Aktuelles / Mittwoch, 02.08.2017

Schmargendorf: Vom Bauerndorf zum Stadtkiez

Beliebt bei heiratslustigen Paaren: Das Rathaus Schmargendorf in märkischer Backsteingotik ist das Herz von Schmargendorf. Fotos: Christian Kielmann

Der Wilmersdorfer Ortsteil Schmargendorf ist ein intakter Kiez zwischen dörflicher Idylle mit viel Grün und Wasser und einer hervorragenden Infrastruktur.

Von Simone Jacobius

Das Herzstück Schmargendorfs befindet sich am Berkaer Platz: das prächtige Rathaus im Stil märkischer Backsteingotik. Und es sorgt bei manch einem Besucher für einen beschleunigten Herzschlag, ist es doch eines der beliebtesten Standesämter der Stadt – wenn nicht sogar das beliebteste. Denn das Trauzimmer befindet sich im ehemaligen prächtigen Ratssaal, das mit Motiven aus der „Walküre“ von Richard Wagner verziert ist. Der rote Backsteinbau mit Turm, Staffelgiebel, Zinnen und verschiedenen Wappen an der Fassade, ist von 1900 bis 1902 nach Plänen von Otto Kerwien gebaut worden. Wegen seines verspielten und zugleich repräsentativen Äußeren ist das Rathaus auch bei Prominenten als „Eheschmiede“ beliebt. So schlossen hier schon Romy Schneider, Anita Kupsch, Gunter Gabriel, Paul Kuhn, Ingrid Steeger, Roland Kaiser und Harald Juhnke den Bund fürs Leben.

Breite Straße und Berkaer Straße sind die Magistralen des Ortsteils und beliebte Einkaufsstraßen, die allen Bedürfnissen gerecht werden.

Schmargendorf ist ein Ortsteil von Charlottenburg-Wilmersdorf, der bis heute seinen eigenständigen und eher kleinstädtischen Charakter bewahrt hat. Neben dem prachtvollen Rathaus gibt es in den Nebenstraßen viele prächtige Villen, aber auch Ein- und Mehrfamilienhäuser und vor allem viel Grün – Wald und Seen sind in unmittelbarer Nähe. Der Ortsteil übt eine große Anziehungskraft auf Menschen aus, die citynahes Wohnen lieben, denn es ist nur ein Katzensprung bis zum Kudamm und auch S-Bahn und Autobahn sind in der Nähe. Es ist ein gutbürgerliches Viertel, und somit auch ein gutes Pflaster für Händler mit erlesenen Angeboten.

Viele Weggezogene kommen wieder zurück

„Schmargendorf hat einen dörflichen Charakter, es ist noch ein richtiger Kiez“, findet Matthias Reinhold, der sein Friseurgeschäft genau gegenüber vom Rathaus hat. Und er stellt auch fest, dass der beliebte Ortsteil immer jünger wird. „Es kommen viele Weggezogene, die aber hier aufgewachsen sind und jetzt eine eigene Familie haben, wieder zurück“, hat er festgestellt. Das spiegelt auch das Bild auf der beliebten Hauptader des Ortsteils, der Breite Straße, die zusammen mit der Berkaer Straße das Zentrum Schmargendorfs bildet, wider. Viele Frauen mit Kinderwagen fahren von Geschäft zu Geschäft. Man stoppt kurz, hält ein Schwätzchen, fährt weiter. Man kennt sich halt in Schmargendorf. Alles ist etwas dörflicher…

Dorfkirche Schmargendorf die kleinste Dorfkirche Berlins

Das wird auch von der Dorfkirche, einem typisch märkischen Backsteinbau aus dem 14. Jahrhundert, widergespiegelt. Bei ihr handelt es sich übrigens um die kleinste Dorfkirche Berlins. In dieser Idylle fühlen sich auch Promis wohl, Vielleicht, weil sie einfach normal behandelt werden – wie der Nachbar von nebenan. So lebte die Schauspielerin Brigitte Mira in den 50er-/60er-Jahren an der Tölzer Straße. Die Filmregisseurin und Tänzerin Leni Riefenstahl ließ sich ihre Villa an der Heydenstraße bauen und auch der Lyriker Rainer Maria Rilke und die Journalistin Lea Rosh leben und lebten in Schmargendorf. Aber vielleicht ist es auch das Beschauliche, was die Menschen an dem grünen Ortsteil lieben.

Unpersönliche Einkaufszentren werden nicht geschätzt

„Die Schmargendorfer gehen gerne zu Fuß in kleinen Geschäften einkaufen, nicht unbedingt in unpersönlichen Einkaufszentren“, weiß Martin Hermann, Inhaber von Utermarck Schreibkultur. Das Traditionsgeschäft gibt es bereits seit 98 Jahren an der Breite Straße. Neben Schreibbedarf sind vor fast 50 Jahren auch Bücher dazu gekommen und inzwischen auch Geschenkartikel. „Es ist eine anspruchsvolle Wohngegend. Wenn die Schmargendorfer etwas verschenken, wollen sie etwas Besonderes haben und nicht etwas, was man überall bekommt“, sagt er.

Martin Hermann ist Inhaber des Traditionsgeschäftes Utermarck Schreibkultur

Da Schmargendorf immer jünger wird, wie auch er feststellt, bietet er einen besonderen Service für alle Schulkinder: Einfach Bücherliste und Materialliste fürs kommende Schuljahr abgeben und nach dem Urlaub liegt alles abholbereit da. Nach seiner Auffassung sucht man zwei Klientel in Schmargendorf allerdings vergeblich: „Touristen verirren sich gar nicht hierher und auch Studenten gibt es nur wenige.“ Dafür gäbe es sehr viele Diplomaten, denn viele Botschaften liegen in dem Viertel, und reiche Osteuropäer, die sich die teuren Villen leisten konnten.

Angenehme Gegend mit häuifig besser situierten Menschen

„Eine angenehme Gegend mit vielen netten, häufig besser situierten Menschen“, beschreibt auch Lars Nagel die Gegend um Berkaer- und Breite Straße. Er hat vor erst einem Jahr sein Geschäft „Lieblingsbrille Augenoptik“ eröffnet, das sehr gut angenommen wird.

Haben sich erst vor einem Jahr im Kiez angesiedelt: Lars Nagel und Christin Drabe in ihrem Geschäft Optiker-Geschäft Lieblingsbrille

Wer die Hundekehlestraße weiterläuft, kommt nach wenigen hundert Metern in ein weiteres kleines Zentrum: Roseneck. Ein traditionell gewachsener Kiez, der aber auch noch zu Schmargendorf gehört. Das Juweliergeschäft von Lutz Reuer hat eine schon etwa 80jährige Geschichte am Roseneck hinter sich, davon fast zehn Jahre in seinem Besitz. Der Juwelier schwärmt vom guten Zusammenhalt der Gewerbetreibenden. „Man findet eigentlich alles am Roseneck, ein gehobenes Angebot, aber durchaus auch ein normales“, sagt er.

Markant: Das Hochaus am Roseneck

Draußen auf den Parkplätzen geben sich Bentley, Rolls Royce und Daimler ein Stelldichein. Darüber haben auch schon Jasmin Riemer und Roswitha Pawolek von Fix Foto geschmunzelt. Auch bei ihnen im Laden verkehrt ein buntes Völkchen, im wahrsten Sinne. Denn durch die Botschaften mit den dazugehörigen Pass- und Visa-Angelegenheiten gibt es eine rege Nachfrage nach Passfotos. Und auch Jeannette Wagner vom Reisebüro DER PART schwärmt von ihrem Kiez: klein und fein, viel Stammkundschaft, die exklusive Reiseziele und Kreuzfahrten liebt.

Geschichte

Gegründet wurde die Ansiedlung Schmargendorf wahrscheinlich nach 1220. Die askanischen Markgrafen holten zur Stabilisierung der jungen Mark Brandenburg Siedler aus Schwaben, Thüringen, Flandern und Westfalens ins Land. Sie lebten in dem neu gegründeten Ort von der Landwirtschaft, der Schafzucht und dem Fischfang im Wilmersdorfer See, der zur Grunewaldseenkette gehörte und im vergangenen Jahrhundert in einem langsamen Prozess verlandete und zugeschüttet wurde. Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Ort Schmargendorf im Jahr 1354. In dieser Zeit entstand auch die Dorfkirche Schmargendorf. Der Name Schmargendorf entstammt übrigens vom hochdeutschen Margrevendorf ab, was Markgrafendorf bedeutet und auf die Besitzer hinwies. Obwohl in der Nähe von Berlin gelegen, blieb Schmargendorf über jahrhundertelang ein Bauerndorf.

1275 wurde eine Kirche in Schmargendorf erwähnt, der heutige Bau stammt aus dem 14. Jahrhundert. Foto: Christian Kielmann

Bereits im 15. Jahrhundert gehörte Schmargendorf der Familie Wilmersdorff. Nach mehreren Besitzerwechseln bekamen die Landwirte 1807 die Gelegenheit, das von ihnen bewirtschaftete Land zu kaufen. 1899 erhielt Schmargendorf mit seinen damals 2000 Einwohnern den Status eines selbstständigen Amtsbezirks. 1900 schließlich ließen die nunmehr 3000 Einwohner ein Rathaus mitten auf dem Acker bauen – das heutige so beliebte Rathaus Schmargendorf. Das Geld dafür stammte aus den Steuereinnahmen von Grundstücksverkäufen. Denn die Bauern veräußerten ihr Land für den Bau prachtvoller Boulevards wie Hohenzollern- und Kurfürstendamm. 1920 schließlich wurde Schmargendorf als Ortsteil des Verwaltungsbezirks Wilmersdorf in Groß-Berlin eingemeindet

 

Kommentare

Comments are closed.