Aktuelles / Samstag, 11.03.2017

Queere Kunst vom Bosporus bis nach Berlin

Mit Kunst Grenzen überwinden: Die Kuratoren Emre Busse (l.) und Aykan Safoğlu der aktiellen Ausstellung im Schwulen Museum. Foto: Katja Wallrafen

Unter dem Titel „ ğ – queere Formen migrieren“ gibt es eine Ausstellung im Schwulen Museum, die über deutsch-türkische Grenzen hinweg einen Blick auf Rollenklischees wirft.

Von Katja Wallrafen

Hier bei uns in Berlin wird über die Einrichtung von Unisex-Toiletten in öffentlichen Gebäuden diskutiert und Beratungsstellen sind da für Leute, die trans- oder intergeschlechtlich leben. Begriffe wie LSBTI (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intergeschlechtliche) oder eben Queer (gebildet aus dem englischen Adjektiv, das Dinge, Handlungen oder Personen bezeichnet, die von der Norm abweichen) dürften den meisten Hauptstädtern bekannt sein – mutmaßlich auch die Ziele der Queer-Bewegung: Teilhabe an allen gesellschaftlichen Bereichen und Akzeptanz für ungewöhnliche Lebensweisen.

Menschen miteinander ins Gespräch bringen

Die aktuelle Gruppenausstellung des Schwulen Museums, kuratiert von den Künstlern Emre Busse und Aykan Safoğlu, richtet den Blick auf „queere Formen“ in Deutschland und der Türkei. Nicht nur in Berlin, auch in Istanbul und Ankara setzt man sich ein für die Rechte von Menschen mit nonkonformer sexueller Orientierung. In der Türkei unter Staatschef Recep Tayyip Erdoğan allerdings in einem anderen politischen Klima als in Deutschland. Obwohl in der Türkei Homosexualität zwar nicht unter Strafe steht, sind Repressionen an der Tagesordnung. 2015 wurde zum Beispiel die Gay-Pride-Parade von der Polizei mit Wasserwerfern aufgelöst. Die Queer-Bewegung in der Türkei übernahm einen aktiven Part bei den Gezi-Protesten. „Natürlich macht uns die aktuelle politische Entwicklung der Türkei nicht glücklich. Ein offenes Klima sieht anders aus“, sagt Emre Busse. Umso wichtiger aber, meint Aykan Safoğlu, sei die Macht der Kunst und ihre Kraft, die Gesellschaft ins Gespräch zu bringen: „Wir verlieren die Hoffnung nicht und bleiben geduldig. Wenn man die Ausstellung anschaut und dabei einen Blick zurückwirft, sind ja glücklicherweise Entwicklungen zu sehen.“

Ein Laut als Metapher

Ins Gespräch kommen Besucher der Ausstellung schon über den Titel, denn der ist erklärungsbedürftig: „Wir haben das ğ, einen Laut aus dem türkischen Alphabet, als Metapher gewählt“, erklärt Emre Busse. „Es ist ein Buchstabe, der ursprünglichen aus dem Arabischen kommt und erst 1928 ins türkische Alphabet aufgenommen wurde, als Türkisch erstmals in lateinischer Schrift geschrieben wurde. Dieser Buchstabe hat eine Sonderrolle, er steht nie am Wortanfang, er wird nie großgeschrieben.“

Keinen Titel hat Aykan Safoğlu seinem Druck auf metallischem Papier gegeben. Foto: Katja Wallrafen

Es ist ein östlicher Laut, der in eine westliche Form schlüpfe, findet Aykan Safoğlu. Ein Laut, den man gerne mal übersieht, so wie schwule, lesbische oder transgender Künstlerinnen und Künstler. „Es ist es auch der Buchstabe, der den meisten Deutschen nur mit großen Schwierigkeiten über die Zunge kommt, wenn sie türkische Namen aussprechen“, sagt Safoğlu.“ So stehe ğ möglicherweise auch für das Unbehagen, das ein großer Teil der Gesellschaft in Deutschland den Gastarbeitern und ihrer Nachkommen gegenüber empfinde.

Drag-Queen lächelt rätselhaft

Die Ausstellung zeigt ein Dutzend Werke von türkischen Künstlerinnen und Künstlern. Viele von ihnen Kosmopoliten, die östliche und westliche Kultur zusammendenken. Die 1977 geborene Nilbar Güreş pendelt zwischen Wien und Istanbul. Sie geht spielerisch mit Rollenklischees um, wie ihr Ensemble „Rose of Sapatao“ zeigt. Auf einer Spitzendecke drapiert, wächst eine Rose aus einem Männerschuh und begrüßt einen Keramikdildo. Das Porträt nebenan zeigt Fatma Souad, eine stadtbekannte Berliner Drag-Queen, mit sibyllinischem Divenlächeln.

Mit einem Kilim kuschelt es sich auch auf dem Leder-Sling – die markante Installation von Viron Erol Vert ist der Blickfang in der Ausstellung im Schwulen Museum. Foto: Katja Wallrafen

Viron Erol Vert, 1975 an der Spree geboren, studierte an der UdK und am Institut für Bildenden Künste der Royal Academy Antwerpen, zudem ist er Mode- und Textildesigner. Er hat ein Möbelstück ausgestellt, das auch in vielen Schwulenbars zu finden ist: An Ketten hängt ein opulenter Leder-Sling an der Decke. Aber Verts Exemplar ist anders: Es hat zwei Kopfkissen und das Lederrechteck ist mit einem Kilim kuschelig gemacht. Fast möchte man meinen, die Installation könne sich in einen fliegenden Teppich verwandeln, der Grenzen überfliegt.

Information

Begleitet wird die Ausstellung von Vorträgen, Gesprächen und Lesungen sowie Performances, Workshops und Filmvorführungen. Sie ist noch bis zum 29. Mai zu sehen.