Aktuelles / Freitag, 10.02.2017

Seesener Straße: Elf Kastanien für Bauprojekt gefällt

Diese alte Kastanie stammt noch aus Vorkriegszeiten. Foto: Anja Meyer

Die Anwohner in der Seesener Straße sind sauer: In dieser Woche wurden ohne Vorwarnung Straßenbäume für ein umstrittenes Bauprojekt gefällt.

Von Anja Meyer

Heinz Murken ist stinksauer. Er sagt, er und andere Anwohner der Seesener Straße fühlten sich hochgradig von den Bezirkspolitikern betrogen. Der Grund: In den 31 Jahren, in denen Murken in seiner Mietwohnung lebt, schaute er vom Fenster aus direkt ins Grüne – auf prächtige, gesunde Kastanienbäume, von denen einige sogar noch aus Vorkriegszeiten stammten. In diesem Frühjahr wird das zum ersten Mal nicht mehr so sein. Seit Anfang der Woche werden die ersten Kastanien gefällt, die Fällarbeiten dauern noch immer an. Auf der Fällliste des Bezirks sind sie indes nicht aufgeführt.

Anwohner zu spät informiert

„Wir Anwohner wurden nicht einmal darüber informiert, dass es eine Genehmigung dafür gibt“, sagt Heinz Murken. Viel skurriler: Am vergangenen Wochenende wurden Halteverbotsschilder mit dem Hinweis „Baumpflege“ aufgestellt. Murken bezeichnet das als den Gipfel der Geschmacklosigkeit. Gegenüber seiner Wohnung, dort wo früher einmal Kleingärten waren, sollen 180 neue Wohnungen und ein achtstöckiges Geschäftshaus am Henriettenplatz entstehen. Direkt neben dem S-Bahnhof Halensee, als eine Art Tor zum Kudamm.

Dieses Halteverbotsschild bezeichnet Heinz Murken als „Gipfel der Geschmacklosigkeit“. Foto: Anja Meyer

Im Januar vergangenen Jahres informierte der Investor, die Immobilienfirma HNK, während einer öffentlichen Einwohnerversammlung in der Hochmeisterkirche über das Bauvorhaben. Damals hieß es vom Architekten Ivan Reimann noch, es müsse nur ein Straßenbaum gefällt werden. Jetzt sind schon mindestens elf weg. Weder HNK-Geschäftsführer Stefan Nespethal, noch Architekt Ivan Reimann waren auf Anfrage für eine Stellungnahme zu erreichen.

Genehmigung liegt seit zwei bis drei Wochen vor

Charlottenburg-Wilmersdorfs Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) zeigte sich überrascht, dass die Anwohner der Seesener Straße nicht über Baumfällungen in ihrer Straße informiert wurden. „Meines Wissens haben die Bauherren vergangene Woche Info-Flyer in die Briefkästen geworfen“, sagt er. Laut Anwohner Heinz Murken sei das erst am Wochenende vorher passiert. Die Genehmigung über die Fällung der Straßenbäume liegt nach Angaben von Schruoffeneger seit etwa zwei bis drei Wochen vor. Die für die Baumfällung auf dem Baugrundstück seit etwa sechs Wochen. Der Investor wolle etwa die Hälfte der Bäume durch Neupflanzungen an anderer Stelle ersetzen und für die andere Hälfte Ausgleichszahlungen leisten.

Dass die alten Kastanien überhaupt weg mussten, daran habe laut Schruoffeneger kein Weg vorbeigeführt. „Das ist für den Zugang zur Baustelle notwendig“, sagt er. „Baurecht bricht den Baumschutz – da kann man nichts machen.“ Da Berlin dringend neue Wohnungen brauche, sei daran auch nicht zu rütteln gewesen. Dass die Bürger angeblich nicht informiert wurden, sieht auch er kritisch. „Der ganze Vorgang ist dringend klärungsbedürftig.“

So sah die Seesener Straße im vergangenen Sommer noch aus. Foto: BI Henriettenplatz

Für Heinz Murken und seine Mitstreiter der Bürgerinitiative Henriettenplatz ist das nun zu spät – die Kastanien sind weg. Die Bürgerinitiative setzt sich für einen grünen Kiez und gegen Nachverdichtung ein. Sie hatte sich im Jahr 2002 gegründet und damals ein am Henriettenplatz geplantes Hochhaus verhindern können. Am Donnerstag haben die Mitglieder nun einen offenen Brief an den Stadtrat geschrieben. Darin heißt es: „Was in der Seesener Straße und am Henriettenplatz seit Montag passiert, geschieht in Ihrer Verantwortung. Solange Sie weiterhin vollendete Tatsachen schaffen lassen, sehen wir keinen Gesprächsbedarf mehr mit Ihnen.“

Viele Neubauwohnungen stehen noch leer

Und auch wenn Murken selbst der Meinung ist, dass Berlin weitere Wohnungen braucht, sieht er das Bauprojekt ohnehin kritisch. „Die Wohnungen, die dort entstehen, brauchen wir hier nicht – die werden ohnehin nicht bezahlbar sein.“ Erst im vergangenen Oktober war in der Seesener Straße ein umstrittener, 200 Meter langer Gebäuderiegel der Sanus AG mit 221 Wohnungen fertiggestellt worden. Auf dem Immobilienportal Immobilienscout24 werden sie zu einer Kaltmiete von 13,90 Euro angeboten. Ein Blick auf die Klingelschilder zeigt: Gut die Hälfte der Wohnungen dürfte demnach nach mehr als vier Monaten noch leer stehen.

 

Kommentare

  1. Baurecht bricht den Baumschutz – da kann man nichts machen“,
    sagt der Stadtrat,
    Dessen Parteifreunde im Herbst noch sagten, ein „weiter so“, wie bisher unter dem damaligen Baustadtrat der SPD, werde es nicht geben.
    Heute hören wir die gleichen Worte, von einem Stadtrat der Grünen (!), wie vor diesem aus dem Mund seinen Vorgängers.
    Aus zuverlässigen Quellen wissen wir, die Bi Henriettenplatz, daß die Fällungen nicht hätten genehmigt werden „müssen“. Jedenfalls nicht in dieser Dimension. Wenn diese Quellen nicht trügen, sagt der Stadtrat also nicht die Wahrheit.
    Zumal es juristische Widersprüche mehrerer Eigentümer gegen den Bauvorbescheid des Investor gibt, die noch nicht beschieden wurden. Angeblich wußte die die Fällungen genehmigende Verwaltung nichts von diesem Widerspruch.
    Was schon sehr merkwürdig wäre
    Die haben zwar keine aufschiebende Wirkung. Dennoch ist es nicht ausgeschlossen, daß durch juristische Mittel das Bauvorhaben mindestens noch lange ausgebremst, wenn nicht gar verhindert wird.
    Die Kastanien sind dann weg, kommen auch nicht wieder. Und was haben wir Anwohner von Ersatzpflanzungen an anderer Stelle?
    Niemand hier hat etwas gegen Wohnungsbau.
    Aber niemand in dieser Stadt braucht noch mehr Wohnungen, die entweder Eigentums- oder Mietwohnungen ab 14 € Nettokalt sind!
    Ein Kiez weint!
    Weil der Stadtrat der Grünen genehmigen ließ, was sich niemand vorstellen konnte.
    Zumal es vor über 200 Nachbarn und auch Bezirkspolitikern, eben diesen berühmten Satz gab:
    „es wird nur ein Straßenbaum gefällt!“

  2. Jeder gefällte Baumm sollte doch zumindest durch Neupflanzung ersetzt werden. Statt dessen:
    „Der Investor wolle etwa die Hälfte der Bäume durch Neupflanzungen an anderer Stelle ersetzen und für die andere Hälfte Ausgleichszahlungen leisten.“
    Und das ist leider normal: Laut einer Bilanz der Umweltverwaltung sind in den vergangenen Jahren durchweg mehr Straßenbäume gefällt als nachgepflanzt worden. Von 2011 bis 2015 summiert sich das Defizit auf 9404 Bäume. Das ist traurig.

    Offensichtlich sind die zu leistenden Ausgleichszahlungen viel zu gering. Eine Bürgerinitiative, die sich vor Allem für den 1:1 Ausgleich von gefällten Bäumen einsetzt, statt Neubauten grundsätzlich verhindern zu wollen, hätte meine volle Unterstützung.

Comments are closed.