Aktuelles / Sonntag, 21.08.2016

Die Honigsammler
der City West

Joachim Kieschke und Jana Tashina Wörrle sind die Charlottenburger Kiezimker. Foto: Anja Meyer

Am Sonnabend war der Tag der Honigbiene. Allein in Charlottenburg-Wilmersdorf sind mehr als 100 Stadtimker aktiv – darunter Jana Tashina Wörrle und Joachim Kieschke.

Von Anja Meyer

Alle zehn Tage besucht Joachim Kieschke einen Friedhof in Westend – doch nicht etwa, weil dort Angehörige von ihm begraben liegen. Nein, ganz hinten, am äußersten Rande des Friedhofs, sorgt er eher für neues Leben. Da stehen die Bienenstöcke von ihm und seiner Partnerin Jana Tashina Wörrle. Sechs Jungvölker haben sich in diesem Jahr neu gebildet. Ein paar Meter weiter von ihnen entfernt arbeiten die drei Wirtschaftsvölker, die gemeinsam etwa 150 Kilogramm Honig pro Jahr einbringen. Wörrle und Kieschke sind die Charlottenburger Kiezimker, ihr Honig wird vor allem in Cafés und Restaurants im Kiez verkauft – ganz regional und bewusst, so wie es am besten zum Berliner Biotrend passt.

Weltweit sterben Bienen

Stadtimkereien sind „in“, seit etwa vier Jahren betreiben immer mehr Berliner den traditionell ländlichen Beruf als Hobby – viele von ihnen sind jung, hip und legen Wert auf gesunde und nachhaltige Ernährung. Allein im Imkerverein Charlottenburg-Wilmersdorf haben sich um die 100 Imkereien angemeldet, im Bezirk dürften es noch deutlich mehr sein – so mancher Städter hält fernab des Vereinslebens auch nur ein oder zwei Bienenvölker auf dem eigenen Balkon. Andere gehen es größer an und imkern auf Friedhöfen, in Parks oder auf den Dächern der Stadt. Doch trotz der steigenden Zahl der Imker geht die Anzahl der Bienenvölker zurück. Der Tag der Honigbiene, der seit 2009 in den USA begangen wird, soll auf das weltweite Bienensterben aufmerksam machen.

Immer mehr Hobbyimker

Jana Tashina Wörrle erklärt den Grund für das Paradoxon: „Es gab früher mehr Berufsimker“, sagt sie. „Mit deutlich mehr Bienenvölkern.“ Heute seien zwar viele Hobbyimker aktiv, doch die Mehrzahl von ihnen versorge nur um die zwei bis fünf Völker. Wörrle und ihr Partner haben mittlerweile 20 Wirtschaftsvölker – an verschiedenen Orten in der Stadt. Die ersten Bienenvölker bekamen sie vor gut vier Jahren von Joachims Mutter. „Das wir damals angefangen haben, hatte aber nichts mit dem allgemeinen Hype zu tun“, versichert Joachim Kieschke. Vielmehr ist das Paar darauf gekommen, weil Kieschkes Familie schon seit Jahren auf dem Land imkert. Als die Journalistin Jana Tashina Wörrle dann noch einen Artikel über Stadtimkereien schrieb, wurde der Wunsch nach den eigenen Bienen immer konkreter.

Mit dem Schleier als Schutz versorgt Joachim Kieschke seine Stadtbienen. Foto: Anja Meyer

Mit dem Schleier als Schutz versorgt Joachim Kieschke seine Stadtbienen. Foto: Anja Meyer

„In Berlin ist die Blütenvielfalt viel größer, als in ländlichen Regionen“, sagt Wörrle. „Auch das reizte uns.“ Linde, Ahorn, Kastanie, Robinie und andere Baumarten sorgen für eine größere Geschmacksvielfalt als die Monokulturen auf dem Land. Attraktiv ist das Hobby auch, weil man bei der Arbeit draußen besser entschleunigt. Es folgte die Suche nach einem passenden Standort für die eigene Bienenvölker. Dass die Friedhofsverwaltung dem Paar vor drei Jahren ein freies Stückchen am Rand überließ, scheint geradezu ideal. „Hier ist viel Grün, es ist ruhig und die Bienen werden nicht von Touristen gestört“, zählt Joachim Kieschke die Vorteile auf. „Außerdem wird nachts abgeschlossen, das schützt vor Diebstahl der Ausrüstung.“ Denn trotz der drohenden Gefahr eines Bienenstiches, ist die noch lange nicht vor Langfingern sicher.

Keine Abgasrückstände im Honig

Dafür scheinen die Insekten vor schmutziger Stadtluft sicher zu sein. Laut Studien haben urbane Abgasrückstände keine negativen Auswirkungen auf die Bienen. Vielmehr kämpfen die Großstadtimker gerade mit einem anderen, ganz natürlichen Problem – die Stöcke sind von Varroamilben befallen. Genauso wie die ihrer Kollegen auf dem Lande. „Das gehört zum Imkern dazu“, sagt Kieschke. Um die Bekämpfung der Milben kümmert er sich dieser Tage. Die Erntesaison hingegen neigt sich allmählich dem Ende zu. Noch produzieren die eifrigen Tiere den letzten Honig aus spätblühenden Gewächsen wie Heidekraut oder dem Honigtau von Blattläusen. So gegen Ende des Monats ist auch damit Schluss. Dann wintern Jana Tashina Wörrle und Joachim Kieschke ihre Völker so langsam ein. Bis zum nächsten Frühjahr bleibt der Stock dann zu.

Honig wird im Kiez verkauft

Die Arbeit mit dem Honig ist für das Paar damit aber noch lange nicht vorbei. In ihrer Wohnung am Lietzensee wartet die letzte Ernte nach dem Schleudern darauf, in kleine Gläser à 250 Milliliter gefüllt zu werden. Die stapeln sich schon im Wohnzimmer. Wenn sie mit einem liebevoll entworfenen Logo etikettiert sind, gehen sie aber schnell in den Verkauf im Kiez – besonders beliebt sind sie als kleines Charlottenburg-Präsent.

 

Kommentare

  1. Wie wintert man Bienen mit Ameisensäure ein? Ich gebe ihnen für den Wintervorrat immer ein paar Kilo Zuckerlösung.

    • Die Frage spricht für wenig Ahnung vom „Imkern“, normalerweise sollte man das bei einem Imkerkurs gelernt haben. Unter „Einwinterung“ versteht man, das Bienenvolk für die „Überwinterung“ vorzubereiten. Darzu gehört mittlerweile auch z.B. mit Ameisensäure gegen die Varroamilbe zu behandeln. Die Behandlung sollte im Wechsel mit dem Einfüttern erfolgen, da Ameisensäure verdunsten muss um wirksam zu sein. Die Verdunstung ist aber unzureichend bei zu niedrieger Temperatur und zu hoher Luftfeuchte. Da die Bienen Zuckerwasser zu „Honig“ trocknen müssen, steigt dadurch, während des Einfütterns, die Luftfeuchte. Ausführlicher sollte man sich das von einem erfahrenen Imker erklären lassen. Ich empfehle den Nassenheider-Horizontal-Verdunster, mit 60%-iger Ameisensäure, genau nach Gebrauchsanleitung, unter Beachtung des richtigen Wetters – s.h.www.VarroaWetter.de

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