Aktuelles / Donnerstag, 18.02.2016

Kaum mehr Hoffnung
für die Kudamm-Bühnen

Bühne mit großer Tradition: Das Theater am Kudamm scheint wohl bleiben zu können. Foto: pa/arco images

Für die alten Kudamm-Bühnen besteht zumindest nach der Bezirksverordneten-Versammlung am Donnerstag nur noch wenig Hoffnung. Die Mehrheit der Verordneten hat sich hinter den Plan von Investor Cells gestellt.

Von Carolin Brühl und Thomas Schubert

Die fraktionslose Verordnete Nadia Rouhani kämpfte wie immer wortgewaltig. Zumindest eines der alten Theater solle man an dem Standort erhalten, den die beiden Kudamm-Bühnen seit Jahrzehnten innehaben. Und auch der bündnisgrüne Volker Heise sagte: „Wir müssen ein Theater erhalten. Das sind wir Berlin, der Theaterwelt und dem Kudamm schuldig.“ Doch eine Mehrheit fanden ihre Forderungen am Donnerstag nicht.

CDU und SPD für einen Neubau

CDU und SPD erklärten,  dass man einem privaten Eigentümer nicht vorschreiben kann, die Altbühnen zu erhalten. Der Plan für den Neubau nur eines Theaters, wie vom Investor zugesagt, halten sie für einen vertretbaren Kompromiss, auch wenn dieser, wie von vielen Fans der Bühnen kritisiert, in den Keller des Gebäudes verlagert würde. Baustadtrat Marc Schulte (SPD) sagte: „Die City West würde sich nicht positiv verändern, wenn wir zum Wandel Nein sagen.“ Und auch Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) spricht sich für Verhandlungen mit dem Investor aus. Der Bezirk wolle darauf einwirken, dass in den Neubau Stilelemente der alten Theater integriert würden.

Statement des Investors zu den Kudamm-Bühnen

Ein Sprecher des Investors Cells Bauwelt GmbH sprach nicht auf der Bezirksverordnetenversammlung. Geschäftsführer Norbert Schaaf versandte aber am Abend eine Erklärung anlässlich der Sitzung der BVV Charlottenburg-Wilmersdorf: „Auch für Cells Bauwelt ist der Standort Kurfürstendamm 207-208 ohne ein Theater undenkbar. Wir respektieren die lange Tradition der Bühnen im heutigen Kudamm Karree und sind unverändert bereit, in Abstimmung mit dem Betreiber und dem Architekten, auch historische Elemente aus dem Bestand in den geplanten Neubau einzufügen. Da wir wissen, dass ein Theater niemals in der Lage sein wird, die ortsüblichen Mieten zu bezahlen, wollen wir ein Gesamtkonzept umsetzen, das andere Mieter in die Situation versetzt, den Bühnenbetrieb quer zu subventionieren. Dazu müssen wir diese Mieter aber zunächst durch die Schaffung attraktiver, moderner und hochwertiger Büro-, Gastronomie- und Einzelhandelsflächen gewinnen. Ohne den von uns konzipierten kompletten Umbau des maroden und unattraktiven Kudamm Karrees ist das aber unmöglich. Wer also die Verlagerung des Theaterbetriebs und damit einen wesentlichen Teil unseres Gesamtkonzepts ablehnt, möchte das gesamte Projekt verhindern und den Status quo zementieren.“

Abgeordnetenhaus will die Bühnen retten

Anders als die Bezirksverordneten hatte sich das Abgeordnetenhaus vergangene Woche noch in seltener Einmütigkeit für den Erhalt der traditionsreichen Bühnen ausgesprochen. „Wir müssen alles daransetzen, die beiden Bühnen in vollem Umfang zu erhalten“, sagte der CDU-Abgeordnete Uwe Lehmann-Brauns am Montag in der Sitzung des Kulturausschusses. Die Opposition hatte dem rot-schwarzen Senat vorgeworfen, seiner Verantwortung für das beliebte Boulevard-Theater nicht nachzukommen. „Es ist misslich, dass seitens des Landes nichts getan wird“, kritisierte die Grünen-Abgeordnete Sabine Bangert. Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) wies die Vorwürfe zurück. Für den Senat habe der Erhalt des Spielortes erste Priorität. Ob es gelinge, die beiden Originalbühnen in einen Neubau zu integrieren, müsse man sehen.

Bühnen blicken auf einen 90-jährige Geschichte

Die Traditionshäuser am Kurfürstendamm sind fest verankert in der Berliner Theaterlandschaft und blicken auf eine wechselhafte, mehr als 90-jährige Geschichte zurück. Der legendäre Regisseur und Intendant Max Reinhardt gründete 1921 das Theater am Kurfürstendamm, drei Jahre später eröffnete er daneben die Komödie. Die Kudamm-Bühnen wurden vom Architekten Oskar Kaufmann geplant, der in Berlin auch das Hebbel Theater, die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, die Krolloper und das Renaissance Theater entwarf. Als Max Reinhardt 1932 in die USA emigrierte, übernahm der parteilose Operndirigent und -regisseur Hans Wölffler die beiden Boulevardtheater, bis sie 1942 durch das NS-Propagandaministerium verstaatlicht wurden. Nach 1945 wurde das Theater für kurze Zeit als Kino benutzt. Von 1949 bis 1963 war die Freie Volksbühne für den Spielbetrieb verantwortlich. Seit 1950 leitet die Theaterfamilie Wölffer zunächst wieder die Komödie, seit 1963 auch das Theater am Kurfürstendamm – heute in dritter Generation. Die Komödie am Kurfürstendamm verfügt über 607 Plätze, das Theater über 807 Plätze.

 

Kommentare

  1. Historisch wertvolle Bauwerke müssen erhalten werden. Sie sind das Gesicht der Stadt. Ein Austausch des an Tradition reichen Hauses durch einen gesichtslosen Allerweltsneubau (auch beim Hotel Kempinski) lässt die Schlussfolgerung zu, dass man ja auch die Grundstücke von Brandenburger Tor und Europacenter neu bebauen könnte.

    • Wo gibt es an dieser Stelle denn bitte ein historisch wertvolles Gebäude? Die Fassade des jetzt dort stehendenden Gebäudes muss durch Netzte gesichert werden, um Passanten vor herabfallenden Fassadenteilen zu schützen. Mittlerweile ist das Gebäude aus den Anfängen der 70-er Jahre ein Schandfleck und bremst die Entwicklung des ganzen Areals aus.
      Ich finde das Entgegenkommen des neuen Investors ein neues Theater zu etablieren durchaus akzeptabel. Statt endlich auch einmal einem Kompromiss zuzustimmen und froh zu sein, seine Arbeit an gleicher Stelle weiterzuführen, wird immer nur gemeckert, geschimpft und immer nur nach mehr mehr mehr gerufen…..
      Und ein neues Theater an der historischen Stelle zu etablieren ist doch auch eine Herausforderung und eine neue Chance… Stellt euch der Aufgabe! Aber natürlich ist es einfacher, es wie im Moment ohne Miete und nur mit Betriebskostenzahlungen in alter Manier mit endlosen Wiederaufnahmen dem letzten Bustouristen noch einmal die gute alte Zeit der 80er und 90er Jahre vorzugaukeln. Immer wieder wird Max Reinhard ins Spiel gebracht, aber ganz im Ernst: ich habe seit vielen Jahren nichts dort gesehen und erlebt, was auch nur ansatzweise an diesen großen Theatermann erinnern könnte…. ok, mal von Frau Thalbach abgesehen….
      Ich sage nur: möglichst schnell neu bauen und gestalten und diesen Mief der 70er und 80er hintern uns lassen! Chancen und Herausforderungen lassen uns alle wachsen! Auf das der Kudamm neuer, moderner und schöner werde!

  2. @Karsten Lindemayr
    Was soll denn an dem Bau historisch sein? Es geht doch um die Innenausstattung der Säle!

  3. Armes Berlin.Es tut weh zusehen zu müssen wie der Charm des Kudamms Investoren zum Opfer fällt.Zum Schluß bleibt nur noch die Gedächtniskirche,aber da wird sich auch noch ein Investor finden lassen,der die tiefer legt und mit einem modernen Hochhaus überbaut.

  4. Gott sei Dank gibt es ohnehin kaum einen vernünftigen Grund, um nach Berlin zu fahren. Die „seriöse“ Theaterlandschaft wurde schon mit der Aufgabe der Staatstheater und der formlosen Kündigung von Leuten wie Minetti und Schellow abgewickelt, beim Boulevard boten Hancke und Sonnenschein zuletzt noch Widerstand. Machen wir uns nichts vor: die politische „Elite“ hat sich die Hände gerieben, als Edith Hancke starb und ihre Stimme verstummte. Die Heuchler sind überall die gleichen, aber in Berlin sind sie eine Nummer größer.

    Wer sich in der unglücklichen Situation befindet, einen Tag in Berlin verbringen zu müssen: direkt zur Museumsinsel fahren und nach Besuch der Museen direkt zurück zum Bahnhof oder Flughafen. Je schneller weg, desto besser.

  5. Nein, Herr Folta, die Kundschaft der beiden Bühnen sind nicht die Bustouristen, sondern echte BerlinerInnen. Das familienbetrieblich geführte Theater ist ein Stück ECHTES BERLIN, dass mensch durchaus als Schmuckstück des Gründerzeitstils des Kurfürstendamms „verkaufen“ kann und zukünftig zum Commingtogether mit echten Berlinern einladen könnte. Anstatt das Milieu des Theaters abzuschaffen, sollten die ArchitektenInnen sich angeregt fühlen, eine historische Außenfassade zitatehaft zu reinszenieren, an der Stelle, wo jetzt das Kretschmann-Schach Ungetüm die Theater einfasst.Wie auch die Strasse unter den Linden, ist der Kurfürstendamm ein historisch wertvoll gewachsenes Zeugnis, das den Charme der Belle Epoque transportiert. Das neue technizistische Zeitalter kennt keine „Schumrigkeit vergangener Zeiten“, wie sie auch in den Kudamm-Bühnen spürbar ist. Es ist eine echte Antiquität, die uns spürbar in die Nähe mit vielen Spielzeiten und Namen und Dramen bringt. Sowas dürfen wir nicht wegräumen. Ich traue den Betreibern, der Stadt und den 30 Mio. Berlinbesuchern zu, daß sie eine auskömmliche Finanzierung mit einem tollen Spielplan mit internationalen und lokalen Gästen auf die Beine stellen könnten, janz im Sinne von Hilde Knef: Ich hab so Heimweh nach dem Kurfürstendamm, nach meinem Berlin. Ein Sehnsuchtsort des großzügigen Lebens und Flanierens alter Zeiten.

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