Aktuelles / Mittwoch, 09.08.2017

Kein Palast, aber
ein Pallasseum

Treffpunkt Pallasseum: Awadis Hazko (r.) und Rajja El-saade fühlen sich wohl in dem Schöneberger Wohnkomplex. Sie schätzen die Nachbarschaft und die zentrale Lage. Fotos: Jörg Krauthöfer

Einst war der riesige Komplex verrufen, heute ist er Kult und sogar denkmalgeschützt: Wie die Besitzer der Schöneberger Wohnanlage den Imagewandel geschafft haben

Von Brigitte Schmiemann

Modernes Wohnen oder sozialer Brennpunkt? Über den Wohnkomplex an der Pallasstraße in Schöneberg wurde schon viel geschrieben. Meist nichts Gutes. „Sozialpalast“ lautete lange das Schimpfwort für die Wohnanlage mit den vielen Satellitenschüsseln an den Balkonen. Seit 2001 tragen die Häuser mit den 514 Wohnungen offiziell den Namen „Pallasseum“ – ein Wortspiel aus Pallasstraße und Collosseum. Ein zwölfjähriges türkisches Mädchen hatte damals bei einem Namenswettbewerb unter den Bewohnern mit diesem Vorschlag alle sofort überzeugt. Heute, so scheint es, ist die Rechnung aufgegangen: Es ist Kult, dort zu wohnen – vor allem in den oberen Etagen mit dem Panoramablick über Berlin.

Schöneberger Wohnblock steht unter Denkmalschutz

Seit zwei Monaten ziert der Name „Pallasseum“ nun auch die Fassade an der Überbauung der Pallasstraße, von den Berliner Wandmalern Gert und Daniel Neuhaus gestaltet. Auf der anderen Wandseite zur Schule hin haben sie zwei Augen aufgemalt.

Die Augen haben Gert und Daniel Neuhaus auf eine Seite der Überbauung der Pallasstraße gemalt. Foto: Jörg Krauthöfer

Sogar die Eigentümergesellschaft „Wohnen am Kleistpark Klaus J. Lehmann“ hat ihren Namen in „Pallasseum Wohnbauten KG“ geändert. Der Anfang, um den Ruf des Hauses wieder ins Positive zu wenden, war gemacht. Und mit dem jetzt erteilten Denkmalschutz hat der Schöneberger Wohnblock, der zwischen 1974 und 1977 auf dem Gelände des ehemaligen Sportpalastes unter der Leitung des Architekten Jürgen Sawade errichtet wurde, nun den Ritterschlag erhalten. Fachlich. Es handele sich um „kraftvolle Bauten“ aus der Nachkriegszeit mit einem „urbanen Charakter“, die auch im sozialen Wohnungsbau gehobene Wohnqualität boten, hieß es zur Begründung.

Sigrid Witthöft betreut das Haus seit 20 Jahren. Foto: Jörg Krauthöfer

Das Landesdenkmalamt hatte mit der Unterschutzstellung des Hauses auch die Prokuristin der Eigentümergesellschaft, Sigrid Witthöft, überrascht. „Vor 15 Jahren hätte niemand dieses Haus in die Liste aufgenommen, es hatte nicht den besten Ruf. Auch wenn der Denkmalschutz einen Mehraufwand bei den künftigen Absprachen für die Sanierungsarbeiten bedeutet, sehen wir ihn als Auszeichnung für unsere Arbeit an. Wir sind stolz darauf, was wir hier geschaffen haben“, sagt sie.
Geschätzte 1800 Menschen bewohnen die 514 Wohnungen – verteilt auf das Hochhaus mit seinen 13 Geschossen, das die Pallasstraße und den Hochbunker überspannt, und den drei Querriegeln, bei denen es sich jeweils um Fünfgeschosser handelt. 16 Gewerbeeinheiten gibt es. Das Quartiersmanagement darf einen Laden mietfrei nutzen. Es gibt einen Gemeinschaftsgarten und auch ein Café in einem der Höfe, in dem sich die Bewohner treffen können.

Einer der Innenhöfe aus der Vogelperspektive. Dort gibt es auch ein Café als Treffpunkt der Bewohner und einen Spielplatz. Foto: Jörg Krauthöfer

Lange Wartelisten mit Bewerbern

Die Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen sind zwischen 40 und 104 Quadratmeter groß, die Miete kostet 9,41 Euro brutto warm, sodass eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit 62 Quadratmetern 583 Euro pro Monat kostet. „Das ist in Berlin inzwischen etwas Besonderes. Auf unserer Warteliste stehen knapp 30 Bewerber“, berichtet Witthöft. Dass es nicht mehr Interessenten sind – bis Ende 2016 waren es immer etwa 700 Bewerbungen –, liegt daran, dass Mieter seit Januar 2017 einen Wohnberechtigungsschein für besonderen Wohnbedarf (früher mit „Dringlichkeit“) benötigen. Den erhalten beispielsweise Familien, die in zu kleinen Wohnungen leben, Menschen ab 65 Jahren, die eine größere Wohnung frei machen, oder auch Menschen, die aus Heimen in die eigene Wohnung ziehen. Das Pallasseum erhält nach Auskunft von Prokuristin Witthöft zwar seit 2007 keine öffentliche Förderung mehr, ist aber immer noch ein sozialer Wohnungsbau. Er war jedoch mehr als 20 Jahre freigestellt von der Belegungsbindung.

Immer auf einen gute Mischung geachtet

„Den sozialen Aspekt haben wir immer schon berücksichtigt. So haben wir auf eine gesunde Durchmischung geachtet, dass wir etwa zur Hälfte an Menschen vermieten, die berufstätig sind und zur Hälfte an Transfer-Bezieher“, sagt Sigrid Witthöft. Mit der Belegungsbindung jetzt kämen hauptsächlich Menschen über das Jobcenter. Dagegen habe sie nichts. Ärger hätten ohnehin immer nur wenige Mieter gemacht, und jeder wisse schließlich, wie schnell man seine Arbeit verlieren könne.

Blick in einen der Hausflure des Pallasseums. Früher war die Wohnanlage als „Sozialpalast“ verrufen. Foto: Jörg Krauthöfer

Filmteams und Fotografen schätzen das Haus

Sigrid Witthöft betreut das Haus seit 20 Jahren. Sie erinnert sich noch, als 1998 fast 140 Wohnungen leer standen und die Eigentümer die Miete um drei Mark gesenkt hatten, eine Zeit, als Vandalismus, Kriminalität und Ungeziefer zum Alltag gehörten. Inzwischen hat sich viel getan. Nicht nur dass Architekturstudenten immer wieder zu Besuch kommen, um über den Baustil zu schreiben, oder Filmteams und Fotografen das Haus schätzen: „Die Eigentümer haben auch Millionen in bauliche Verbesserungen gesteckt, wir sind alle mit Herzblut dabei“, sagt sie. Die Scham, im Pallasseum zu wohnen, sei dem Stolz aufs Zuhause gewichen. „Hätten wir 2016 nicht nur Bewerber aus dem Haus berücksichtigt, hätten wir sicherlich 2000 Bewerber gehabt“, sagt die Prokuristin. Heute stünde eine Wohnung keine Woche lang leer, dann sei sie wieder vermietet.

„Hier kennt jeder den anderen, es sind alles liebe Nachbarn“

„Die Wohnungen sind sehr schön, und ich habe alles in der Nähe, nicht nur meine beiden Töchter, viele Bekannte und Freunde, die sich um mich kümmern, aber auch Geschäfte und Lokale. Besser geht es nicht“, findet Awadis Hazko. Die Armenierin kam vor 30 Jahren aus Syrien nach Berlin und lebt seit 20 Jahren in der Wohnanlage. Nur die Miete sei inzwischen „etwas zu teuer“, sagt die 65 Jahre alte Frau. Das findet auch Rajja El-saade, die seit 30 Jahren ihr Friseurgeschäft „Salon Chanel“ unten im Wohnhaus hat. Sie sagt aber auch: „Hier kennt jeder den anderen, es sind alles liebe Nachbarn. Und unsere Verwaltung ist die beste. Man kann jederzeit auf sie zukommen.“

Sorgt dafür, dass alles funktioniert: der technische Leiter Andre Bojahr. Foto: Jörg Krauthöfer

Auch Arthur Kowalski (51), der im April 1989 aus Breslau nach Berlin zog und seit 26 Jahren im Pallasseum wohnt, findet die Wohnungen schön: „Besonders, wenn man wie wir in der 9. Etage wohnt.“ Seit April sorgt er als Hauswart mit dafür, dass das Umfeld sauber bleibt. Das war nicht immer so: Es sei schmutzig gewesen vor 30 Jahren, Drogenabhängige hätten vor den Müllcontainern geschlafen.
Die Verwaltung des Wohnkomplexes ist mit 19 Mitarbeitern am Ort präsent. Darunter sind drei Hauswartehepaare, die dort auch wohnen, und neun Handwerker. Bei 514 Wohnungen in mehreren Gebäuden mit insgesamt 19 Aufzügen und entsprechend technischen Anlagen ist immer etwas zu tun. Da wird es auch dem technischen Leiter André Bojahr, der seit 15 Jahren dort arbeitet, nicht langweilig. „Ganz im Gegenteil. Die Mängelkarten werden rege ausgefüllt, und es wird auch eine zügige Bearbeitung erwartet“, sagt er. Manchmal komme er sich vor wie ein Concierge im Hotel. „Ich hab meine Mieter auch schon im Flieger in die Türkei getroffen oder im Hotelpool. Es ist faszinierend hier“, sagt der gelernte Heizungs- und Sanitärinstallateur.

Besprühte Wände werden sofort wieder geweißt

Vor Ort als Ansprechpartner präsent zu sein, das ist für Sigrid Witthöft mit das Wichtigste. „Wenn man die Aufgaben aus der Hand gibt, wird der Verschlechterungsprozess vielleicht langsamer, aber bestimmt wieder eintreten“, prognostiziert die Verwalterin. Deshalb sei es wichtig, den Stand des Hauses zu halten: Sobald eine weiße Wand besprüht ist, muss sie sofort wieder geweißt werden. „Vandalismus und Beschmierungen kommen vor, auch, dass Sperrmüll vor die Tür gestellt wird, aber es ist kein Vergleich mehr zu früher, und wenn man es sofort wegmacht, geben die Verursacher auch auf“, so ihre Erfahrung. Die Bewohner merkten, dass viel ins Haus investiert werde. Etwa 500.000 Euro pro Jahr werde für Sondersanierungen ausgegeben, 200.000 Euro betrage zudem das Budget für normale Instandhaltungen. Und Zukunftspläne gibt es auch bereits: Nachwuchsarchitekten würden beispielsweise gern einen Garten auf dem Dach der Parkgarage anlegen. Doch da muss wohl erst noch geklärt werden, wie das der Denkmalschutz bewertet.