Aktuelles / Montag, 17.07.2017

Neues Rettungskonzept
für die Avus-Tribüne

Mit Vitrinen und einer gläsernen Verkleidung soll die Tribüne Mobility Center werden Janisch Architecture Design

Neue Nutzung für das Denkmal der Motorsport-Geschichte zwischen Autobahn und Messe in Charlottenburg. Die Avus-Tribünen werden ab September zur Baustelle.

Von Isabell Jürgens

Sträucher wuchern aus dem aufgeplatzten Betonsteinen, die Eisengeländer sind durchgerostet, die Holzverkleidung löst sich von der Decke und Graffitischmierereien bedecken die Wände. Die Avus-Tribüne an der Nordkurve der rund neun Kilometer langen, schnurgeraden Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße (Avus) durch den Grunewald bietet schon lange ein Bild des Jammers. Seit 1998 wird das nördliche Teilstück der Autobahn A 115 nicht mehr für Autorennen genutzt, damit hatte auch die Tribüne ihre Funktion verloren. Zwar gab es ehrgeizige Nachnutzungspläne, die sich jedoch sämtlich mangels Finanzierbarkeit zerschlugen. Nun gibt es also ein neues Rettungskonzept. „Etwas bescheidener, dafür aber realisierbar“, verspricht 1717, der das denkmalgeschützte Bauensemble vor zwei Jahren kaufte.

Berlins Kultursenator lobt bauliche Instandsetzung

„Die Baugenehmigung für den Abriss und Wiederaufbau des Daches haben wir bereits“, berichtet der neue Eigentümer auf Anfrage der Berliner Morgenpost. Alle Arbeiten seien mit dem Denkmalschutz abgesprochen, versichert Djadda. Das bestätigen auch Charlottenburg-Wilmersdorfs Baustarat Oliver Schruoffeneger (Grüne) und Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke). „Es ist erfreulich, dass die bauliche Instandsetzung des Daches beantragt und nach Abstimmung mit der unteren Denkmalschutzbehörde des Bezirksamtes Charlottenburg-Wilmersdorf genehmigt werden konnte“, schreibt der Senator in Beantwortung einer aktuellen parlamentarischen Anfrage des SPD-Abgeordneten Fréderic Verrycken.

Originalgetreuer Nachbau des Dachs

Im September werde der Abbruch beginnen und bis zum Jahresende das neue Dach als originalgetreuer Nachbau wieder installiert sein. Auch die vergammelten Bänke habe er bereits entsorgt, berichtet der umtriebige Geschäftsmann, der in Neukölln eine Marzipan- und in Tempelhof eine Blechschild-Manufaktur betreibt. Rund 800.000 Euro seien damit bereits verplant. „Am Freitag reichen wir zudem den Bauantrag für die weiteren Arbeiten ein“, so Djadda weiter.

Lediglich die Kanzel wird auf 20 Metern Länge verglast

Anders als die Vorbesitzer will Djadda dabei mit einem einstelligen Millionenbetrag auskommen. „Frühere Investoren hatten geplant, die gesamte, 240 Meter lange Tribüne zur Avus hin zu verglasen und den so entstandenen Raum komplett nutzbar zu machen“, sagt der 60-jährige Geschäftsmann. Sein „Avus Mobility Center“ sehe dagegen vor, lediglich die Kanzel in der Mitte des Bauwerks, die ehemalige „Führertribüne“ auf einer Länge von 20 Metern zu verglasen. Hinter den Panoramascheiben, die den Blick in drei Richtungen freigeben, soll eine 400 Quadratmeter große Eventfläche entstehen. „Diese kann etwa sehr gut von der Messe Berlin genutzt werden“, so Djadda. Veranstaltunsgbesucher müssten lediglich den Messedamm queren. Im Erdgeschoss unterhalb der Kanzel sollen auf einer Fläche von 1400 Quadratmetern Büros entstehen.

Am Messedamm: Die bislang geschlossene Rückseite der Tribüne soll mit Shops und Cafés aufgelockert werden. Simulation: dreidesign

Ausstellung mit historischen Autos

Diese, so das Nutzungskonzept des gebürtigen Persers, sollen über eine Firma an Start-ups aus der Mobilitätsbranche vermietet werden. Das restliche Tribünenbauwerk, so sieht es das weitere Konzept des Hamburger Architekten vor, sollen 16 Glasboxen in regelmäßigen Abständen aufgestellt werden. In diesen könnten etwa historische Fahrzeuge oder zukunftsweisende mobile ausgestellt werden, so die Idee.
Um das lange Gebäude zum Messedamm hin zu belegen, sind dort auch Cafés, Shops oder weitere Präsentationsräume vorgesehen.

Vorbesitzer hatten große Pläne – doch nichts passierte

Seit 2007 gehört die Avus-Tribüne einem privaten Eigentümer. Damals hatte die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) das Bauwerk für rund 500.000 Euro an die Avus Tribüne GmbH verkauft. Der damalige Erwerber wollte sie umbauen und mit Glasscheiben zur Autobahn hin komplett schließen, um so aus den gesamten Tribünen ein Eventzentrum oder einen Showroom für Fahrzeuge machen. Auch ein kleines Avus-Museum war geplant. Die Pläne verzögerten sich jedoch immer wieder.

Messe wollte die Tribünen übernehmen

Erst 2012 stellte das Unternehmen endlich einen Bauantrag – jedoch ohne, dass tatsächlich Bauarbeiten folgten oder wesentlich in den Erhalt der Substanz investiert wurde. Um den Schandfleck vis-à-vis des 2014 eröffneten City Cube auf dem Messegelände endlich zu beseitigen, schlug die Messe Berlin schließlich vor, dass sie die Tribünen übernehmen und nutzen würde. Doch dazu kam es letztlich nicht mehr, stattdessen erwarb der Berliner Geschäftsmann Hamid Djadda die Tribüne.

Denkmalschutzbehörde signalisiert Zustimmung

Man habe die Hoffnung, schreibt Kultursenator Klaus Lederer in der Antwort auf die parlamentarische anfrage des SPD-Abgeordneten Verrycken weiter, dass der Investor über die geplante Instandsetzungsmaßnahme hinaus „ein geeignetes, tragfähiges Nachnutzungskonzept zeitnah entwickeln und vorstellen kann“. „Ein solches tragfähiges Konzept haben wir bereits“, ist Djadda überzeugt – und auch davon, für seine Umbaupläne die erforderlichen Genehmigungen zu bekommen. „Wir haben regelmäßigen Kontakt mit der Denkmalschutzbehörde, die uns Zustimmung zu unseren Plänen signalisiert hat“, sagt der neue Eigentümer.

Rennen, Rekorde und ein Geheimagent aus Großbritannien

Start 1921 wurde die Avus eröffnet. Sie gilt als erste Autobahn der Welt. Ihre Nutzung war in den ersten Jahren kostenpflichtig: Für ein einmaliges Durchfahren musste ein Fahrer zehn Mark bezahlen, er konnte aber auch eine Vierteljahreskarte erwerben zum Preis vom 1000 Mark.
Rennstrecke Bereits zur Eröffnung am 24. September 1921 wurden Autorennen in verschiedenen Klassen ausgetragen. Der Berliner Christian Riecken wurde damals Sieger des Hauptrennens. In den folgenden Jahren kam es immer wieder zu spannenden Auseinandersetzungen auf dem Asphalt, die mit Fahrern wie Adolf Rosenberger, Manfred von Brauchitsch oder Fritz von Opel verbunden sind. Letzterer startete 1928 mit einem raketengetriebenen Opel RAK2, mit dem er den Geschwindigkeitsweltrekord von 238 km/h aufstellte. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges stoppte die von teilweise mehreren hunderttausend Zuschauern verfolgten Rennen. Erst 1951 fand wieder eines statt. Ein letztes Mal wurde die Avus 1998 Schauplatz eines Wettkampfes.
007 Anfang der 80er-Jahre wurden Szenen aus dem James-Bond-Film „Octopussy“ auf der Avus gedreht.

 

 

Kommentare

  1. Das ist wieder einmal ein typisches Beispiel für Berlin. Wie bei so vielen Dingen ist der Denkmalschutz auch hier fehl am Platz. Was ist an diesen Tribünen noch schützenswert? Der Investor tut mir jetzt schon leid. Ich kann mir nicht vorstellten aus diesem verkommenen Gebäude mit dem angegebenen Kapital Aufwand gewinnbringende Erträge zu erwirtschaften. Am Ende muss die ordentliche Hand sprich der Steuerzahler wieder einspringen.
    Da, wo sinnvolle Investitionen nötig wären, blockiert häufig der Denkmalschutz. Siehe OLYPIASTADION oder Krieger in Pankow.

    • Ich schließe mich Ihnen an, die Beispiele, in denen der Denkmalschutz nicht nachvollziehbare Entscheidungen trifft und damit Hindernis für jede Entwicklung ist, sind unendlich. Man hat auch nicht den Eindruck, dass der Behörde ansatzweise objektive Entscheidungen trifft, sondern es wirkt wie ein Filz aus ewig Gestrigen, die aus persönlichen Motiven, gepaart mit Inkompetenz, Ihren eigenen Wahn ausleben können. Mit Sachlichkeit und Denkmalpflege hat diese Behörde absolut nichts zu tun.

  2. Großartige Idee! Daumendrücken für den Investor, dass ihm unsere fleißigen Behörden das Projekt nicht ruinieren…

  3. Stadtrat Schruoffeneger führte in der letzten BVV-Sitzung auf eine Anfrage der FDP-Fraktion hin aus, dass eine weitere Vollzeitstelle in der Unteren Denkmalschutzbehörde geschaffen wurde, diese soll baldmöglichst besetzt werden. Somit stehen im Bezirk dann drei Vollzeitmitarbeiter für die 1.901 Denkmale, die es im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf lt. aktueller Auskunft aus der Denkmaldatenbank gibt, zur Verfügung.
    Charlottenburg-Wilmersdorf hat die meisten Denkmale in ganz Berlin – und die Denkmalschutzbehörde mit den wenigsten Mitarbeitern. Der Bezirk setzt auch hier die falschen Prioritäten. Statt unser baukulturelles Erbe zu schützen und zu bewahren, investiert das Bezirksamt lieber in Personal für das Bürokratiemonster Milieuschutz.
    Die FDP begrüßt das vorgestellte Konzept für die AVUS-Tribünen, scheint es doch dazu geeignet, dem geschichtsträchtigen Gebäude „ein zweites Leben“ zu schenken. Die Kombination aus Eventfläche, Start-ups aus der Mobilitätsbranche, Cafés, Shops und Präsentationsräumen vis-à-vis des Messegeländes gibt auch der Messe neue Möglichkeiten zum Messerandgeschäft. Denn die beste Form des Denkmalschutzes ist die Nutzung des Denkmals, nicht ist schlimmer als Leerstand und Verfall.

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