Aktuelles / Sonntag, 09.10.2016

Warum Eichkamp Girls einfach Rock’n’Roll sind

Ein Bild aus glücklichen Tagen: Die Eichkamp Girls mit ihren Trainern Chantal Hoppe (links oben) und Christian Schalow (links Mitte). Foto: Sergej Glanze

Sicher, Hertha BSC spielt in der 1. Bundesliga und im Olympia-Stadion, aber Tennis Borussia hat den „Spirit“, Mädchenfußball und Rockbands, die sie dabei unterstützen.

Von Carolin Brühl

Wenn Vendela, Siri, Leead und Co. um einen Tannenbaum aus Hütchen auf dem Sportplatz im Eichkamp dribbeln, wird schnell klar, dass Fußball mehr ist, als einfach nur so hinter einem Ball herlaufen. Die rund 20 kleinen Mädchen in den lila Trikots von Tennis Borussia (TeBe) sind mit Feuereifer bei der Sache. Das Tun der Sieben- bis Achtjährigen entspricht nicht immer ganz dem, was sich Trainer Christian Schalow vorstellt. „Hier wird noch ein bisschen viel gekreischt“, grinst er, „aber es wird“. Wie zum Beweis zeigt er auf ein weiteres Grüppchen nur wenig älterer Mädchen, die von Kotrainierin Birta Dagsdóttir angehalten werden, durch die Sprossen einer auf dem Boden liegenden Leiter zu hüpfen. „Die sind schon seit einem Jahr dabei, die können das schon ziemlich gut“, sagt Schalow. Auf der anderen Seite des Platzes trainiert Chantal Hoppe die „Großen“. Die ehemalige Bundesliga-Spielerin leitet die Abteilung Mädchenfußball beim TeBe. Einem Schuss eines ihrer Mädchen möchte man eher nicht im Weg stehen.

Tennis Borussia ist der Verein mit dem „Spirit“

Fußball scheint bei Mädchen im Trend zu liegen. Zumindest bei Tennis Borussia haben sich in der neuen Saison schon zwölf Elevinnen zum Probetraining angemeldet. „Bald gehen uns die Trainer aus“, bedauern Hoppe und Schalow. Die rund 60 Kinder und Jugendlichen zwischen sechs und 15 Jahren  nehmen zum Teil weite Wege in Kauf, um beim Training des Vereins an der Harbigstraße im Charlottenburger Eichkamp mitmachen zu können. Siri beispielsweise kommt aus Kreuzberg. Den langen Weg nimmt sie aus zwei Gründen in Kauf: „Fußball ist einfach cooler als Ballett“ sagt sie, und „der TeBe sei einfach am coolsten“. Der Vater von Lena, die bei Birta trainiert, sagt, es sei der „Spirit“, der Tennis Borussia von anderen Fußball-Vereinen der Stadt unterscheide, der ihn bewogen habe, seine Tochter hier anzumelden. „Sie lernen hier nicht nur Fußball, sie lernen auch Fairplay“, sagt er.

Fünf Rockbands unterstützen die Eichkamp-Girls

Haben prominente Fans: Die Fußball-Mädchen vpon Tennis Borussia mit Trikots von "Plan B". Foto: Christian Schalow

Haben prominente Fans: Die Fußball-Mädchen von Tennis Borussia mit Trikots von „Plan B“. Foto: Eichkampgirls

Vielleicht ist es auch dieser „Spirit“, der dazu geführt hat, dass die Eichkamp-Girls „rocken“. Normal ist es ja nämlich so, dass Rockbands begeisterte Girls im Schlepptau haben. Bei den zartlila Mädels von Tennis Borussia ist das genau anders rum. Bei ihnen werden selbst harte Rocker soft und greifen tief in die Tasche, um den jungen Fußballerinnen zu neuen Trikots oder Bällen zu verhelfen. Gleich fünf Bands und der Kreuzberger Club SO36 stehen als Sponsoren hinter den Mädchen.

Nicht jeder Sponsor kommt für die Borussen in Frage

Schuld an dem Hype ist eigentlich Christian Schalow. Für die Trainer der Mädchen war klar: Für Erfolge, und wenn sie auch noch so klein sind, braucht man Geld. „Aber ein Sponsor wie zum Beispiel Wiesenhofhähnchen wäre eher gegen unsere Grundsätze gewesen“, sagt er. Da war er wieder der Borussen-Spirit. In Übereinstimmung mit Abteilungsleiterin Chantal Hoppe schrieb und sprach Schalow Berliner Bands an und stieß dabei auf überaus offene Ohren für sein Anliegen.

Die "Väter" des Projekts: Plan B war die erste Berliner Band, die sich für die TeBe-Mädels einsetzte. Foto: Plan B

Die „Väter“ des Projekts: Plan B war die erste Berliner Band, die sich für die TeBe-Mädels einsetzte. Foto: Plan B

Die Gründe, warum sich die Bands für den TeBe und speziell die Mädchen interessierten, erklärt am eindringlichsten Johnny Haeusler von „Plan B“: „Wir wollten schon immer mal unser Logo auf einem Trikot sehen, wir konnten es uns wegen des relativ geringen Aufwands leisten, und wir glauben, ganz besonders, weil wir alle Väter sind, dass jede Investition in die sportliche oder kulturelle Förderung junger Menschen sinnvoll ist.“ Hehre Worte von wilden Männern.

Warum es für „Plan B“, die 2015 auch auf der Saison-Abschlussfeier der Mädchen gespielt haben, dann aber unbedingt Tennis Borussia und nicht Hertha sein musste, ist eine andere Geschichte. „Als West-Berliner gab es früher für uns nur Hertha oder TeBe, letztere waren uns allen immer sympathischer.“ TeBe war im Gegensatz zu Hertha ein wenig der Underdog, erklärt der Musiker. Der Verein habe heute noch eine größere Nähe zu Subkulturen und sei einer Band wie „Plan B“ damit näher als viele andere Vereine. „Ein wenig ist TeBe für Berlin wie ,St. Pauli‘ für Hamburg, und das finden wir gut“, sagt Haeusler, der sich jenseits seiner Musiker-Karriere bei „Plan B“ auch als Spreeblick-Blogger und Mitbegründer der Berliner Internetmesse re:publica einen Namen gemacht hat.  

Unterstützung für gute Jugendarbeit

Dann gab es da noch Schalows alten Schulfreund Andreas Ruthsatz und seine Band „Pommes oder Pizza“. Zwar ist die Berliner Punkband von der finanziellen Potenz nicht unbedingt mit den „Sex Pistols“ vergleichbar, aber die Jungs erklärten sich ebenfalls spontan bereit, den Eichkamp Girls einen Satz Trikots zu spenden.

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„Wenn die Sau raus muss, dann muss sie eben raus!“, lautet das Motto von „Pommes oder Pizza“. Foto: Pommes oder Pizza

„Der TeBe ist bekannt für seine tolle Jugendarbeit“, sagt Andreas „Ruthie“ Ruthsatz. „Die wollten wir gern unterstützen, und wir haben deswegen auch eine Super-Resonanz bekommen“.

Die Resonanz war sogar so gut, dass sich auch die Bands „Diva Kollektiv“ und „Pothead“ auf den Trikots der TeBe-Mädchen sehen wollten. „Wir haben uns richtig geehrt gefühlt, dass wir gefragt worden sind,“ sagt die Sängerin von „Diva Kollektiv“, Nika van DéCross. Mädchenfußball passe ganz gut zur Band. „Wir finden es wichtig, dass so etwas unterstützt wird“, sagt van DéCross.

Im Berliner Nachtleben bekannt für knackige Texte und saftigen Sound: DivaKollektiv Promofotos 2014

Im Berliner Nachtleben bekannt für knackige Texte und saftigen Sound: Gin Tastique, Nika van DéCross , Carolita Curare und Safi Marie Beldere von „Diva Kollektiv“. Foto: Promo

Ihre Bandkollegin Carolita Curare kennt den TeBe schon aus ihrer Schulzeit in Westend. „Die begnadeten Fußballer in meiner Klasse waren alle beim TeBe“, sagt sie und schon immer habe ihr der Verein gefallen, weil er im Gegensatz zu anderen Fußballclubs eindeutig Position gegen Homophobie und Sexismus bezogen habe. Allein stemmen hätte die Hobby-Band das Sponsoring für einen Satz Trikots nicht. „Wir fanden es toll, dass unser Label „Bakraufarfita Records“ uns dabei unterstützt hat“, sagen die Musikerinnen.

Pothead sind wie Plan B Profis. Auch sie haben einen Satz Trikots spendiert. „Wir finden es einfach gut, wie sehr sich Tennis Borussia für den sonst doch arg vernachlässigten Mädchenfußball einsetzt“, sagt Band-Managerin Siggi Bender. Und Pothead hat nicht nur die mit dem Band-Logo bedruckten lila Hemden selbst bei den Mädchen abgeliefert, sondern sie auch beim Sommerfest im Mommsenstadion zum Saisonabschluss im Juli besucht.

Pothead Foto: MB0177 (left to right) Jeff Dope (Bass), Robert Puls (Drums), Brad (Vocals/Guitar) Wir Bitten darum die Bandfotos mit dem Namen des Fotografen gemeinsam zu veröffentlichen. ©2016, photo by Marc Bernot

Pothead: (v.l.n.r.) Jeff Dope (Bass), Robert Puls (Drums), Brad (Vocals/Guitar). Foto: Marc Bernot

An ihrer Unterstützung für die TeBe-Mädchen will „Pothead“ festhalten. Ob sie sich ein gemeinsames Benefizkonzert mit den anderen Bands vorstellen kann? „So etwas haben wir bisher noch nicht gemacht, darüber müssen wir erst mal reden“, sagt Siggi Bender.

Neu im Kreis der rockenden Sponsoren ist „Terrorgruppe“. Eigentlich „hassen“ die fünf Kreuzberger Punks Fußball und alles, was damit zusammenhängt. „Für uns ist das die paramilitärische Vorstufe zur Bundeswehr“, sagt Johnny Bottrop. Doch weil die Mädchen von Tennis Borussia eben Mädchen sind, und Christian versprochen hat, dass die Girlies wahrscheinlich eher Punks werden, als zur Bundeswehr zu gehen, haben sich die harten Jungs von „Terrorgruppe“ doch erweichen lassen.

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Hassen Fußball, mögen aber die Mädchen vom TeBe: „Terrorgruppe“. Foto: Promo

Doch in neue lila Trikots will „Terrorgruppe“ ihr Scherflein keinesfalls fließen lassen: „Das sind Uniformen, und wir hassen Uniformen und alles, was damit zusammenhängt“, sagt Johnny Bottrop. 15 schöne Lederfußbälle lassen die vier Kreuzberger Punker für die zartlila Mädels aber trotzdem springen, aber auch nur dann, „wenn sie nicht in Bangladesch von kleinen Kindern zusammengenäht“ worden sind.

Neben den Bands hat sich inzwischen auch der Kreuzberger Szeneclub SO36 zur Unterstützung der Mädchenarbeit des TeBe eingefunden. Viele Berliner Bands haben in dem kollektiv organisierten Club an der Oranienstraße die ersten Schritte für ihre Karrieren gemacht.

Startbrett für viele Karrieren in der Musikszene: das SO36 an der Kreuzberger Oranienstraße. Foto: SO36

Startbrett für viele Karrieren in der Musikszene: das SO36 an der Kreuzberger Oranienstraße. Foto: SO36

Doch das vorwiegend weiblich geprägten Team des Clubs unterstützt nicht nur die Musikszene, sondern bildet auch junge Frauen beispielsweise in Veranstaltungstechnik aus. Jetzt sponsern sie auch  seit kurzen auch die Mädchen des TeBe. „Wir machen da mit, weil es dabei um die Mädchen geht und nicht um irgendwelche Typen“, sagt Nanette vom SO36, die selbst früher beim SV Solidarität in Kreuzberg gekickt hat. Mädchenfußball werde ja immer noch von vielen misstrauisch beäugt, sagt sie. „Man muss sich mal vorstellen, dass der DFB das Frauenfußballverbot erst 1970 aufgehoben hat. Es lag uns daher sehr am Herzen, den Mädchen etwas Gutes zu tun“, sagt Nanette.

Ob auf den Hosen oder auf weiteren Trikots: Was genau das Logo des Clubs zieren wird, ist noch unklar.

Ob auf den Hosen der Eichkamp-Girls oder auf weiteren Trikots: Was genau das Logo des Clubs zieren wird, ist noch unklar.

Chantal Hoppe und Christian Schalow beflügelt die Unterstützung aus der Musikszene bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit mit den Mädchen, aber sie träumen schon weiter: „Toll wäre ja auch, wenn wir einmal alle Bands zu einem Konzert zu uns bekämen“, sagen sie. Das fänden Siri, Vandela und Co. bestimmt auch „cool“.