Aktuelles / Montag, 11.12.2017

Provisorisches Gedenken
für ein Zwangsarbeiterlager

Enthüllen ein Provisorium: Jürgen Karwelat von der Berliner Geschichtswerkstatt (l.) und der Historiker Michael Roeder. Foto: Carolin Brühl

Michael Roeder schafft Fakten – zumindest provisorische. Am Haus Wilhelmsaue 40 hat er eine Gedenktafel für ein Zwangsarbeiterlager des Bezirks angebracht.

Von Carolin Brühl

Dass es Michael Roeder und seinen Mitstreitern überaus ernst mit ihrem Anliegen ist, zeigt, dass sie sich auch vom ersten Schneetreiben dieser Saison nicht abschrecken lassen, um am Sonnabendmorgen an dem Gebäude Wilhelmsaue 40 eine Gedenktafel für ein Zwangsarbeiterlager anzubringen. Zwar ist die Gedenktafel nur eine provisorische, aber der Historiker gibt die Hoffnung nicht auf, dass das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf Verantwortung für ein dauerhaftes Erinnern an diesem Ort übernimmt.

Eine Tafel mit den historischen Daten hängt nun an der Wilhelmsaue 40. Foto: Carolin Brühl

Im Gegensatz zu den rund 3000 Zwangsarbeiterlagern staatlicher Betriebe und privater Unternehmen in Berlin, hat unter der Adresse Wilhelmsaue 40 der Bezirk Wilmersdorf selbst Zwangsarbeiter für seine Zwecke beschäftigt. Michael Roeder hat Dokumente gefunden, die das beweisen. Eines davon befindet sich im Archiv des Heimatmuseums Charlottenburg-Wilmersdorf. Es ist eine Anweisung des nationalsozialistischen Bezirksbürgermeisters vom 30. April 1944 zum „Einsatz von Ausländern des städtischen Ausländerlagers für Arbeitsleistungen in Verwaltungsinteresse“ an die „Herren Dienststellenleiter“ des Bezirksamts Wilmersdorf. Darin schreibt der Bezirksbürgermeister: „Ich behalte mir den Arbeitseinsatz der Ausländer selber vor.“

Darum kämpft Roeder seit Jahren darum, dass an dem Gebäude eine Gedenktafel angebracht wird, in der der Bezirk sich seiner dunklen Vergangenheit stellt. Seine Argument: Das Gedenken ist dann authentisch, wenn es auch dort stattfindet, wo das Gedenkenswerte stattgefunden hat.

Kämpft seit drei Jahren für das Gedenken an das bezirkliche Zwangsarbeiterlager: der Historiker Michael Roeder. Foto: Carolin Brühl

Doch im Bezirksamt tut man sich schwer mit dem Thema, vor allem mit dem Ort. Kulturstadträtin Heike Schmitt-Schmelz (SPD) hat den Vorgang von ihrer Vorgängerin Dagmar König (CDU) geerbt. Sie möchte aber einen zentralen Gedenkort für alle Zwangsarbeiterlager im Bezirk einrichten und verweist zudem auf Unterlagen, aus denen hervorgeht, dass 1942 ein „städtisches Lager“ an der Wilhelmsaue 43/46 (heute Mannheimer Straße 15) im „Zentralen Unterkunftsnachweis“ bei der Dienststelle des Generalbauinspektors, Reichsminister Albert Speer, gemeldet war. Darin waren „auswärtige Arbeiter“ untergebracht, die für die städtische Müllabfuhr arbeiten mussten.

Unterstützung vom Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit

Roeder bestreitet nicht, dass es auch an der Wilhelmsaue 43/46 ein Zwangsarbeiterlager gab, doch mit dem bezirklichen Lager an der Wilhelmsaue 40 habe das nichts zu tun. Auch Jürgen Karwelat von der Berliner Geschichtswerkstatt, die Roeder unterstützt, versteht das Zögern des Bezirks nicht: „Hier wurden nachweislich Menschen verschiedener Nationen, Jugoslawen, Tschechen, Franzosen und Polen festgehalten und mussten für den Bezirk arbeiten. Seit drei Jahren liegen die Dokumente, die dies belegen, auf dem Tisch. Trotzdem tut das Bezirksamt sich schwer, hier seine Verantwortung zu übernehmen, diesen Ort zu kennzeichnen.“

Einsatz bei Schneetreiben: Christine Glauning, Leiterin des Dokumentationstzentrums NS-Zwangsarbeit in Schöneweide und Jürgen Karwelat von der Berliner Geschichtswerkstatt. Foto: Carolin Brühl

Christine Glauning vom Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, die sich ebenfalls im Schneegestöber an der Wilhelmsaue eingefunden hatte, kennt die Dokumente auch. Die Wissenschaftlerin bedauert, dass es vielerorts Kontroversen gegeben, wenn es um die Erinnerung an NS-Verbrechen und die Sichtbarmachung im öffentlichen Stadtraum gehe. Doch auch für sie sei im Fall des bezirklichen Zwangsarbeiterlagers an der Wilhelmsaue 40 die Faktenlage eindeutig, und sie hoffe, dass sich der Bezirk seiner Verantwortung stellt.

Roeder will nicht aufgeben: „Auch wenn diese provisorische Tafel herunterfällt oder entfernt wird. Wir haben noch mehr davon.“