Aktuelles / Donnerstag, 18.05.2017

Untersuchungsausschuss soll Licht in WOGA-Affäre bringen

Abschied von einem Stück Baukultur am Kurfürstendamm: Die Tennisplätze im Hof an der Cicerostraße werden zum Bauland für Luxuswohnungen – oder eine Kita. Foto: Thomas Schubert

Mit einem Untersuchungsausschuss wollen die Bezirksverordneten Klarheit in die WOGA-Affäre bringen. Offfenbar kann nur noch eine Kita den Luxusbau mitten in der Denkmalsiedlung stoppen.

Von Thomas Schubert

Kein Tennisball soll jemals wieder über die Plätze fliegen. Im Hinterland der Schaubühne am Lehniner Platz, wo einst Erich Kästner und Vladimir Nabokov Aufschläge übten, ist die Sportpiste von Bäumen und Unkraut überzogen. Eigentlich sind die Tennisplätze, im Jahre 2007 stillgelegt, wesentlicher Teil einer Denkmalsiedlung zwischen Kurfürstendamm, Cicero- und Albrecht-Achilles Straße. Das Erbe des Architekt Erich Mendelsohn, der hier Ende der 20er-Jahre seine Vorstellung vom modernen Wohnen verwirklichte – mit Sportgelände für jedermann und viel Freiraum vor den Fenstern. Großes Tennis für die damalige Zeit.

Und genau unter diesen Voraussetzungen erwarben Anwohner im geschwungenen Riegel an der Cicerostraße ihre Eigentumswohnungen. Ohne zu wissen, dass ein Investor und das Bezirksamt in ihrem Hof ein Bauprojekt auch nur erwägen könnten, das den Denkmalwert dieses Ensembles schmälern würde.

Geschlossene Gesellschaft zwischen Denkmalbauten

Im Juli 2016 rollte die Immobilienfirma Shore Capital aus London erstmals offiziell Pläne aus, die scharfe Proteste zur Folge hatten. Vorgesehen ist demnach der Bau eines gläsernen Apartmenthauses auf dem Boden der Tennisplätze. Ein luxuriöser Block mit gläsernen Loggien und Wohnungsgrößen von bis zu 200 Quadratmetern, umgeben von einem Zaun, der keine Tennisbälle abhält, sondern das Wohneigentum einhegt. Eine „Gated Community“ mitten im denkmalgeschützten Hof.

Bauen im Denkmalhof: Shore Capital präsentierte im Juli 2016 Pläne für ein umzäuntes Apartmenthaus anstelle der Tennisplätze. Foto: Thomas Schubert

Mitte 2017 hat sich der Fall endgültig zur baupolitischen Krise ausgewachsen. Nach einem Zickzackkurs sah das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf zuletzt keine Chance mehr, das Bauprojekt im Woga-Komplex abzulehnen, ohne millionenschwere Schadenersatzansprüche auszulösen. Denn monatelang habe der Bezirk den Investor im Glauben gelassen, sein Vorhaben verwirklichen zu dürfen, nennt der aktuelle Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) einen Umstand, der vor Gericht zur Niederlage führen könnte.

Investor wurde Baurecht signalisiert

Ein Problem, das Bezirksverordnete jetzt genauestens beleuchten wollen. Mit einem Untersuchungsausschuss, beantragt von den Fraktionen der CDU und FDP. „Dieser soll unter anderem klären, wie es überhaupt zur Feststellung der Option der Bebaubarkeit der Fläche kam, obwohl sie für viele als Bestandteil des Denkmals als unbebaubar galt“, begründen die Fraktionen ihren Schritt in einem gemeinsamen Schreiben. Und weiter heißt es: „Es muss geklärt werden, warum das Stadtentwicklungsamt gemeinsam mit dem Käufer Baumassenstudien zur Klärung der Bebaubarkeit erstellte. Vorliegende Rechtsgutachten gehen davon aus, dass das Stadtentwicklungsamt durch dieses Handeln dem Bauherrn suggeriert hat, eine Bebauung der Fläche sei möglich.“

Mendelsohns Erbe: Seit 2007 sind die Tennisplätze im Hof stillgelegt, gelten aber bis heute als wesentlicher Teil der denkmalgeschützten WOGA-Siedlung. Foto: Thomas Schubert

Für CDU-Fraktionsvorsitzende Susanne Klose ist fraglich, „ob die Verwaltung und insbesondere der damalige Baustadtrat Schulte zu jedem Zeitpunkt so gehandelt haben, dass der Wille der BVV umgesetzt und Schaden vom Bezirk abgewendet werden kann. Diese Fragen wollen wir schonungslos aufklären.“ Aus Sicht von FDP-Sprecher Felix Recke steht nach jetziger Faktenlage fest, „dass die Bebauung kommen wird, da die Rechtslage diese zulässt und eine Versagung der Baugenehmigung erhebliche finanzielle Folgen nach sich ziehen kann.“ Nun müsse man Verantwortliche benennen und Rechtssicherheit herstellen.

Bedarf für eine Kita tatsächlich vorhanden

Derzeit scheint nach Ansicht der Verordneten nur noch ein Weg gangbar, um den Neubau von Shore Capital im Hof an der Cicerostraße 55 zu verhindern: die Einleitung eines Bebauungsplanverfahrens zugunsten einer neuen Kita. Im Stadtentwicklungsausschuss stellten die Bezirksverordneten mit Stimmen von SPD, CDU, Grünen und Linken die Weichen für diese Richtung. Und tatsächlich fehlen in der Region Halensee nach Erkenntnissen des Bezirks bis zum Jahre 2020 mindestens 180 Kitaplätze – insofern wären Planungen für eine neue Tagesstätte plausibel. Doch die Kompromisslösung wird aufgebrachte Anwohner kaum besänftigen und den Investor, der das Baurecht für Wohnungen durchsetzen will, auch nicht.

Zeugnis der Moderne: Die Wohnanlage im Hinterland der Schaubühne gilt eines der wichtigsten Werke des Architekten Erich Mendelsohn. Foto: Thomas Schubert

„Ich habe den Eindruck, dass wir die Lage damit verschlimmbessern“, kritisierte FDP-Fraktionschef Johannes Heyne das Ausweichmanöver. Auch Niklas Schenker von der Linken nennt den Plan „halbherzig“. Die Gutachten zum möglichen Schadensersatz für Shore seien nur Mutmaßungen darüber, wie ein gerichtliche Entscheidung enden kann. Er ermuntert den Bezirk zu einem „Kampf mit dem Investor“ im Sinne eines WOGA-Komplexes in seiner bekannten Form. „Das Vorgehen muss Ausstrahlungskraft auf zukünftige Konflikte haben.“

Anwohner fordern ebenfalls Schadensersatz

Auch Anwohner wie Wolfgang Sadowski meldeten sich im Stadtentwicklungsausschuss zu Wort. Wenn der Bezirk Shore Capital Baurecht gewährt, um Regressansprüche zu vermeiden, könnten wiederum Wohnungseigentümer klagen, weil ihre Immobilien durch die Verdichtung und Verschattung an Wert verlieren. 250 Kläger im Verbund dürften nach Sadowskis Rechnung ähnliche Summen erstreiten wie der Investor.

Millionengeschäft mit dem WOGA-Komplex

Dass Shore mit dem Grundstück einen Gewinn von geschätzten neun Millionen Euro einfährt, erklärte Anwohntersprecher Reinhard Brüggemann zum Skandal. Nach seinen Erkenntnissen habe das Unternehmen das jetzige Baugrundstück als Erholungsfläche für unter rund 450.000 Euro gekauft. Baurecht auf dem Grundstück würde den Wert des Areals in Kudamm-Nähe vervielfachen. „Wir werden auf jeden Fall vor Gericht ziehen. Es geht um die Denkmalhaftigkeit dieser Tennisplätze“ zeigt sich Brüggemann weiter kampfbereit.

Viele Prominente wie Erich Kästner und Willy Brandt haben auf dem Platz gespielt. Auch der Schriftsteller Vladimir Nabokov (2.v.l.) war ein gern gesehener Gast. Repro: Thomas Schubert

Krisenstimmung, Angst vor dem Verlust eines Freiraums und Regressforderungen des Investors, ein Untersuchungsausschuss, zornige Bürger – es zeigen sich immer mehr Parallelen zum Konflikt um die Bebauung der Kleingartenkolonie Oeynhausen. Jahrelang vertieften sich Baupolitiker in die Frage, ob man den Bau eines neuen Wohnquartiers im Gartengelände an der Forckenbeckstraße abwehren kann, ohne den Bezirk durch Schadensersatzansprüche der Bauherren zu ruinieren. Am Ende stand ein Kompromiss, der 150 von 300 Parzellen rettete, aber die Bürger bis heute schmerzt. Jetzt stellen sich ähnliche Fragen erneut. Diesmal droht das Ende eines Baudenkmals in der Form, wie man es von 1930 bis 2017 kannte.