor zehn Jahren hätte niemand geglaubt, dass die Potsdamer Straße einmal schick wird. Der Fall Potse und Drugstore ist symbolisch für die Gentrifizierung im Kiez.

Von Anja Meyer

Am vergangenen Wochenende haben die Kollektive der beiden selbstverwalteten Jugendzentren Potse und Drugstore erneut gegen ihre Verdrängung aus der Potsdamer Straße demonstriert. Mit Transparenten und lauter Musik wie „Das ist unser Haus“ von Ton Steine Scherben, zogen sie vom U-Bahnhof Möckernstraße bis zu ihrem langjährigen Standort in der Potsdamer Straße. Mit der 800 Quadratmeter großen Fabriketage, in der die Jugendclubs seit ihrer Gründung vor mehr als 35 Jahren beheimatet sind, sollte eigentlich Ende des Jahres Schluss sein. Der Bezirk hat die Mietdauer nach Verhandlungen mit dem Eigentümer des Gebäudes noch einmal für einige Zeit verlängern können. Potse und Drugstore bekommen bis zum 31. Dezember ein Jahr Gnadenfrist. „Die Zukunft der ältesten selbstverwalteten Jugendzentren Berlins bleibt damit nach wie vor ungewiss“, sagt eine Sprecherin von Potse und Drugstore.

Dass es sich dabei lediglich um eine Übergangslösung handelt, ist mittlerweile allen Beteiligten bewusst. Der Eigentümer verlangt immer höhere Mieten – die der Bezirk nicht mehr tragen kann, obwohl der die Mittel im Haushalt gerade noch einmal erhöht hat.

In diesem Haus sind Potse und Drugstore seit ihrer Gründung beheimatet. Foto: Anja Meyer

Dabei ist das Problem hausgemacht: Das Haus an der Potsdamer Straße 180 gehörte einst dem Bezirk, der es in den 80er-Jahren an die BVG verkaufte, die es wiederum vor rund zehn Jahren an private Eigentümer veräußerte. Der jetzige Eigentümer, ein Investor aus dem Ausland, will die Jugendclubs nicht mehr als Mieter haben. Bereits zum zweiten Mal hat er ihnen gekündigt, zuerst zum Jahresende 2015, in diesem Jahr zum Jahresende 2017. Beide Male konnte der Bezirk eine Verlängerung des Vertrages erwirken – allerdings mit einer deutlichen Mieterhöhung. Während der Bezirk aktuell bereits 200.000 Euro Jahresmiete für die beiden Jugendclubs zahlte, sind nach der jüngsten Mieterhöhung im Haushalt jetzt sogar 360.000 Euro vorgesehen. In einer Lage, in der vor etwa zehn Jahren noch niemand vermutete, dass sie sich zu einem angesagten Innenstadtbezirk entwickelt – mit schicken Eigentumswohnungen, Kunstgalerien, Modelabels und Szenerestaurants. Eine Gentrifizierung in diesem Maße hatten Anwohner und Gewerbetreibende im Schöneberger Norden gerade nach dem Wegzug des Tagesspiegels Ende 2008 nicht für möglich gehalten.

Kunstgalerien an der Potsdamer Straße

Doch womöglich hat genau die Vermietungsstrategie auf dem früheren Tagesspiegel-Gelände zu der Entwicklung geführt, die hier heute vorherrscht. Auf dem ehemaligen Areal sind seit 2010 verschiedene Kunstgalerien beheimatet, die ein internationales und betuchteres Publikum in den Kiez bringen. Darum und vor allem auch darum, wer die Nutznießer und die Treiber dieser Entwicklung sind, ging es kürzlich bei einer Diskussionsrunde im Rahmen der Gewerbegespräche zur Potsdamer Straße. Eingeladen waren neben Gewerbetreibern auch der Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung Jörn Oltmann (Grüne), die Leiterin der bezirklichen Wirtschaftsförderung Martina Martijnssen und Alexander Wolf, Geschäftsführer der Gewobag-Stiftung Berliner Leben.

Seit ein paar Jahren siedeln sich immer mehr Kunstgalerien an der Potsdamer Straße an – und bringen ein neues Publikum in den Kiez. Foto: Anja Meyer

Wie Oltmann während der Diskussion betonte, machten vielfältige Strukturen wie sie jetzt an der Potsdamer Straße vorzufinden sind, die Lebendigkeit von Kiezen überhaupt erst aus. Deshalb sei die Ansiedlung der kreativen Szene erst einmal als positiv zu betrachten. Allerdings müssten sich die Verantwortlichen aufgrund des knappen Angebots an Wohnraum und Gewerbeflächen auch darauf achten, wie Gebäude besser genutzt werden können und sich dafür einsetzen, sozialen Trägern einen Platz im Kiez zu lassen. Dem stimmte Wirtschaftsförderin Martina Martijnssen zu. „Der Prozess der Gentrifizierung rund um die Potsdamer Straße läuft schon lange“, sagte sie. „Den Prozess kann man nicht aufhalten , aber man kann ihn verlangsamen und steuern, indem man stadtplanerisch soziale Institutionen integriert.“ Die städtische Wohnungsbaugesellschaft Gewobag, der viele Häuser im Schöneberger Norden gehören, sei dabei ein wichtiger Partner.

Stadtplanerisch gegen Verdrängung

Bei der Steuerung von stadtplanerischen Prozessen sei es besonders wichtig, Strategien auch an die Nachbarschaft zu kommunizieren – damit die weiß, woran sie ist. Das habe bei dem Streetart-Museum Urban Nation zunächst nicht funktioniert, wie auch Alexander Wolf, Geschäftsführer der Stiftung Berliner Leben zugab. Da die Anwohner anfangs nicht wussten, was es mit dem bunten Gebäude auf sich hat, hätten sie es für ein Zeichen der Verdrängung gehalten. Dabei hat das am 16. September eröffnete Museum auch zum Ziel, sich im Kiez mit sozialen Projekten zu engagieren. Doch an der Vorgehensweise gab es Kritik. „Am Anfang war es für die Menschen wie ein Ufo, das sich da hineinsetzt“, sagte Oltmann.

Stiftung Berliner Leben in der Bülowstraße aktiv

Die Stiftung Berliner Leben agiert derzeit in drei Gewobag-Gebäuden in der Bülowstraße: In der Nummer 7, einem früheren Möbelgeschäft sitzt das Streetart-Museum Urban Nation, in der Nummer 97 soll eine Akademie mit Workshops für Jugendliche entstehen. Das Gebäude in der Nummer 90 würde die Stiftung gerne zu einem bunten und kreativen Haus umgestalten. Mit Wohnraum in den oberen Etagen, einer Fläche für Künstler und Medienschaffende in den mittleren Etagen. Und einem Raum für die beiden Jugendclubs Potse und Drugstore im Erdgeschoss. Dazu müssten die Räume in dem Gebäude noch etwas umgebaut werden, wozu unter anderem ein Lärmschutz gehört. Inwieweit Umbaumaßnahmen möglich sind, werde aktuell noch geklärt. Bis Weihnachten soll es Ergebnisse geben.

Mögliche Lösung für Potse und Drugstore

Deshalb ist die Realisierung dieser Idee bislang noch in der Schwebe. Alexander Wolf würde sich wünschen, den beiden Institutionen ein neues Zuhause zu geben. „Potse und Drugstore sind Berliner Legenden“, sagt er. „Wenn die beiden sterben, dann hat Berlin versagt.“ Auch ein Teil der Kollektive scheint diskussionsbereit. Sie wollen sich die nach Angaben von Alexander Wolf rund 600 Quadratmeter große Fläche in dieser Woche anschauen. Wie ein Mitglied des Potse-Kollektivs während der Demo am Wochenende sagte, wollen die Kollektive zwar weiterhin für einen Verbleib im alten Zuhause kämpfen. Andererseits sehe man auch, dass man für Kompromisse offen sein muss – damit es überhaupt irgendwie weitergeht.