Aktuelles / Freitag, 08.12.2017

Wenn Kaktusblüten
Stimme zeigen

Mechthild Henneke (l.) und Christine Ehlert bei der Textbesprechung. Sie arbeiten den Traum der Seeräuber-Jenny heraus, die sich in Gedanken gegen das Herumgeschubstwerden auflehnt. Foto: Katja Wallrafen

In der Volkshochschule Tempelhof-Schöneberg gedeihen die schönsten Stimmgewächse. Am Sonnabend ist die Semester-Präsentation der Kaktusblüten.

Von Katja Wallrafen

Der Anfang ist schwer. Kostet Überwindung. In einem Kreis fremder Menschen zu stehen und Stimme zu zeigen. Das Herz klopft bis zum Hals, die Kehle wird trocken. Und jetzt sollen Töne rauskommen? Mechthild Henneke kann sich noch gut an ihr erstes Mal bei den Kaktusblüten erinnern. „There She Goes“ von Pete Doherty hatte sie sich ausgesucht. In diesem Lied des britischen Indie-Rockmusikers zeigt der Bühnenberserker seine poetische Seite – es ist ein ambitionierter Song, mit dem Mechthild Henneke sich vor fünf Jahren erstmals im VHS-Kurs am Barbarossaplatz vorwagte: eine zarte, aber intensive Melodie, in der mehr als einen Hauch Sehnsucht mitschwingt, es geht um Herzeleid, um den Weg ins Ungewisse… Auch für Mechthild Henneke ein Schritt ins Unbekannte. Würde sie die Scheu überwinden? Die eigene, noch ungeübte Stimme wacklig erklingen lassen? Beklommen vor fremden Menschen stehen und mit den Tönen irgendwie auch ein Stück von sich selbst preisgeben? Die 52-Jährige hat sich damals überwunden. Seitdem kommt sie regelmäßig montags aus Charlottenburg nach Schönberg zum Singen in die VHS.

Mut dazu, Stimme zu zeigen

Seit 25 Jahren schon gibt es die Möglichkeit für Ungeübte, „Stimme zu zeigen“, wie Kursleiterin Christine Ehlert es nennt. Die Sängerin und Diseuse arbeitet auch als Dozentin für Chanson- und Liedgestaltung. „Musik leben“ ist ihr eine Herzensangelegenheit. Sie hat den damaligen Direktor der VHS Schöneberg hartnäckig davon überzeugen müssen, einen Kurs zu offerieren, der einen anderen Ansatz bietet als Chöre und Musikschulen. „Im Chor wird kollektiv gesungen und in Musikschulen wird nach starren Regeln nachgeahmt. In unserem Kurs wird etwas Neues geschaffen. Bei uns geht es darum, ein Lied für die individuelle Persönlichkeit neu zu entwickeln“, beschreibt Christine Ehlert den Ansatz, den sie „gefühltes Singen“ nennt. Bei aller Ernsthaftigkeit und Respekt vor der Musik nähert sie sich ihr auch mit einer gewissen Leichtigkeit, mit einer Lust am Schauspiel. Christine Ehlert versteht ihren Job so, dass sie mit ihren Schülern daran arbeitet, für jeden einzelnen ein Lied maßanzufertigen – abgestimmt auf die eigene Stimme und entsprechend der eigenen Persönlichkeit. Sie  ist Meisterschülerin unter anderem von Evelyn Künneke, Irmgard Arnold und Gisela May und sie gibt ihr „Meisterwissen“ gerne weiter.

Schnupperkurs am Wochenende

Wer sich für das „gefühlte Singen“ interessiert, kann an in einem Wochenendkurs ausprobieren, ob das in die richtige Richtung geht. „Überwindung gehört sicherlich anfangs dazu“, sagt Christine Ehlert. „Doch mit der Zeit verliert fast jeder seine Scheu. Zudem ist es ist jedem freigestellt, bei den ersten Treffen auch nur ein, zwei Zeilen Text oder ein Gedicht vorzulesen.“ Gefällt der Wochenendkurs, kann man in einen wöchentlich  stattfindenden Kurs wechseln. Dort sind Anfänger und „alte Hasen“. „Jeder bleibt so lange dabei, wie er das Gefühl hat, etwas dazuzulernen und sich weiterzuentwickeln“, beschreibt die Kursleiterin.

So geht es Mechthild Henneke, für die das Singen und die Arbeit mit Christine Ehlert  mehr ist als ein schönes Hobby. „Da spielen so viele Aspekte ein Rolle“, sagt die Journalistin, die auch als Trainerin unterrichtet. Sie profitiert von der Arbeit an der authentischen Stimme und dem Wissen um  die richtige Atmung auch im Job. Sie mag die Beschäftigung mit der Musik, das Eintauchen in die Verse und den Kontext der Lieder. „Beim Singen kann ich in andere Rollen schlüpfen, mich ausprobieren“, beschreibt sie. Nach Pete Doherty spürte sie unter anderem Adele nach („Someone like you“),  aktuell probt sie die Seeräuber-Jenny aus der Dreigroschenoper.

Songs, Pop, Rock und Volkslieder

Mit der Brecht-Oper haben sich viele Ensemble-Mitglieder auseinandergesetzt und so werden am Wochenende 9./10. Dezember  einige Songs aus der Dreigroschenoper auf der Bühne des Großen Saals im Nachbarschaftsheim Schöneberg in Friedenau erklingen. Denn das Semesterergebnis präsentieren die Kaktusblüten in der Öffentlichkeit auf großer Bühne. Jeder singt, was ihr oder ihm am Herzen liegt, es sind fast alle Genres vertreten – Chanson, Pop, Folklore, Rock, Schlager, Volkslieder. „ Alle singen was sie wollen und was sie berührt. Es wird witzig, frech, frivol, zärtlich, liebevoll und politisch. Die Vorbereitung, das Lampenfieber, der Auftritt und schließlich der Applaus, all das gehört dazu“, so Christine Ehlert. Das große Finale ist Teil des Gesamtpakets – vom kieksigen Anfang der Selbstüberwindung bis zur vollen Blüte.

Information

Aufführung: 1. Teil am Sonnabend, 9. Dezember, 2. Teil am Sonntag, 10. Dezember, jeweils 19 Uhr im Nachbarschaftsheim Schöneberg, Holsteinische Straße 30 / Ecke Fregestraße