Aktuelles / Sonntag, 20.09.2015

Wenn dich dein Leben nervt,
streu Glitzer drauf

Thomas und Sia Thompson sind „The sideshow charlatans“ und zeigen ihre Verbindung zur übersinnlichen Welt. Foto: Anca Specht

Wenn die Westender feiern ist, das immer etwas Besonders. Das hat Glamour. Da ist es dann auch mit einer banalen Bratwurst nicht getan, da gibt es dann schon mal Lachsdöner.

Von Anca Specht

Was kommt dabei raus, wenn ein leidenschaftlicher Angler und Döner-Liebhaber ein neues Gericht kreiert: Genau, ein Lachsdöner. Ronny Unger, 31, angelt schon seit seinem zweiten Lebensjahr, da liegt es nahe, dass das Thema Fisch bei ihm ganz oben steht. Auf dem Straßenfest in Westend an der Preußenallee bietet er am Wochenende deshalb einen Lachsdöner an. Er besteht aus übereinander geschichtetem Lachsfilet und Seelachs, dazu Salat, Tomaten, Gurken, Zwiebeln und Honig-Senf-Dill bzw. Remouladen-Sauce. Aber warum gerade Lachs und kein anderer Fisch, fragen wir? „Der hält einfach nicht so gut am Spieß“, meint Mitarbeiterin Britta. Und der Lachsdöner scheint gut anzukommen, nicht nur auf dem Westender Straßenfest. „Auf dem Lollapalooza-Festival haben die Leute 2,5 Stunden dafür angestanden“, erzählt Ronny und lächelt stolz. Die Schlangen auf dem Preußenfest sind zum Glück etwas kürzer, vielleicht auch deshalb, weil die Leckerei immerhin mit 6.50 Euro zu Buche schlägt.

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Ein Schmankerl der vornehmen Art: Lachsdöner vom Straßenfest in Westend. Foto: Specht

 

Doch nicht nur Feinschmecker, sondern auch Schaulustige kommen auf dem Fest auf ihre Kosten: Geisterbeschwörung, weggezaubertes Bargeld, ein Flohzirkus und ein Feuerspucker beeindrucken die Gäste. Thomas und Sia Thompson sind „The sideshow charlatans“ und zeigen ihre Verbindung zur übersinnlichen Welt. Während Sia gefesselt auf einem Stuhl sitzt, zieht Thomas einen Vorhang hoch und plötzlich fliegen kleine Klingeln und andere Gegenstände aus dem kreisrunden Vorhang. Im nächsten Moment hat Sia – immer noch gefesselt – eine Jacke an. Die beiden bezeichnen sich als Straßenkünstler und dazu gehören einige Grundeigenschaften, wie Thomas erklärt. „Mut, Disziplin und Sparsamkeit – dann kann man von den Einnahmen auch gut leben“. Gilbert wiederum nennt sich „ehrlicher Scharlatan“. Er bastelt aus Luftballons kleine Tiere und sein Floh „Fifine“ vollführt dreifach-Saltos von einem Sprungbrett in einen winzigen Pool. Der 63-jährige Belgier tritt seit 50 Jahren als Straßenkünstler auf. Er sei eine „kleine Legende“, erzählt sein Kollege Thomas. Die drei treten häufiger zusammen auf. Gilbert reist mit seinem bunten Wagen vor allem durch Deutschland und Frankreich. Im Westend heizt er den Zuschauern mit seinen Feuerspuck-Künsten mächtig ein.

(4) Straßenkünstler Gilbert

Gilbert heizt den Zuschauern im Westend mit seinen Feuerspuck-Künsten mächtig ein. Foto: Anca Specht

Aber auch originelles Kunsthandwerk lässt sich an der Preußenallee begucken: „Wenn dich dein Leben nervt, streu Glitzer drauf“ steht auf einem Schild. „Ich kann nichts dafür, die Schuhe haben Mama zu mir gesagt“ auf einem anderen. Familie Bah fertigt diese Holzschilder im „shabby-chic“-Stil, bei dem neu hergestellte Gegenstände künstlich gealtert werden, um einen nostalgischen Stil zu kreieren. Neben den Spruchschildern fertigen sie auch solche mit Motivbildern, zum Beispiel mit Balletttänzerinnen, kleine Holzbänke oder verzieren Geschirr. „Wir produzieren alles selbst, in meiner kleinen Berliner Waschküche. Die Leute wollen nicht mehr diese industriell gefertigte Ware, bei uns bekommen sie handgemachte Einzelstücke“, sagt Bah.

Glitzerschilder mit Lebensweisheiten

Sie brauche für ein Schild etwa vier Tage, inklusive Trockenzeit. Doch die Preise wolle sie nicht zu hoch ansetzen. „Ich gucke immer, was ich bezahlt habe, wie viel Arbeit da drin steckt und was ich selbst dafür zahlen würde“, meint Bah. Nicole Frank von „Unic“ macht Neues nicht alt, sondern baut aus Altem etwas Neues. Ihre Kaffeetassen sind nicht mehr zum Trinken geeignet. Nicole Frank hat Tasse und Untersetzer zusammengeklebt, ein Loch reingebohrt und Glühbirnen eingesetzt. Das ehemalige Kaffeeservice ist so nicht nur nachhaltig weiterbenutzt, sondern sorgt auch für Erleuchtung.