Aktuelles / Donnerstag, 09.11.2017

Steine mit Schattenseiten
vor der TU

Fragment aus einer anderen Zeit: Im Vorgarten der TU liegen noch Teile des Vorkriegsgebäudes. Foto: Sofia Mareschow

Überall in der City West gibt es kleine Schätze, hinter denen manchmal durchaus einen spannende Geschichte steckt. So wie bei den steinernen Fragmenten vor der TU.

Von Sofia Mareschow

Moosbelag glättet die tiefen Fugen in den verschlungenen Ornamenten. Der tiefgraue Stein liegt auf einer grasüberwucherten Fläche. Die Kapitell-Stücke im Schatten des Hauptgebäudes der Technischen Universität sehen aus wie stumme Posten, wie Geister der Vergangenheit. Wo kommen sie her? Haben Sie etwas mit den Dauerbaustellen an der Hardenbergstraße zu tun? Vergeblich suchen Passanten nach einer Erklärung: Längst sind die Inschriften auf dem Hinweis-Schild verblichen.

Ein Stadtbild, das es so nicht mehr gibt

Es sind dies die Spuren eines Berliner Stadtbildes, das es so schon lange nicht mehr gibt. Hier, an der Straße des 17. Juni Nummer 135, wurde 1884 das Hauptgebäude der Königlichen Technischen Hochschule eingeweiht – als Symbol für den Aufbruch ins technische Zeitalter. Der Monumentalbau im Stil italienischer Hochrenaissance nach Plänen des Architekten und Direktors der Berliner Bauakademie Richard Lucae (1829-1877) war Kernstück einer erfolgreichen Institution. Als erste Technische Hochschule Deutschlands erhielt sie 1899 das Promotionsrecht.

TU als geistige Waffenschmiede der Nationalsozialisten

Die Historie des Hauses hat indes auch Schattenseiten. Unter dem Nationalsozialismus wurde es zur geistigen Waffenschmiede aufgerüstet, diente als Kulisse von Militärparaden. Nach der Bombardierung Berlins lag sie in Trümmern. 1946 neu gegründet und in „Technische Universität“ umbenannt, erhielt die Einrichtung eine humanistische Neuausrichtung. Der Bruch mit der Vergangenheit war auch ein indes architektonischer. Das 1965 nach Entwürfen von Kurt Dübbers errichtete TU-Hauptgebäude – ein zehngeschossiger, aluminiumverkleideter Bau mit Audimax – symbolisiert die Moderne. An das alte Gebäude erinnern eine großformatige Fotografie von 1885 im ersten Zwischengeschoss – und die steinernen Fragmente.

 

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