Aktuelles / Mittwoch, 06.09.2017

Gedenken zum 25. Todestag von Günter Schwannecke

Am Ort des Geschehens in der Charlottenburger Pestalozzistraße haben rund 30 Menschen am 29. August dem getöteten Günter Schwannecke gedacht. Foto: Philipp Siebert

Vor einem Vierteljahrhundert wurde Günter Schwannecke in Charlottenburg von einem Neonazi erschlagen. Eine Gedenkinitiative hält die Erinnerung an ihn wach.

Von Philipp Siebert

Eine Woche hatte Günter Schwannecke mit dem Tod gekämpft und schließlich verloren. Am 5. September 1992 erlag er mit 58 Jahren im Westend-Krankenhaus seinen schweren Kopfverletzungen. Am 29. August hatte ihm der Skinhead Norman Z. auf dem Spielplatz an der Ecke Pestalozzi- und Fritschestraße in Charlottenburg mit einem Baseballschläger den Schädel eingeschlagen. Der obdachlose Schwannecke feierte mit seinem Begleiter Hagen Knuth an diesem Abend dessen Geburtstag.  Beide waren dazwischen gegangen, als Z. und dessen Freund Hendrik J. eine Gruppe Studenten aus Sri Lanka bedrohten. Auch Knuth wurde attackiert und überlebte nur knapp. Am 22. Februar 1993 wurde der zum Tatzeitpunkt 22 Jahre alte Z. wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.

Fast 20 Jahre lang geriet Schwannecke, der seine Zivilcourage mit dem Leben bezahlte, in Vergessenheit, bis sich 2011 die rechtsradikale Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) enttarnte. Zu dieser Zeit seien in den Medien immer wieder Listen mit Opfern rechter Gewalt zu sehen gewesen – unter anderem von der Amadeu-Antonio-Stiftung, sagt Lea Lölhöffel, Mitgründerin der Günter-Schwannecke-Gedenkinitiative. „Als Charlottenburger haben wir uns gefragt, was genau passiert ist, wo es passiert ist, und wer das eigentlich war.“ So begann die Recherche in Bibliotheken und Archiven, der Aufbau der Website und die Vorbereitungen zur ersten Gedenkveranstaltung anlässlich des 20. Jahrestags am 29. August 2012.

Zu Ehren Günter Schwanneckes wurden am 25. Jahrestag des Angriffs auf ihn Blumen niedergelegt.
Foto: Philipp Siebert

Ein Jahr darauf wurde der Ort des Geschehens in „Günter-Schwannecke-Spielplatz“ umbenannt. Gleichzeitig haben sich Freunde und Bekannte des Verstorbenen bei der Gedenkinitiative gemeldet und zur Aufarbeitung beigetragen. „Das geschieht bis heute“, sagt Lölhöffel. So sind erstmals seit Jahrzehnten ein Ausstellungsprospekt und ein Gemälde Schwanneckes aufgetaucht – mitgebracht von Rose und Wolfgang. Das Paar kannte Schwannecke aus den Siebzigern aus Braunschweig und ist extra von dort zur Gedenkveranstaltung angereist. „Wir sind gekommen um die Initiative zu unterstützen, denn wir finden es gut, dass sie das Gedenken an Günter wachhält“, sagt Rose.

Günter Schwannecke: Der Kunstmaler

In Berichten rund um den Gerichtsprozess gegen Norman Z. wurde Schwannecke zumeist nur als „Obdachloser“ oder „Stadtstreicher“ bezeichnet. „Das ist aber nur ein kleiner Teil seiner Biografie“, sagt Lölhöffel. Schwannecke wurde am 6. Juli 1934 in Braunschweig geboren. Nach seiner Ausbildung zum Retuscheur studierte er mit einem Begabtenstipendium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Freie Malerei. „Sein Stil war gnadenlos, aber sehr farbig – er hat tolle abstrakte Bilder gemalt“, sagt Studienfreund Jochen Kuschel am Rande der Gedenkveranstaltung. Er beschreibt Schwannecke als durchaus schwierigen und impulsiven, aber sehr sozialen und gerechten Menschen. „Der hätte sein letztes Hemd für Dich gegeben.“

Schwanneckes Biografie ist dabei von Höhen und Tiefen gekennzeichnet und wurde von der Gedenkinitiative durch Gespräche mit zwei seiner Bekannten bereits in weiten Teilen rekonstruiert. So schaffte es Schwannecke ab Ende der Fünfzigerjahre erfolgreich einige Bilder etwa in Münster, Fulda und seiner Heimat Braunschweig auszustellen. Dort hatte er sogar zeitweise eine eigenen Galerie und arbeitete gleichzeitig als Retuscheur. Mitte der Sechzigerjahre ging er nach West-Berlin, wo 1966 seine Ehe scheiterte, was ihm laut einem der Gesprächspartner, dem Kunstkritiker Walter Vitt, einen schweren Schlag versetzte.

Das Innere eines Ausstellungsprospekts aus dem Jahr 1960 – Schwannecke (o.l.) ist Mitte Zwanzig. Freunde aus Braunschweig brachten es zur diesjährigen Gedenkveranstaltung mit. Foto: Philipp Siebert

Mit den Jahren blieb auch sein Erfolg als Künstler zunehmend aus und er bekam zeitweise Probleme mit Drogen. 1976 kehrte Schwannecke verarmt nach Braunschweig zurück und beschloss seinen Stil radikal zu verändern und nur noch Alltägliches zu malen. Künstlerisch setzte er sich in der folgenden Zeit mit dem Deutschen Herbst und dem RAF-Terrorismus auseinander und positionierte sich zunehmend politisch links.

Nach seiner Rückkehr nach West-Berlin Anfang der Achtziger wurde er Teil der Kreuzberger Künstlerszene. Dort konnte er sich zwar darüber hinaus einen Namen machen. Scheiternde Ausstellungen, wirtschaftliche Not und letztlich der Tod seiner Mutter brachten ihn aber immer weiter in eine Sinnkrise, an dessen Ende er auf der Straße landete. Nicht ganz klar ist heute, in wieweit er aus einer Ablehnung allen Bürgerlichen bewusst auf die Straße ging um seinen Wunsch nach vollkommener Freiheit zu verwirklichen und in wieweit ihn die wirtschaftliche Not dazu zwang. „Es ist doch auch egal ob einer links ist oder obdachlos – totgeschlagen gehört keiner“, sagt Schwanneckes Bekannte Rose.

Schwannecke nicht als Opfer rechter Gewalt anerkannt

Die Amadeu-Antonio-Stiftung zählt seit 1990 bundesweit insgesamt 179 Todesopfer rechter Gewalt. Von staatlicher Seite sind davon lediglich 75 als solche anerkannt. Auch Günter Schwannecke zählt nicht dazu. „Das Gericht erkannte zu keinem Zeitpunkt ein politisches Motiv, sondern stellte fest, dass es dem Täter ausschließlich um die Lust an Gewaltanwendung gegangen ist“, antwortete im Dezember 2011 der damalige Berliner Innensenator Frank Henkel (CDU) auf eine parlamentarische Anfrage der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus. Darin sieht die Gedenkinitiative einen schweren Irrtum und auch das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf bezeichnet Schwannecke mit dem Gedenkstein als Opfer rechter Gewalt.

Seit 2013 erinnert ein Gedenkstein am Ort des Geschehens an Günter Schwannecke. Gleichzeitig wurde der Spielplatz ihm zu Ehren umbenannt. Foto: Philipp Siebert

Das sieht auch Markus Tervooren so. Als Berliner Geschäftsführer der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund deutscher Antifaschisten (VVN-BdA) sieht er in der Person und im Wirken des Täters Norman Z. genug Anhaltspunkte. Wenn auch ein kleines Licht sei Z. als Neonazi-Funktionär den Sicherheitsbehörden bekannt gewesen. „Bereits vor der Tat stand er als Mitglied eines deutschen Ablegers des Ku-Klux-Klans (KKK) im Fokus von Ermittlungen.“ Außerdem habe er sich an der Produktion und Verbreitung eines Fanzines mit dem Namen „Das Feuerkreuz“ beteiligt.

Auch andere Quellen belegen, dass Z. in dieser Zeit wohl wenigstens zum Umfeld des bekannten Neuköllner Neonazis und Gründers dieser KKK-Abteilung, Carsten Szczepanski, gehört hat, der nach seiner Enttarnung als V-Mann „Piatto“ für den brandenburgischen Verfassungsschutz im Jahr 2000 mittlerweile unter neuer Identität lebt. Zuvor war Szczepanski jedoch federführend am Aufbau des rechtsradikalen Netzwerks „Blood & Honour“ beteiligt. Das wiederum hat dem NSU über Jahre Unterschlupf und Unterstützung geboten. Nach seiner Haftentlassung habe auch Z. am Aufbau des Netzes mitgewirkt, sagt Tervooren. „Der Name taucht immer wieder auf.“

Auf Listen wie dieser, die am Gedenktag auf dem Spielplatz aushing, findet sich auch Schwanneckes Name. Er wurde drei Tage nach dem Ende der Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen erschlagen und starb eine Woche später. Foto: Philipp Siebert

Ob der Berliner Neonazi Z., dessen Spur sich vor etwa zehn Jahren verliert, auch zum Umfeld des NSU gehört hat, lässt sich nicht eindeutig nachvollziehen. Unter anderem um das vielleicht aufzuklären, unterstützt die Günter-Schwannecke-Gedenkinitiative den VVN-BdA in der Forderung, dass auch das Berliner Abgeordnetenhaus einen NSU-Untersuchungsausschuss einrichtet. „Das sind wir den Opfern rechter Gewalt wie Günter Schwannecke schuldig“, sagt Tervooren.