Aktuelles / Samstag, 11.11.2017

Karnevalisten stürmen das
Charlottenburger Rathaus

Vize-Bezirksbürgermeister Carsten Engelmann (r.) übergibt dem Prinzenpaar den symbolischen Schlüssel für das Rathaus und die Bezirkskasse mit Goldtalern. Foto: Anca Specht

Hunderte Karnevalisten haben am Freitag Rathausschlüssel und Bezirkskasse in ihren Besitz gebracht. Einen Umzug auf dem Kudamm gibt es im Februar aber nicht.

Von Anca Specht

Pünktlich am 11. November um 11:11 Uhr trat das Prinzenpaar Wolfgang IV und Simone I vor den stellvertretenden Bezirksbürgermeister Carsten Engelmann (CDU). Gemeinsam mit rund 300 Karnevalisten forderten sie ihn auf, den Schlüssel und die Kasse des Rathauses Charlottenburg herauszugeben.

„Ich will rein“ – Bürgermeister gibt Rathaus frei

Anfangs wehrte sich Engelmann noch, sagt tapfer, er hätte den Auftrag, das Haus mit seinem Leben zu verteidigen. Doch nach der höflichen Aufforderung durch die Prinzessin und einer ganzen Reihe verkleideter Kinder, die vehement Kasse, sowie Schlüssel forderten und Bützchen verteilten, knickte er schließlich doch ein und gab das Rathaus frei. Vielleicht war auch der Satz eines Kindes ausschlaggebend, das auf die Frage, was es wolle, antwortete: „Ich will einfach nur rein! Mir ist kalt!“ Das erweichte auch das Herz Engelmanns.

Die Jecken haben das Rathaus erobert und tanzen im BVV-Saal. Foto: Anca Specht

Karnevals-Vereine überreichen Orden

22 Vereine gehören zum Festkomitee des Berliner Karnevalsvereins und sind mit zahlreichen Mitgliedern zum Rathaus gekommen – natürlich in Kostümen ihrer Vereinsfarbe. Jeder Verein überreichte Engelmann einen Orden, dazu gab es Tanzeinlagen der verschiedenen Nachwuchs-Narren. Die Stimmung im Rathaus ist ausgelassen, eine Band spielt Schlager und die Karnevalisten tanzen dazu und singen mit. Doch ein Thema trübt die gute Laune: Im Februar wird es wohl keine Kamelle auf dem Kurfürstendamm geben.

Keine Kamelle auf dem Kudamm

Der bislang geplante Karnevalsumzug auf dem Kudamm kann aus Geldmangel wieder einmal nicht stattfinden. Bereits 2014 und 2015 war das Spektakel ausgefallen, danach ermöglichte die rheinländische Kostümhandlung Deiters als Sponsor das Comeback. Diesmal aber wäre der Umzug noch teurer, sagt Klaus-Peter Heimann, Präsident des Festkomitee Berliner Karneva: „Die Kosten für 2017 lagen insgesamt schon bei etwa 120.000 Euro. Die Sicherheitsmaßnahmen müssen jetzt verschärft werden, das kostet noch mal circa 40.000 Euro mehr. Da sagt auch der größte Sponsor irgendwann mal, jetzt ist es genug.“

Regierender Bürgermeister empfängt die Karnevalisten nicht

Die Vizepräsidentin des Festkomitees, Christiane Holm, hofft aber auf die Unterstützung des für Inneres zuständigen Senator Andreas Geisel (SPD). Sie sagt: „Vielleicht kann eine andere Strecke dazu führen, dass der Umzug 2019 wieder stattfinden kann.“ Das Gespräch mit Geisel stehe aber noch aus. Eine Terminanfrage beim Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) sei erfolglos geblieben, sagt Holm. Eigentlich würden die Karneval-Freunde nämlich auch gerne mal das Rote Rathaus stürmen. Doch das sei nicht möglich, sagt der Präsident des Berliner Carneval-Verein 1968 e.V., Frank Dombrowski. „Das Rote Rathaus will uns nicht. Dafür ist uns der Bürgermeister hier wohl gesonnen und stellt das Rathaus Charlottenburg gern zur Verfügung.“

Fröhlichkeit in Charlottenburg auch 2018

Und auch der stellvertretende Bezirksbürgermeister Carsten Engelmann hat Spaß an dem Besuch der Jecken. Er sagt: „Karneval in Berlin hat einen schweren Stand, aber Charlottenburg-Wilmersdorf steht dazu! Ich freue mich, wenn wir auch nächstes Jahr wieder hier zusammen kommen, um fröhlich zu sein und Grenzen zu überwinden.“ Für Engelmann habe Karneval einen integrativen Charakter. „Brücken bauen und Spaß haben, da kann doch keiner was gegen haben“, sagt er.

Das Prinzenpaar Wolfgang IV und Simone I mit Carsten Engelmann, stellvertretender Bezirksbürgermeister (r.). Foto: Anca Specht

Mit Frohsinn Grenzen überwinden

Das Motto des diesjährigen Prinzenpaares Wolfgang IV. und Simone I. lautet „Mit Frohsinn Grenzen überwinden“. Dabei sei es ihnen besonders wichtig, die Grenzen zwischen Jung und Alt und zwischen Ost und West zu überwinden. Sie möchten als Prinzenpaar Patenschaften für Vereine übernehmen, die Leute zusammenbringen und sie durch Frohsinn von ihren Sorgen ablenken. Dafür würden sie Geld sammeln. „Bis Aschermittwoch können sich verschiedene Vereine bewerben, egal ob Sport, Schach, Tanzen oder was ganz anderes“, sagt Simone I.

Warum die 11?

Doch warum beginnt eigentlich gerade am 11.11. um 11:11 Uhr die Feierei? Das ist nicht ganz klar. Die Kölner Karnevalsforscherin Sigrid Krebs erklärt das so: „Während die Zehn für das göttliche Gesetz und dessen Gebote steht, markiert die Elf die Schwelle ins Reich der Sünde und der Übertretung.“ Die gewöhnliche Ordnung werde dann aufgehoben und die Narren übernähmen das Zepter. Und weil das so ist, feiern die Jecken munter weiter. Fröhlich schallt es durch den BVV-Saal: „Karneval an der Spree – olé, olé, olé!“

Information

Bewerbungen für eine Patenschaft des Prinzenpaares sind möglich bis Aschermittwoch unter der Mail-Adresse: pp1718@gmx.de

 

Kommentare

  1. Hat sich das Prinzenpaar mit dem Übernehmen der Bezirkskasse nicht evtl. einen Bärendienst erwiesen? Die nachhaltige Finanzplanung des Bezirksamtes hat doch dafür gesorgt, dass der Bezirkshaushalt in 2018 ein Defizit von 700.000 Euro und in 2019 8,9 Mio. Euro ausweisen wird. Da sind die zusätzlichen 40.000 Euro für den Karnevalszug doch eher die berühmten Peanuts… Schade, dass der „Zuch“ ausfallen wird…

    Die Elf ist ganz schnell und ganz einfach erklärt: Der rheinische Karneval hat seine heutige Ausprägung in der Zeit der französischen Besetzung des Rheinlandes gefunden. Nimmt man die Anfangsbuchstaben von Egalité, Liberté und Fraternité, so hat man die ELF. Und auch die Gardekostüme der Karnevalsvereine sind verkappte Uniformen, die meisten Karnevalslieder mit Blechbläsern intoniert und Märsche.

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