Aktuelles / Samstag, 09.12.2017

28 Monate Notunterkunft im alten Rathaus Wilmersdorf

Ein Haus mit Geschichte und völlig unterschiedlichen Funktionen: das alte Rathaus Wilmersdorf. Foto: Paul Zinken/dpa

Lediglich ein Provisorium sollte die Notunterkunft im Wilmersdorfer Rathaus sein. Doch dann wurden mehr als zwei Jahre daraus. Was die Politik für Lehren zieht.

Von Anja Meyer

Ende November sind die letzten Flüchtlinge aus der vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) betriebenen Notunterkunft im Wilmersdorfer Rathaus ausgezogen. Als Provisorium eröffnete die Unterkunft im August 2015, doch sie bestand mehr als zwei Jahre. Aufgrund des ungewöhnlich großen und organisierten Einsatzes von Freiwilligen avancierte sie über Berlins Grenzen hinaus zum Vorzeigeobjekt, das Bundespolitiker und US-Schauspieler als Positivbeispiel gezeigt wurde. Später machte die Einrichtung auch negative Schlagzeilen: Bettwanzen, Sitzstreiks der Bewohner, Konflikte mit den Ehrenamtlern und eine Schlägerei zwischen 30 Flüchtlingen und den Sicherheitsleuten gehörten dazu. Auch das Auszugsmanagement der letzten 550 Flüchtlinge auf 16 Standorte geriet in die Kritik, die Tempohomes mit 160 Plätzen in Schmargendorf waren nicht rechtzeitig fertig und viele Flüchtlinge mussten den Bezirk und damit ihr soziales Umfeld verlassen. Am Donnerstagnachmittag zogen Vertreter aus Politik, Verwaltung und Ehrenamt gemeinsam mit ehemaligen Bewohnern ein Resümee darüber, welche Integrationsprojekte gelungen sind, was nicht geglückt ist und was sie aus dieser Geschichte für die Zukunft lernen.

Info-Veranstaltung als positiv herausgehoben

Am Anfang der Unterkunft stand damals die Informationsveranstaltung in der evangelischen Auenkirche für die Nachbarschaft. Weil so viele Menschen am Lageso strandeten, entschied sich die Stadt, früher als geplant, das leerstehende Rathaus als Notunterkunft umzufunktionieren. „Es war ein sehr kluger Schachzug, darüber von Anfang an so offen mit den Nachbarn zu sprechen“, sagte der stellvertretende ASB-Landesvorsitzende Detlef Kühn. Denn damit entwickelte sich das, was die Einrichtung so besonders machte: ein unglaublich großes Engagement der Wilmersdorfer und Berliner aus anderen Bezirken. Wie Kühn immer wieder betonte, seien das ehrenamtliche Management von Hilfen wie medizinischer Unterstützung, Kinderbetreuung, Waschküche, Internetcafé und Deutschkursen großartig und bald auch sehr gut organisiert gewesen.

Mehr als 100.000 Stunden Engagement

Das Willkommensbündnis „Freiwillige helfen im Rathaus Wilmersdorf“ gründete sich direkt am Eröffnungstag, dem 15. August 2015. 150 Freiwillige waren vom ersten Tag an da, um die Flüchtlinge im Bürogebäude am Fehrbelliner Platz beim Ankommen zu unterstützen. Sie halfen bei der Essensausgabe, unterstützten Verwaltung und Sozialteam bei der Anfangsregistrierung, übersetzten, verteilten Wasser und Decken. Bis zu 5000 Freiwillige haben sich hier in den nächsten 28 Monate in enger Absprache mit Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD), BVV-Vorsteherin Annegret Hansen und Stadtrat Carsten Engelmann engagiert. Manche waren für einen Tag da, andere kontinuierlich bis zum Schluss. Der ASB hat die ehrenamtlichen Arbeitsstunden zusammengerechnet: Insgesamt seien es mehr als 100.000 Stunden gewesen.

Mithu Sen, Kinderärztin und Koordinatorin von Medpoint erinnert mit Fotos an die ersten Stunden der Freiwilligenarbeit. Foto: Anja Meyer

Jetzt, da die landeseigene Immobiliengesellschaft BIM das Gebäude als Ausweichquartier für Landesbedienstete nutzen will, die Büros brauchen, soll es mit dem entstandenen Ehrenamts-Netzwerk weitergehen – mit einem vom Bezirk geförderten Begegnungszentrum. „Das spontane Ehrenamt begann sehr schnell sich zu organisieren und mit den Hauptamtlichen zusammenzuarbeiten – nicht immer konfliktfrei“, sagte Reinhard Neumann. „Ich freue mich sehr, dass ein Teil der gemachten positiven Erfahrungen künftig im neuen Begegnungszentrum in der früheren Revierunterkunft im Volkspark Wilmersdorf aktiv für eine gelingende Integrationsarbeit eingesetzt werden können.“ Zum Konzept gehören Freizeitaktivitäten ebenso wie Bildungsangebote für Berliner und Geflüchtete. Außerdem will der Bezirk ein Integrationsbüro mit sechs Mitarbeitern schaffen, die Stellenausschreibungen dafür sollen zum Jahresbeginn veröffentlicht werden. „Wir stehen nicht am Endpunkt, sondern an einer Weichenstellung“, sagte Naumann.

Notunterkünfte sollen nie wieder so groß sein

Klar ist, dass künftig keine weiteren, so großen Objekte als Flüchtlingsunterkunft genutzt werden sollen. Denn die Schwierigkeiten, die die Notunterkunft im Rathaus mit sich brachte, seien vor allem auf ihre Größe zurückzuführen. Zu Spitzenzeiten waren 1150 Flüchtlinge im Haus untergebracht. „Je länger der Betrieb dauerte, desto größer waren die Herausforderungen“, sagte Steffen Zobel, Geschäftsführer der ASB-Nothilfe Berlin. Zum Schluss war jeder weitere Tag ein Tag zuviel. Es habe nicht immer warmes Wasser gegeben, dazu kam fehlende Privatsphäre und fehlende nächtliche Ruhe. Das hatte unter den Bewohnern zu Konflikten geführt. Deshalb wolle man künftig auf kleinere Standorte mit maximal 450 bis 500 Bewohnern setzen.

Alan Haj Ahmad und Ardavan Ramezani Piani haben lange im Rathaus gelebt. Foto: Anja Meyer

Wie Claudia Langeheine, Präsidentin des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten erklärt, sei das Rathaus lange Zeit erst die zweite Kategorie der prekären Unterkünfte gewesen – weshalb es so lange offengehalten wurde. „Die schlimmsten Notunterkünfte waren die Turnhallen, in denen es praktisch gar keine Privatsphäre gab“, sagte sie. Die sind im März dieses Jahres freigezogen worden. Damit so etwas nicht noch einmal passiere, wolle man vorbereitet sein. „Wir wissen nicht was kommt, deshalb müssen wir eine Reserve an Unterkünften offenhalten“, sagte Daniel Tietze, Staatssekretär für Integration. Der Wohnungsbau und modulare Unterkünfte wie die Tempohomes an der Fritz-Wildung-Straße in Schmargendorf sollen künftig vorangetrieben werden.