Aktuelles / Donnerstag, 07.12.2017

Das Metropol – der langsame Verfall einer Legende

Der riesige Theaterbau am Nollendorfplatz steht seit mehreren Jahren leer. Foto: Anja Meyer

Im Metropol am Nollendorfplatz spielten sich glamouröse Szenen ab. Heute steht es leer. Der Besitzer, ein milliardenschwerer Investor, äußert sich nicht.

Von Anja Meyer

Wenn Henri Boeck am Nollendorfplatz ist und auf den riesigen Theaterbau mit der Aufschrift Goya schaut, schießen ihm die schönsten Erinnerungen an seine Partyzeit in den Kopf: Wie er hier als junger Mann sein Coming-Out hatte, wie er stundenlang tanzte und das alte Parkett dabei richtig wippte, wie er oft erst sonntags um 14 Uhr wieder herauskam. Damals, als das Goya noch Metropol hieß und es für viele Berliner eine der ersten Partyadressen der Stadt war, als Künstler wie David Bowie, Depeche Mode und Nina Hagen hier Konzerte gaben. Eine Legende.

Mit dem New Yorker Studio 54 verglichen

Über einen Fernsehbeitrag namens „Disco, Disco, Disco“ mit Thomas Gottschalk ist der heute 56 Jahre alte Henri Boeck 1979 auf das Metropol gestoßen. „Da muss ich unbedingt mal hin, hab ich mir damals gedacht“, erinnert sich Boeck, der zu diesem Zeitpunkt noch in Borsigwalde lebte. Er war sofort begeistert. „Ich mochte die Musik und das Ambiente“, sagt er. Das Metropol sei damals mit dem New Yorker Studio 54 verglichen worden. Es war eine der drei großen, bekannten Diskotheken in Westdeutschland. „Es lief immer richtig gute Tanzmusik, das habe ich anderswo vermisst.“ Für ein paar Jahre war er so gut wie jedes Wochenende im Metropol. Zehn Mark habe der Eintritt gekostet, darin enthalten war ein Getränkebon. Zu Tanzmusik von Gloria Gaynor, Village People oder Boney M. gab es Lasershows, Lichteffekte und ordentlich Bass. „Und diese einzigartige Stimmung.“
Seit mehreren Jahren ist es nun still geworden hinter den grauen Mauern des imposanten, denkmalgeschützten Theaterbaus. Das Gebäude wirkt heute wie ausgestorben. Aktueller Besitzer ist der Immobilienmogul Henning Conle, der das Theater seit Jahren leer stehen lässt. Für Boeck ist das ein Skandal – so wie für viele andere Berliner.

Wechselhafte Geschichte

Die jüngere Geschichte um das frühere Metropol herum ist nicht mehr so glanzvoll wie die Partys und die Anfangszeit des Theaterbaus: 1906 wurde das Gebäude als „Neues Schauspielhaus“ eröffnet, in den Jahren 1927 und 1928 betrieb der Avantgarde-Regisseur Erwin Piscator hier die Piscator-Bühne. Nach dem Zweiten Weltkrieg war hier erst ein Varietétheater und später ein Kino beheimatet. 1977 wurde es zur Diskothek Metropol umgebaut. „Doch nach dem Mauerfall hat sich hier in West-Berlin ja alles geändert – auch die Partyszene“, erinnert sich Henri Boeck. Plötzlich waren die Clubs im Osten der Stadt angesagter, das Metropol musste schließen. Es folgte eine Phase des Leerstands. 2005 dann die Nachricht, das Theater solle zum exklusiven Club Goya umgebaut werden – für ein gehobenes Publikum. Die Pläne entwickelte der Berliner Gastronom Peter Glückstein. Im Erdgeschoss sollte getanzt werden, an den Bars auf den Rängen sollten sich die Gäste unterhalten können.

Konzepte für Nachnutzung gingen nicht auf

Für den Umbau zum hochklassigen Tanzlokal engagierte Glückstein Star-Architekt Hans Kollhoff. Der ließ nach dem Umbau sogar Kronleuchter aus Venedig aufhängen. 7,5 Millionen Euro kostete die Sanierung, das Geld stammte von insgesamt 2700 Aktionären, denen der exklusive Zutritt in die zweite Etage sowie kostenloses Besuchsrecht versprochen wurde. 2006 eröffnete der Club, die Erwartungen waren groß. Doch das Konzept kam nicht an, die Besucher blieben aus, das Goya musste Konkurs anmelden.
Nach der Pleite übernahm die Münchner Treugast Solutions Group das Haus. Sie wollte es als Eventlokal nutzen – für Ü30-Parties, Konzerte und Empfänge. Doch auch dieses Konzept scheiterte. Seitdem Conle das Gebäude übernommen hat, steht es leer.

Investor redet nicht über seine Pläne

Was der Duisburger Investor, der seit Jahren in Zürich lebt, mit der Immobilie vorhat, ist nicht klar – darüber lässt sich nur spekulieren. Auf telefonische und schriftliche Anfragen der Berliner Morgenpost reagieren weder er noch seine Hausverwaltung, die Westfalia GmbH. Beim Berliner Mieterverein ist Conle kein Unbekannter. Ihm gehören nicht nur in Berlin Immobilien, der Milliardär hat auch in Hamburg, London und in Nordrhein-Westfalen investiert und machte auch negative Schlagzahlen: „Er hat vor allem unsanierte Altbauten gekauft, sie herunterkommen lassen und die Bewohner unter Druck gesetzt, wenn die wegen der Mängel ihre Miete kürzten“, sagt Reiner Wild, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins. Vor fünf Jahren wurde eines von Conles Häusern im Neuköllner Schillerkiez besetzt. Es stand jahrelang leer stand und drohte zu verfallen. Mittlerweile lässt der Investor es sanieren.

Bezirk und Senat sind die Hände gebunden

Im Fall des denkmalgeschützten Metropol sind Bezirk und Senat die Hände gebunden. Da es sich nicht um Wohnraum handelt, könne nach Angaben von Gerrit Reitmeyer, Sprecher des Stadtentwicklungsamts Tempelhof-Schöneberg, eine Zweckenentfremdung durch Leerstand nicht unterbunden werden. Rechtliche Handhabe habe der Denkmalschutz erst dann, wenn durch den Leerstand ein Verfallsprozess einsetzt. Sollte es dazu kommen, könnte nur die Wiederherstellung des Gebäudes erwirkt werden. Nicht jedoch die Nutzung. Bislang sei auch das kein Thema: „Dass dieses Gebäude verfällt, konnte bislang nicht festgestellt werden“, sagt Reitmeyer. Interesse an den Theater sei durchaus da. Es habe schon Gespräche mit potenziellen Nutzern gegeben. Auskunft dazu will Reitmeyer dazu allerdings nicht geben. Er bedauert aber den Leerstand: „Das Gebäude ist aufgrund seiner Architektur, der städtebaulichen Wirkung und der geschichtlichen und kulturellen Vergangenheit ein sehr besonderes Objekt“, sagt Reitmeyer. „Seine Erhaltung und würdige Weiternutzung sind dem Denkmalschutz sehr wichtig.“

Der frühere Metropol-Gänger Henri Boeck hätte Ideen für den Theaterbau. Foto: Anja Meyer

Metropol-Fan Henri Boeck hätte jedenfalls Ideen. „Wenn ich im Lotto gewinnen würde, dann würde ich das mal einen Monat lang mieten und Retro-Partys veranstalten“, sagt er. „Mit den Original-DJs.“ Und auch langfristig hätte er eine Idee für den Theaterbau, denn die Zeit der Großraumdiscos sei ja heute vorbei. Er sehe das Haus eher als eine vermietbare Event-Location. „Ich könnte mir vorstellen, dass es für Berlinale-Partys oder Events nach Modemessen ein guter Ort ist.“  Dazu wird es aber in naher Zukunft wohl nicht kommen.

 

Kommentare

  1. Ein Jammer. Hatte tolle Tanzabende dort in den 80ern. Das Loft war legendär. Sah dort u.a. Blurt. Und auf der Bülow um die Ecke das Urban Nation.. Da liesse sich doch in der Richtung was weiterentwickeln..

  2. Ich würde es sofort nutzen und in mein Standort Schöneberg integrieren als den Ort für Diversity und den schwulen Kiez! Leider waren meine Avancen an den Besitzer immer ohne Erfolg und somit fehlt mir immer wieder einmal eine große Location im Kiez für meine http://www.male.space events

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