Aktuelles / Freitag, 15.12.2017

Mission Schwarzes Gold: Die City West braucht mehr Lakritz

Der Lakritz-Versorger in der City West: Sönke Baumeister in seinem Geschäft an der Uhlandstraße in Wilmersdorf. Foto: Katja Wallrafen

Im Norden heißt es „Schwarzes Gold“. So heißt auch der Lakritz-Laden an der Uhlandstraße. Dort gibt es alles, was das Herz der Lakritz-Connaisseuere begehrt.

Von Katja Wallrafen

Nicht jeder mag Lakritz. Was der Norddeutsche liebt, wird in Süddeutschland abschätzig als „Bärendreck“ bezeichnet. „Ja, da scheiden sich tatsächlich die Geister“, erzählt Sönke Baumeister. Ursprünglich aus Holstein stammend, hat er lange Jahre in seinem früheren  Job als Großhandelskaufmann in der Lebensmittelbranche sämtliche Regionen Deutschlands mit ihren Vorlieben (oder Abneigungen) gegen Lakritz erkundet. Die Grundlage seiner Ware wird aus der Wurzel von Süßholz gewonnen. Die bis zu zwei Meter hochwachsenden Pflanzen gedeihen vor allem im Mittelmeerraum, in Italien und der Türkei, aber auch in Mittelasien, in China oder im Iran. Fingerdick sind die Wurzeln, deren Ausläufer eine Länge von bis zu acht Metern erreichen. In einem aufwendigen Verfahren wird aus den Wurzeln schließlich eine schwarze, dickflüssige Masse gewonnen. Süßholzwurzel in Verbindung mit Ammoniumchlorid plus Zucker und Glukosesirup – fertig ist Lakritz, dass südlich von Bremen immer weniger Freunde findet. Deswegen spricht man auch vom Lakritz-Äquator.

Tees und Toffees, Pastillen und Pralinen

Doch auch die Lakritz-Diaspora will versorgt sein. Deshalb versendet der 56-Jährige nicht nur Bonbons aus Lakritz, sondern auch Tees und Toffees, Pastillen und Pralinen, Likör, Chips  und Schokolade. Es gibt einen Onlineshop und eben den Laden in Wilmersdorf mit einer phantastischen Vielfalt. Wie er auf den Gedanken kam, in die Selbstständigkeit zu gehen? „Bei meinem Einkauf auf dem Wochenmarkt fiel mir immer auf, dass es lange Schlangen geduldig wartender Menschen vor einem Stand mit Süßigkeiten gab“, schildert Baumeister. „Da schien also der Bedarf zu sein. Da dachte ich, die Stadt braucht mehr Lakritz.“ Es gab damals durchaus Stimmen in seinem Umfeld, die ihn angesichts dieser Pläne für verrückt erklärten…

Alles, was das Herz eines Lakritzconnaisseurs begehrt. Man kann sich Tüten nach individuellen Vorlieben selbst zusammenstellen. Foto: Katja Wallrafen

Kunden stellen sich eigenen Mix zusammen

Seit 2011 gibt es nun also das schwarze Gold in Wilmersdorf, wo die Kunden sich ihren Vorlieben entsprechend eigene Tütchen füllen können. Mindestens einmal in der Woche muss Sönke Baumeister die Frage beantworten, ob Lakritz auch Pferdeblut beinhalte – was nicht der Fall ist. „Erstaunlich, wie tief solche Mythen sitzen“, wundert er sich. Sönke Baumeister vermutet, dass es früher eine Art Ammenmärchen war, um Kinder vom Genuss der Süßigkeit abzuschrecken. Selbstverständlich bietet sein Geschäft süße Klassiker aus Kindertagen wie Lakritzschnecken, Katzenpfötchen oder Konfektstangen. Topseller sind allerdings Kreationen, die „salzig und salmiakartig“ sind. Und wie ist es um die Vorliebe der Berliner für Lakritz bestellt? Futtern sie harte Sorten, wie es der vermeintlichen Mentalität der Stadt entspricht? „Harte Schale, weicher Kern“, lacht der Lakritzexperte. „Berliner haben ja durchaus auch eine Softie-Seele und laben sich an weichem Lakritztoffee.“

Schwarze Schneebälle mit explosiver Kraft

Oder sie greifen zu ungewöhnliche Kreationen wie schwarzen Schneebällen. Hinter dem sprechenden Namen „Black Snowball“ versteckt sich eine explosive Geschmackserfahrung aufgrund von Salmiak und schwarzem Pfeffer. Wer es kribbelig auf der Zunge mag, greift zu „Djöfler, dem teuflischen Isländer“, das sind salzig-weiche Röllchen mit schwarzer Salmiak-Schicht. Whisky-Eichenfass-Aromen bieten schwedische Pastillen. Der Chef selbst hat auch ein Lieblingskratz: „Schwedische Reichstaler“, eher unscheinbar verpackt in schnöder Plastikdose sind ihm zufolge „großes Kino für den Gaumen“: Salzig, aromatisch, mit leichter Pflaumennote, fast wie ein Wein.

Auch Lakritz kommt in diesen Tagen glitzernd und weihnachtlich daher. Eine Fusion von Lakritz und Schokolade, dazu weihnachtliche Aromen wie Kardamom und Sternanis. Foto: Katja Wallrafen

Adventliche Aromen Kardamom und Sternanis

„Wir haben Lakritz aus Skandinavien, den Niederlanden und Italien im Angebot“, zählt Sönke Baumeister auf. „Dort gibt es eine größere Auswahl, denn diese Länder haben wirklich eine Lakritztradition. In Deutschland ist es ja oft eher so, dass sich das Lakritz zwischen zwei süßen Schichten verstecken muss. Oder als Bauch von Weingummi-Vampiren dient…“ Während die Niederländer pro Kopf jährlich zwei Kilogramm verzehren, kommt Deutschland im Vergleich dazu auf schlappe 200 Gramm. Aus Dänemark stammt übrigens der jüngste Trend: eine Fusion aus Schokolade und Lakritz. „Passend zur Adventszeit mit den entsprechenden Aromen Kardamom, Ingwer und Sternanis“, beschreibt der Lakritz-Versorger in der City West.