Aktuelles / Sonntag, 06.08.2017

Parkinitiative Brixplatz:
Zupacken statt jammern

Die Freiwilligen vom Brixplatz: Jürgen Kühn, Brigitte Henner, Frau Neumann und Felicitas Zschiedrich (v.l.). Foto: Anca Specht

Der Park soll wieder aufblühen, dafür engagiert sich die Parkinitiative Brixplatz. Eine Pergola ist geplant, doch die Freiwilligen kämpfen mit Vandalismus.

Von Anca Specht

Abseits vom Trubel der Reichsstraße, am nördlichen Ende, liegt eine kleine grüne Oase. In der ehemaligen Kiesgrube blüht der Volkspark Brixplatz mit über 340 Pflanzenarten, einem Teich, einer Felswand aus Rüdersdorfer Kalk, einem Pavillon und bald mit einer neu gebauten Pergola nach historischem Vorbild.
Für diese Grünanlage engagieren sich die Ehrenamtlichen der Parkinitiative Brixplatz seit 2003. Die meisten der zehn Freiwilligen wohnen in der Nähe, immer montags treffen sie sich zur gemeinsamen Gartenarbeit. Die Initiatorin ist Frau Neumann*. Sie kennt jede Ecke des Parks und dokumentiert die Veränderung seit Jahren. Leider wüssten nicht alle Besucher die Schönheit der Grünanlage und die Arbeit der Parkinitiative zu schätzen, sagt sie.

Drogendeals und Hundekot

„Hier gibt es das, was es in jedem Park gibt“, sagt Neumann. „Ich sehe junge Leute mit dem Handy rein gestrackst kommen, die treffen sich kurz, dealen und sind wieder weg. Die verwüsten aber zumindest nichts. Manchmal sieht man, dass Leute hier gefrühstückt haben, die lassen ihren Müll liegen. Ich heb‘ den dann auf.“ Gummi-Handschuhe habe sie deshalb meistens dabei.

Kleine Tüten, in denen wahrscheinlich Drogen verkauft wurden, liegen unter einer Parkbank. Foto: Anca Specht

Viel schlimmer als Müll und Drogendealer seien aber randalierende Jugendliche und uneinsichtige Parkbesucher. „Es gehört zum Normalfall bedroht zu werden, zum Beispiel von Hundebesitzern“, sagt Neumann. Von denen bekomme sie fast nie eine nette Antwort, wenn sie darauf hinweise, dass der Park kein Hundeauslaufgebiet sei und Hunde eigentlich an der Leine geführt werden müssten.
Erst vor kurzem habe sie einen Mann erwischt, der einen Beutel mit Hundekot in die Büsche geworfen hat. Als er Frau Neumann sah, habe er den Beutel schnell wieder aufgehoben. Auf ihre Bitte, den Hund auch anzuleinen, soll er sie angeraunzt haben: „Mein Hund macht doch nichts! Sind Sie hier der Parkwächter oder was?“ Ein anderer habe ihr mal gesagt: „Tja, das ist halt ihr Problem, wenn das ihr Hobby ist!“ Neumann trifft das: „Das tut weh!“

Trampelpfade zerstören Natur

Der respektlose Umgang mit der Natur und den Tieren im Park ginge durch alle Schichten und müsse nicht sein, findet Neumann. Um zu dem kleinen See zu gelangen, würden die Parkbesucher rücksichtslos durch die Grünanlage trampeln und sich Wege bahnen, trotz der Reisigbarrieren. „Irgendwann gibt man auf“, sagt sie. Die Tierliebe einiger Parkbesucher höre beim Hund auf: „Für brütende Vögel oder Amphibien reicht die schon nicht mehr.“ Montags um zehn Uhr treffen sich Frau Neumann und die anderen Helfer zur Gartenarbeit. Sie begehen die Wege, sammeln Müll, jäten Unkraut. Wobei: „Es gibt kein Unkraut, nur Pflanzen an der falschen Stelle“, meint Neumann lachend.

Parkinitiative seit 2003 aktiv

Sie und die anderen Freiwilligen möchten als gleichberechtigte Mitgärtner ansehen werden und schätzen die gemeinsame Arbeit. „Die Gruppe ist einfach menschlich schön“, sagt Neumann. „Wir sind eine Bürgerinitiative: Wer Lust hast, macht mit. Stimmen muss die Chemie.“
Stimmen tut die Chemie auch mit Felicitas Zschiedrich. Die 69-Jährige ist seit vier Jahren mit dabei. „Ich weiß davon schon seit Jahren und habe mir immer gesagt, wenn ich nicht mehr arbeite, mache ich mit“, sagt sie. „Es macht Spaß – außer bei Gewitter – draußen zu sein. Der Park liegt uns am Herzen.“

Neumann hat noch eine historische Zeichnung der Felswand in ihrer Brixplatz-Sammlung. Foto: Anca Specht

Brigitte Henner arbeitet seit zwölf Jahren mit. „Die Gruppe ist so toll, da fehlt einem richtig was, wenn man am Montag nicht dabei ist.“ Für die schwereren Tätigkeiten ist Jürgen Kühn zuständig. „Es ist für mich kein Problem, der einzige Mann in der Gruppe zu sein. Ich mache hier seit drei Jahren die handwerklichen Sachen. Die Frauen machen die Pflanzen, ich die Bewässerung.“

Volkspark Brixplatz soll wieder aufleben

Die Initiative arbeitet inzwischen gut mit dem Grünflächenamt zusammen. 2003 sei das noch anders gewesen. Obwohl damals der Botanischen Lehrgarten aus Geld- und Personalmangel zugeschüttet zu werden drohte, sei die Hilfe der neuen Parkinitiative nicht sofort gewollt gewesen. Neumann erzählt von den Anfangsschwierigkeiten: „Wir mussten uns beweisen. Es gab es die Sorge, dass wir etwas zerstören könnten.“ Halb lachend, halb traurig ergänzt sie: „Da war aber nicht mehr viel zu zerstören.“ Neumann wünscht sich mehr Mitverantwortung und Respekt bezüglich der Schönheit der Grünflächen und der Arbeit der Ehrenamtlichen von den Parkbesuchern.

Frau Neumann dokumentiert die Veränderungen am Brixplatz im Laufe der Zeit. Foto: Anca Specht

Entwurf von Erwin Barth

Die Grünanlage wurde ursprünglich vom Charlottenburger Stadtgartendirektor Erwin Barth 1913 entworfen und 1919 bis 1922 angelegt. Der Park soll auf seinen 2,1 Hektar die Mark Brandenburg widerspiegeln. Ursprünglich hieß der Brixplatz Sachsenplatz, sein heutiger Name bezieht sich auf den Professor für Städtebau an der Technischen Hochschule Charlottenburg: Joseph Brix. Von 1930 bis 1934 lebte der Schriftsteller Joachim Ringelnatz in der Nähe des Brixplatzes und verfasste das Gedicht „Die Nachtigall am Sachsenplatz“.
Der Park hat einen Teich, eine Nadelwaldzone und einen Laubwald. Die angelegte Heidelandschaft sei leider schon fast weg. „Manche Leute begreifen nicht, dass das ein gestalteter Park ist“, sagt Neumann.

Neubau Holz-Pergola am Brixplatz ab Herbst

Teil des ursprünglichen Konzeptes war auch eine Holz-Pergola. Der alte Laubengang im Nordwesten des Parks wurde 2015 abgerissen. Er war in den 60er-Jahren als Ersatz eingebaut worden, entsprach aber nicht dem historischen Vorbild von Erwin Barth. Für 100.000 Euro soll eine neue Pergola errichtet werden, Baubeginn ist voraussichtlich im Oktober 2017. Der Nachbau der ursprünglichen Holz-Pergola wird 40 Meter lang sein und soll den Platz aufwerten. In den geplanten Kosten enthalten sind die Überarbeitung einer 800 Quadratmeter großen Grünfläche mit einer Stufenanlage einschließlich Erdbau, Oberbau und Baunebenkosten.

Hier soll bis zum Winter die neue Pergola entstehen. Foto: Anca Specht

Die ebenfalls in dem Projekt enthaltenen Wegebauarbeiten sollen laut Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf bis Mitte November 2017 fertiggestellt sein. Das Geld für das Projekt kommt von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, die im Haushaltsjahr 2017 aus den Mitteln des Programms „Umgestaltung von Stadtplätzen“ 100.000 Euro zur Finanzierung bereitgestellt hat. Mit Mitteln des Landesdenkmalamtes wird darüber hinaus die von Erwin Barth gestaltete Rundbank denkmalgerecht restauriert und der Platz um die Bank erneuert, so das Bezirksamt.

Botanischer Lehrgarten zeigt Pflanzenvielfalt

Dass Geld für die Sanierung einzelner Teile des Parks zur Verfügung steht, begrüßt Frau Neumann. Denn das sei nicht immer so. „Bei den meisten Leuten ist noch nicht angekommen, dass das Grünflächenamt aus dem letzten Loch pfeift“, sagt sie. Als sie 2003 die Parkinitiative ins Leben rief, sei die Anlage voll von kanadischem Katzenschweif gewesen – heute gebe es über 300 Pflanzenarten hier, vor allem auch Wild- und Heilpflanzen.

Der Lehrgarten befindet sich am Eingang von Nordosten aus und zeigt die Pflanzen, die im Park blühen. Foto: Anca Specht

Erwin Barth habe einen wundervollen Park hinterlassen. Den wollen sie wieder aufleben lassen. Es sei ein mühsamer Weg gewesen, die Pflanzen wiederherzustellen, und sie mussten viel aus eigener Tasche zahlen, erzählt Neumann. Doch das Motto der Ehrenamtlichen ist: Nicht jammern, nicht meckern, praktisch handeln.

Großeltern kommen mit Enkelkindern

Besonders gelungen findet sie den kleinen botanischen Lehrgarten, der die Pflanzen zeigt, die auch im Park wachsen – oder wachsen sollen. Die Artenvielfalt habe stark gelitten. Es gebe aber noch viele Heilpflanzen, die es auch in Klostergärten gibt, zum Beispiel Salbeiarten. Auch die auf der roten Liste stehende Osterluzei würde hier in Mengen wachsen. „Manchmal kommen Großeltern mit ihren Enkelkindern her und zeigen denen was, das sind erfreuliche Momente“, erzählt Neumann.
Die Wildkräuter wachsen auch manchmal an anderen Stellen als da, wo sie sollen. „Wenn die Pflanze nicht will, laufen wir ihr halt mit dem Schild hinterher“, sagt sie lachend. Außen um den Lehrgarten herrschte früher eine saisonale Bepflanzung, aber seit drei Jahren fehle das Geld dafür. Die beantragten Ehrenamtsmittel beliefen sich auf rund 1200 Euro im Jahr. Da muss sich die Parkinitiative manchmal anders behelfen.

Offenes Grün ist gern Selbstbedienungsladen

Vor der Abräumung des Steubenplatzes durften sie sich einige Blumen aussuchen und mit Schubkarren rüberfahren – wie die Taglilien. Dazu kauften sie fünf besondere Rosen – eine Woche später waren die weg. „Das ist schon manchmal hart“, sagt Neumann. „Ein offenes Grün ist leider gerne mal ein Selbstbedienungsladen.“ Auch die Kaninchen hätten einen gesegneten Appetit. Denen kann sie aber eigentlich nicht böse sein.
Worüber sie sich aber ärgert, sind die mutwilligen Zerstörungen im Park. Die Bänke würden besprayt oder sogar weggetragen. „Vandalismus und Suff sind ein großes Problem“, sagt sie. Kaputte Flaschen liegen herum, Zigarettenstummel und kleine Tütchen, in denen vermutlich Drogen verkauft wurden. Selbst Betonpfeiler würden zerschlagen. Betrunkene, randalierende Jugendliche vermutet Neumann hinter den Schäden. Alles, was lose sei, würde zum Wurfgeschoss und lande meist im Teich. Manchmal übernachteten auch Obdachlose im Park – und hinterließen ihren Kot. Frau Neumann bedrückt das. Etwas sarkastisch meint sie: „Schlechtes Wetter ist gut für den Brixplatz.“

Der Pavillon ist von außen sauber, innen zeichnen sich Urinflecken ab. Foto: Anca Specht

Brixplatz laut Polizei unauffällig

Bei der Polizei ist der Brixplatz dennoch nicht als Brennpunkt vermerkt. Nur gelegentlich würden sich Personen der Trinkerszene oder Jugendliche, die dort Alkohol trinken und rauchen, aufhalten, so der Pressesprecher der Polizei Winfrid Wenzel. Auch statistisch ist der Brixplatz unauffällig: Wo 2014 noch 23 Fälle von Sachbeschädigung auf Straßen, Wegen und Plätzen registriert wurden, sind es 2015 nur noch elf, 2016 nur zwei und in 2017 bisher sechs. Straftaten im Zusammenhang mit Betäubungsmitteln oder neuen phsychoaktiven Stoffen gab es laut der Pressestelle in 2014 gar keine, im Folgejahr nur ein einziges Mal und vergangenes Jahr in zwei Fällen. Dieses Jahr sind bisher sechs Delikte am Brixplatz bekannt. Dazu kommen 2017 bisher zwei Brandstiftungen, fünf Fahrraddiebstähle, vier Keller- und Bodeneinbrüche und zwei Ladendiebstähle und Wohnungseinbrüche.
Frau Neumann schätzt die Zahl der Sachbeschädigungen höher ein, doch nicht jede Schmiererei wird angezeigt. Da pinselt sie lieber mal selbst schnell drüber.

Beschmierte Bänke gehören laut Neumann zum Alltag der Helfer und müssten häufig neu gestrichen werden. Foto: Anca Specht

Sogar Zaunpfähle würden laut Neumann von Randalierern heraus gerissen, Einzelteile landen häufig im Teich. Foto: Anca Specht

Grünflächenamt kontrolliert Park

Auch die Mitarbeiter des Grünflächenamtes sind regelmäßig im Park. Sie werden aber laut Walter Schläger vom Straßen- und Grünflächenamt fast ausschließlich für die Gewährleistung der Verkehrssicherung eingesetzt, wie für Spielplatz- und Baumkontrollen sowie daraus gegebenenfalls notwendig werdende Folgemaßnahmen. Die immer weiter zunehmenden Kosten für die Abfallbeseitigung zehrten noch zusätzlich am Pflege- und Unterhaltungsbudget. Der zunehmenden saisonalen Vermüllung der Anlage würde mit zusätzlichen Reinigungsgängen bis zu fünf Mal pro Woche begegnet. Die Kosten für diesen Aufwand gingen zulasten der sonstigen Grünflächen-Unterhaltung.
Im Haushaltsjahr 2017 stehen laut Schläger für die Unterhaltung allerGrünanlagen 1.939.000 Euro zur Verfügung. Mit diesen Mitteln pflege und unterhalte der Fachbereich Grünflächen unter anderem circa 680 Hektar öffentlicher Grün- und Erholungsanlagen, 202.000 Quadratmeter öffentliche Spiel- und Bolzplätze sowie etwa 45.000 Straßenbäume im Bezirk. Der Pflegeaufwand für die rund zwei Hektar große Grünfläche des Brixplatzes liegt pro Quadratmeter bei circa vier Euro. Das sind somit rund 84.000 Euro im Jahr.

Kein großer Bergahorn mehr im Park

Frau Neumann sieht an vielen Ecken im Park noch Baustellen: Beschmierte Bänke, herausgerissene Zaunpfähle und zerstörte Mauern. „Auch der große Bergahorn im oberen Teil des Parks wurde im Frühjahr 2017 wegen Einfaulungen gefällt“, sagt sie. Um ihn herum war eine Bank angebracht – die Pfeiler dafür stehen noch. Ob und wann ein neuer Baum gepflanzt wird, sei ungewiss. „Die Sparbüchse der Nation ist das Grün“, sagt Neumann. Der Anblick des Stammes ruft schmerzhafte Erinnerungen bei ihr hervor: „Der Baum war riesig wie ein Schirm. Ich bin weggegangen bei der Fällung, das tat zu weh.“

Der Ausblick über den Park am Brixplatz. Foto: Anca Specht

Andere Welt am Brixplatz

Dennoch hat der Park aus ihrer Sicht viele wunderschöne Ecken: Den Felsen aus Rüdersdorfer Kalt, der saniert wurde, und den darauf stehenden Gartentempel. Sie liebt den Blick vom Pavillon auf den Teich und die dortigen Froschkonzerte am Abend. Neumann meint: „Hier unten ist eine ganz andere Welt als da oben an der Straße.“