Aktuelles / Sonntag, 03.09.2017

Tag des offenen Denkmals
in der City West

Der 89 Meter hohe Turm der Charlottenburger Rathauses kann zum Tag des offenen Denkmals bestiegen werden. Foto: Carolin Brühl

Zum Tag des offenen Denkmals lockt der Blick vom Turm des Charlottenburger Rathauses. Aber auch andere spannende Orte in der City West öffnen ihre Türen.

Von Philipp Siebert

Die lebendige City West von oben bestaunen: Das geht am 8. September nicht nur vom Berliner Funkturm. Denn im Rahmen des Tages des offenen Denkmals öffnet traditionell auch das Rathaus Charlottenburg die Wendeltreppe zu seinem mächtigen Turm, der grau-schwarz auf dem repräsentativen Bau an der Otto-Suhr-Allee 100 thront. Nach vorheriger telefonischer Anmeldung können interessierte Besucher am Freitag zwischen elf und 14 Uhr alle 20 Minuten hinaufsteigen, sich mit der Geschichte des Gebäudes vertraut machen und den weiten Blick genießen.

Dieser dürfte schnell auf das benachbarte Schloss Charlottenburg fallen, dessen Kuppel der Turm mit seinen 89 Metern deutlich überragt. Angeblich soll sich deshalb Kaiser Wilhelm II. nach der Einweihung des Rathauses im Jahr 1905 geweigert haben, daran vorbeizufahren. Es gilt heute als Zeugnis des Selbstbewusstseins der bis 1920 selbstständigen bürgerlichen Großstadt Charlottenburg als zeitweise reichster Stadt Preußens. Der Turm ist nach wie vor der höchste Rathausturm Berlins – knapp 15 Meter höher als der des rund vierzig Jahr zuvor gebauten Roten Rathauses.

Friedrich Kallmorgen (1856-1925): Blick gen Westen über die Berliner Straße (heute Otto-Suhr-Allee) mit Rathaus, 1914. Foto: Museum Charlottenburg-Wilmersdorf

Der Rathausturm öffnet streng genommen schon zwei Tage vor dem eigentlichen Tag des offenen Denkmals am 10. September. Allerdings werden auch anderswo zahlreiche Veranstaltungen und Führungen vor besagtem Stichtag angeboten – die meisten am Sonnabend, 9. September. Koordiniert wird die bundesweite Aktion von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Die bietet eine interaktive Karte mit allen Adressen, Zeiten und kurzen Informationstexten an. Dort können auch einzelne Denkmalkategorien wie „Sakralbauten“, „Wohnbauten und Siedlungen“ oder „Industrie und Technik“ rausgefiltert sowie über eine Merkzettel-Funktion persönliche Routen zusammengestellt werden. Für unterwegs gibt es das Gleiche auch als App für das Smartphone.

Zahlreiche Denkmalführungen in der City West

In der City West sind auf dieser Karte neben bekannten Adressen wie dem Schloss Charlottenburg, der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche oder dem Haus des Rundfunks am Theodor-Heuss-Platz auch zahlreiche weniger bekannte Ziele zu finden. So lädt die Gemeinde der Wilmersdorfer Ahmadiyya Lahore Moschee in der Brienner Straße das ganze Wochenende in das Mitte der Zwanzigerjahre im persisch-indischen Stil errichtete Gotteshaus ein. Sonnabend und Sonntag hat die sonst nicht der Öffentlichkeit zugängliches Moschee von zehn bis 18 Uhr geöffnet – zwischen 10:30 und 16:30 Uhr werden stündlich Führungen angeboten.

Sportliche Romantiker kommen am Abend des 9. September auf ihre Kosten, wenn der Verein Gaslicht Kultur zu einer Radtour durch das warme Licht Altberliner Gaslaternen im Kiez südlich des Schlosses Charlottenburg einlädt. Start ist um 20 und 21 Uhr am U-Bahnhof Sophie-Charlotte-Platz.

Mehr als die Hälfte aller weltweit existierenden Gaslaternen steht auf Berlins Straßen, aber es werden zunehmend weniger.  Foto:pa/dpa

Direkt um die Ecke können Spaziergänger noch einmal einen Blick in das denkmalgeschützte Parkwächterhaus am Lietzensee werfen, bevor es für mindestens ein Dreivierteljahr sanierungsbedingt geschlossen wird. Der Verein ParkHaus Lietzensee hat es vor wenigen Jahren vom Bezirk gepachtet und will es bis kommenden Sommer mit Spenden und Mitteln der Lotto-Stiftung Berlin wieder in eine Begegnungsstätte mit Café und kulturellem Angebot verwandeln.

Am Kurfürstendamm laden dagegen gleich zwei im aktuellen Bestand bedrohte Denkmäler zur Besichtigung ein. Am Lehniner Platz können sich Interessierte ein Bild vom WOGA-Komplex machen. Thema der Führungen soll auch der umstrittene Plan eines britischen Investors sein, die stillgelegten Tennisplätze im Innenhof zu bebauen.

Hinter der Schaubühne am Lehniner Platz liegt das städtebauliche Ensemble, das zwischen 1925 und 1931 von Erich Mendelsohn im Auftrag der Wohnungs-Grundstücks-Verwertungs-Aktiengesellschaft (WOGA) erbaut wurde. Foto: pa/dpa

Zwei Kilometer östlich öffnen das vom Abriss bedrohte Theater und die Komödie am Kurfürstendamm außerhalb der Vorstellungszeiten. Allerdings gibt es am 9. September um zwölf Uhr nur eine Führung durch das 1921 von Oscar Kaufmann realisierte Gebäude. Aufgrund der begrenzten Teilnehmerzahl ist unbedingt eine Anmeldung erforderlich. Ebenfalls in Teilen von Kaufmann stammt das im Art Déco Stil errichtete Renaissance-Theater an der Hardenbergstraße. Hier werden allerdings am 10. September zwei Führungen angeboten.

Für Industriearchitektur-Interessierte öffnet außerdem die ehemalige Müllverladestation an der Helmholtzstraße am Zusammenfluss von Spree, Landwehr- und Charlottenburger Verbindungskanal. Die Mitte der Dreißigerjahre entgegen dem Stil der herrschenden NS-Bauideologie errichtete Anlage wurde bereits 1954 stillgelegt. Heute beherbergt sie ein Architekturbüro. Dieses bietet am 9. September den ganzen Nachmittag über Führungen an, wobei wegen der begrenzten Kapazitäten auch hier eine Anmeldung erforderlich ist.

Tag des offenen Denkmals Teil einer europaweiten Aktion

Der Tag des offenen Denkmals findet seit 1993 jedes Jahr am zweiten Septemberwochenende statt. Unter dem Motto „Macht und Pracht“ öffnen in diesem Jahr bundesweit rund 7500 historische Baudenkmale, Parks oder archäologische Stätten ihre Türen und erlauben einen Einblick in Orte, die sonst nicht oder nur teilweise zugänglich sind. Ziel ist es laut der Deutschen Stiftung Denkmalschutz „die Öffentlichkeit für die Bedeutung des kulturellen Erbes zu sensibilisieren und Interesse für die Belange der Denkmalpflege zu wecken“.

Der Tag des offenen Denkmals ist Teil der 1991 vom Europarat erstmals ausgerufenen „European Heritage Days“, die zwischen August und September in mittlerweile mehr als 50 Ländern begangen werden. Die Idee dazu stammt aus Frankreich, wo bereits 1984 ein ähnlicher Aktionstag ins Leben gerufen wurde, der schnell viele Nachahmer fand.

 

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