Aktuelles / Samstag, 13.05.2017

Kleingärtner fürchten
den Westkreuz-Park

Unantastbar: Über 200 Kleingartenparzellen erstrecken sich in der Westkreuzbrache – und dabei soll es bleiben. Foto: Thomas Schubert

Warnung zum Workshop-Start: Laubenpieper sehen Naherholung in der Westkreuz-Brache kritisch. Und schon 2018 baut hier der Bezirk einen neuen Weg direkt zu den Gleisen.

Von Thomas Schubert

Mehr Eile geht nicht. Ganze dreizehn Jahre vor der erwarteten Eröffnung des Westkreuzparks hat der Bezirk einen Workshop eröffnet, um Bürger früh von der Idee zu begeistern. Ein „Vorverfahren“ nannte Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) die Veranstaltungsreihe mit dem Ziel, etwa im Jahre 2030 ein neues Naherholungsparadies zu eröffnen, das Bürger mitgestaltet haben. Aber ob er mit so viel Skepsis gerechnet hatte?

Gärtner bevorzugen den Ist-Zustand

„Hier wird Geld ausgegeben für etwas, das der Bezirk nicht braucht“, stemmte sich eine Gärtnerin im Publikum gegen die Kultivierung des 17 Hektar großen Areals zwischen Dernburg- und Heilbronner Straße. Schon jetzt seien die hiesigen Kleingartenkolonien mit mehr als 200 Parzellen und Teile der Brache öffentlich begehbar, wendeten andere Redner ein. Wozu ein Park? Und der sensiblen Tierwelt mit Vögeln und Zauneidechsen könne die Umwandlung der teils 100 Jahre alten Wildnis zum Verhängnis werden.

Der Westkreuzpark im Rohzustand: Rostige Gleise, schief gewachsene Bäume und Kleingartenlauben bilden eine wilde Mischung, die es jetzt zu kultivieren gilt. Foto: Thomas Schubert

Selbst warnende Vergleiche mit dem drogenbelasteten Görlitzer Park oder dem übernutzten Park am Gleisdreieck brachten Workshop-Teilnehmer vor.

Westkreuzpark mit Kleingärten kompatibel

Ängste, die Schruoffeneger nicht teilen mag. Man werde bei der Planung der neuen Naherholungsfläche möglichst behutsam vorgehen und die Gärten schonen, hieß sein Versprechen. „Es wird nicht darum gehen, Gärten zu zerstören für andere Arten von Grün“, versuchte auch Grünen-Kreisvorsitzende Franziska Eichstädt-Bohlig zu beruhigen. Gefahr drohe eher durch Begehrlichkeiten von Investoren und dem Wunsch der Deutschen Bahn, ihnen an dieser Stelle doch noch Wohnungsbau zu ermöglichen. Wohl nicht zufällig saß Immobilienentwickler Christian Gérôme im Publikum – hielt sich aber aus den Diskussionen heraus.

FDP kämpft weiter für Wohnungen

Umso lauter trat FDP-Sprecher Felix Recke für den Bau von bis zu 900 Wohnungen ein. „Wenn die Bahn tatsächlich an einen privaten Investor verkauft, kann nicht über das Eigentumsrecht hinweg entschieden werden“, kritisierte Recke den politischen Plan, das Areal einfach als Grünfläche auszuweisen. Dann wäre der Grund und Boden schlagartig entwertet.

Vom Umsteigebahnhof zur Kiezstation: Das Westkreuz wird ab 2018 aus Charlottenburg und Halensee erreichbar sein. Foto: Thomas Schubert

Andererseits gibt es auch begeisterte Befürworter des Westkreuzparks. Und die Bürgerinitiative Stuttgarter Platz will sogar dafür kämpfen, auch noch die Brachen auf der westlichen Seite des Kreuzungsbahnhofs für die Erholung zu erschließen.

Auch solche Gedanken sind den Parkplanern willkommen „Wir wollen mehrere Entwicklungsvarianten erarbeiten“, beschrieb Martin Janotta vom Büro Fugmann Janotta Partner einen Weg, den man zusammen mit interessierten Anwohnern begehen will. Zuletzt werde dann eine „Vorzugsvariante“ stehen bleiben. Sozusagen die Blaupause für den Westkreuzpark.

Neuer Haupteingang für isolierten Bahnhof

Wie auch immer die Anlage 2030 aussehen wird – ein zweites Projekt schafft schon 2018 erste Tatsachen: der neue Haupteingang für den Bahnhof. Dabei hat sich der Bezirk verpflichtet, aus der Rönnestraße in Charlottenburg und vom südlichen Rand der Brache in Halensee eine Art Zubringer für S-Bahnpassagiere zu bauen. Wenn der Plan Wirklichkeit wird, gelangt man künftig aus beiden Stadtvierteln geradewegs hinab an die Ost-West-Bahnsteige. Favorisiert wird dabei offenbar eine Überbrückung der verwinkelten Flächen. Denn die jetzigen Pfade entlang der Kleingärten wären für Pendlerströme  zu schmal.

Seit seiner Eröffnung im Jahre 1928 war der Bahnhof Westkreuz eigentlich nur für Umsteiger zwischen Stadt- und Ringbahn interessant. Mit der neuen Durchwegung aber bekämen Tausende Kiezbewohner in Charlottenburg und Halensee Zugang. Mehr noch: Es entstünde eine fußläufige Verbindung über die Stadtbahn zwischen zwei isolierten Quartieren.

„Ich bin am Westkreuz aufgewachsen und bin noch nie zu Fuß hineingelangt“, fiel einer Dame im Publikum auf. Der abweisende Bahnhof, er wird sich öffnen. Und eines Tages befördert er Passagiere aus ganz Berlin in den neuen Park.

 

Kommentare

  1. Damit die Kleingärtner mal aus ihrer „echo chamber“ herauskommen, einmal eine Meinung eines Anwohners ohne eigenen Garten. Sollten die Kleingärten annähernd der jetzigen Form bleiben, dann hat der Bezirk sich aber ein paar sehr teure Kleingärten, für wenige sehr Privilegierte geleistet. Das Areal wird es nicht umsonst geben, und die Erschließung muss sowieso erfolgen. Der Bezirk ist wie im Artikel sehr treffend beschrieben unterversorgt mit Grundflächen. Die Kleingärtner wollen ihr Privileg behalten, und vergessen dabei die Hunderttausenden von Menschen im Umfeld des Parks für die dieser ein Ziel zur Erholung sein kann, oder deren nahegelegene Grünfläche durch den Park entlastet wird. Über so Leute wie Herrn Gerome, muss man ja eigentlich gar nichts mehr sagen, da sie sich selbst disqualifizieren. Sehr viele Menschen könnten von einer vorausschauenden Lösung profitieren. Eine solche könnte sein, den Kleingärtner neue Flächen an der Havel von der Stadt erteilt zu bekommen, die schlussendlich vielleicht schöner sind als direkt neben der Autobahn, und gleichzeitig ihre alten Gärten als öffentlicher Garten zur Verfügung zu stellen, ähnlich den Prinzessinengärten am Moritzplatz. Den neuen Park könne sie ja anschließend selbst auch nutzen. Auch wenn ich grundlegende Sympathie für die Kleingärtner habe, und ihre initiale Empörung nachvollziehen kann, denen jetzt eben ein Verzicht abverlangt wird, aber die Haltung es solle schön alles so bleiben und die anderen können ja an heißen Sommertagen auf dem Asphalt schwitzen, sollte sich im Laufe der Zeit zu einer kooperativen Haltung wandeln. Eine kompromisslose Haltung verhindert eine positive Auflösung des Dilemmas, und ruft bei vielen vielen Betrofennen die keinen Kleingarten ihr eigen nennen Unverständnis hervor. Und mir einem Faulen Kompromiss ist auch nicht gedient. Eine Stadt in der nur partikulare Interessen verfolgt werden wird für die Mehrzahl nicht lebenswert sein. Das es sich um ein solches handelt hat der Herr Gerome richtig erkannt und für sein partikulares Interesse in den Kleingärtnern einen Verbündeten gesucht. Das sollte zu denken geben. Es fehlen ganz konkret Sportflächen aller Art für Jugendliche. Es ist wichtig dieser Altersgruppe Bewegung anzubieten. für viele alte Leute ist der Weg aus Halensee in den Lietzensee zu weit. es gilt Verbindungen in alle Himmelsrichtungen auch für Fahrradfahrer und Spaziergänger einzurichten und diese für die Zukunft zu sichern, damit auch Kinder sicher aus der Stadt an die Seen gelangen, und andersherum Menschen auf dem Weg zur Arbeit einpendeln, und mit ihrer Wahl des Fahrrads viele tausend Menschen von ihrem Lärm und Abgasen verschonen. Es geht um eine lebenswerte Stadt für alle!

  2. Eine kleine Korrektur:
    Frau Franziska Eichstädt-Bohlig ist seit der Neuwahl des Grünen Kreisvorstands für Charlottenburg-Wilmersdorf auf der Mitgliederversammlung am 14.02.2017 nicht mehr im Vorstand.

    Eine kleine, aber in heutiger Zeit vielleicht bemerkenswerte Ergänzung: Bereits sehr früh – noch weit vor Eröffnung der Diskussion – wurde durch unaufgeorderte Zurufe auf die zulösenden Probleme bezpglich eines Sicherheitskonzeptes hingewiesen, das frühzeitig in der weiteren Planungmitgedacdht weren sollte.

    Ansonsten ein sehr schöner Artikel, der sensible die Stimmung aus dem Bereich rund um den WestkreuzPark! Aufnimmt.

    Aus meiner Sicht kommt es nun darauf an, den begonnene offenen Dialog aufrecht zu erhalten und dabei aufkeimende Missverständnisse frühzeitig auszuräumen um Streit zu vermeiden; mit kurzen Zeitabständen zwischen einer Information und deren Eintreffen beim anderen Partner. Doch was wird nach dem 4. Juli, der dritten Veranstaltung dieser Reihe? Funkstille?

    Das darf nicht passieren. Daher versuchen wir auf http://www.WestkreuzPark.de ein offenes Informations- und Diskussionsmedium einzurichten – ab der kommenden Woche sogar mit einem Forum, in dem sich jeder beteiligen kann.

  3. Warum immer auf die Kleingärtner,die viel Geld,Liebe,Arbeit in ihren Kleingarten investiert haben.Es sind auch Bürger die nach einem langen Arbeitsleben nichts als ihren Garten haben.Wer 40Jahre einen Kleingarten hat und Obst und Gemüse selbst in liebevoller Arbeit angelegt hat,den wird ja der Boden unter den Füssen weggezogen.Leute die wenig Geld haben,haben sich für so eine Idylle entschieden,sonst hätten die ja auch Häuser.Ich habe meinen Gartenseit über 30Jahren und kann mir ein Leben ohne ihn nicht vorstellen.Man sollte mal bedenken,wohin sollen wir Kleingärtner,die sich ihren Garten ja in der Nähe ihrer Wohnung ausgesucht haben.

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