Aktuelles / Montag, 20.03.2017

Ein Schöneberger macht
Mode mit BVG-Tickets

Mann mit viel Fantasie: Peer Kriesel in seinem Atelier in Schöneberg. Foto: Norman Posselt

Peer Kriesel übermalt alte Fahrscheine. Seine Motive landeten auf Stoffen und daraus wurde eine Kollektion für die Fashion Week.

Von Gabriela Walde

Seine „Mitbringsel“ aus New York liegen platt auf dem Boden seines Ateliers, zwei Stadtpläne von Manhattan, abstrakt übermalt in Schwarz, Rot, Gold. Von den typischen Straßenfluchten des Big Apples ist allerdings kaum mehr etwas zu erkennen. Die Karten befinden sich in Phase eins, später wird Peer Kriesel nämlich die bunten Farbflächen noch mit einem feinen Stift überzeichnen. Mit hauchdünnen Strichen entsteht dann ein surreales, ephemeres Kriesel-Universum: ein wildes Gewimmel aus Masken, Fratzen, Händen, Armbinden mit dem Logo des Roten-Kreuzes, Kakteen, Nasen und anderen undefinierbaren Formen. Seine Fantasie scheint direkt in seine Zeichenhand zu fließen. Ein Hauch von Hieronymus Bosch liegt über diesen wilden Szenerien, heiter und heilig, böse und düster.

Krisel übermalt, was ihm in die Finger kommt

Peer Kriesel übermalt, was ihm in die Finger kommt: entwertete BVG-Tickets, alte Postkarten vom Flohmarkt, Kinokarten und aufwendig gestaltete Einladungskarten der Freunde der Nationalgalerie. Neulich hat er Polaroids ausprobiert, doch dort haftet die Farbe nicht so gut, erzählt er uns. Auch vor einem Fahrrad machte er nicht halt – auf dem weißen Gestell wimmelt es von schwarzen Strichmännchen-Gesichtern, „Fratzenteppiche“ nennt es Kriesel. Das Rad hängt – wie ein Bild – an einem Haken an der Wand seines Schönebergers Ateliers. Die überlagerten Gesichter, sagt er, würden uns doch auch im täglichen Bilderfluss, bei Instagram oder in anderen Communities begleiten.

Peer Kriesel übermalt und überzeichnet entwertete BVG-Fahrkarten. Vergrößert und auf Stoff gedruckt, verarbeitet sie Julianna Bass in ihrer aktuellen Modelinie. Fotos (2): Peer Kriesel

„Diese Alltagsutensilien reizen mich, weil wir mit ihnen oft unbewusst umgehen, sie häufig in die Hand nehmen, sie also unsere Geschichte erzählen“, meint der Berliner Künstler, Jahrgang 1979. Davon abgesehen, dokumentieren diese Dinge – wie die BVG-Tickets – unseren täglichen Aktionsradius. Oft sind es auch Sätze oder Wörter, die sich per Zeichenstrich in Kriesels Übermalungen einschleichen, wie kürzlich „Fake News“. Aktuelle Themen, die ihn im Kopf begleiten.


Eines seiner übermalten BVG-Tickets hat ihn kürzlich sogar auf die New Yorker Fashion Week gebracht. Die US-Designerin Julianna Bass, die häufiger mit Künstlern zusammenarbeitet, mag Berlin und fand die Idee originell, das Motiv der „Fahrt 0376“ extrem zu vergrößern, auf Stoff zu drucken und eine Kollektion daraus zu entwickeln. Das Motiv ist ein abstraktes Gebilde aus verwaschenem Meerblau, die Köpfchen von Menschen und Tieren sind schemenhaft zu erkennen. Verblüffend, wie imposant dieses wilde Gewusel, nur 7,5 mal 6 Zentimeter groß, auf den Stoffbahnen wirkt. „Das hätte ich gar nicht gedacht“, sagt Kriesel.

„Alice im Untergrund“, das Motiv stammt von einem AquarellPeer Kriesels. Die Kollektion war 2016 auf der New Yorker Fashion Week zu sehen. Foto: Ryan Michael Kelly

Schon im Jahr davor wählte die Modemacherin sein postkartengroßes Aquarell „Alice im Untergrund“ als Vorlage für eine ihrer Kollektionen.

Ein eigenwilliges Motiv, Berlin-Style

Den Kontakt zwischen Kriesel und Julianna Bass stellte eine Berliner Galeristin her. Das Kleid aus der neuen Kollektion hängt nun am Berliner Regal, eine leichte Bluse mit Schal-Kragen gibt es auch. Der 38-Jährige zeigt auf das Ledersofa, dort liegen zwei Stoffproben in Seide und Baumwolle. Nun ja, ein eigenwilliges Motiv, Berlin Style, durchaus tragbar, die Farbigkeit hat ihren Reiz. Die BVG-Aufforderung „Bitte hier entwerten“ ist darauf nicht zu sehen, gut so. Im vergrößerten Format wirkt die Übermalung ohnehin ganz anders.

Neue Sommerkollektion der BVG

Der Trend zur BVG ist nicht neu, die Verkehrsbetriebe sind eine Marke. Das brachte Studenten im Millenniumsjahr darauf, Unterhosen zu entwerfen – mit ziemlich zweideutigen Aufdrucken wie „Rohrdamm“ und „Krumme Lanke“, die Damenslips hingegen hießen „Jungfernheide“. Das Sortiment gibt es heute nicht mehr, dafür wirbt die BVG in der neuen Sommerkollektion mit Badeshorts im blauroten Polsterlook, sorry, damit sollte man wirklich nicht an den Wannsee fahren.

Die übermalten BVG-Tickets Peer Kriesels kosten um die 400 Euro. Momentan sucht der Schöneberger eine Galerie in Berlin, zuletzt war er in der Berliner Galerie Forum Amalienpark zu sehen, auf der Berliner Liste und der „Affordable Art Fair“ in Hamburg. Wie viele andere junge Berliner Künstler auch, hat der studierte Kommunikationsdesigner noch ein anderes finanzielles Standbein, er arbeitet viel im Bereich digitales Design. Dort ist die Nachfrage groß, frische Ideen gefragt. Doch Kriesel möchte viel stärker künstlerisch arbeiten. Mal sehen, wie weit ihn die BVG bringt.

 

 

 

 

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