Aktuelles / Dienstag, 11.04.2017

Judith Siller und der
Glücksmoment einer guten Tat

Seit 18 Jahren der Kopf eines ehrenamtlichen Projekts: Judith Siller im A Janela -Laden an der Emser Straße. Foto: Sofia Mareschow

Seit 18 Jahren wirbt Judith Siller im A Janela-Laden an der Emser Straße für fairen Handel. Sie und ihr Team haben viel bewirkt, doch jetzt werden dringend Helfer gesucht.

Von Sofia Mareschow

Bunte Stofftiere, fein gewobene Stoffe im Schaufenster, witzige Smartphone-Taschen vor der Ladentür. Neugieriger Blick hinein: Eine weiße Treppe, gesäumt von Ledertaschen. Rechts davon Regale voller Schokotafeln, Design-Schmuck, Keramik. Ein Arrangement mit jenem Hauch Exotik angesagter Szeneläden für Kunstgewerbe und Kulinarisches aus der Ferne. Doch da ist dieses Logo über der Tür an der Emser Straße 45: ein Kreis mit schwarzen Silhouetten der Erd-Kontinente. Das Geschäft A Janela (portugiesisch für Fenster) ist ein Weltladen, einer von geschätzt 900 in Deutschland, von zehn in Berlin.

Die Idee von einer gerechteren Welt

Hier wird beim Verkauf eine Idee vermittelt: die von einer gerechteren Welt, von fairen Handelsbeziehungen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Deren Produzenten sollen so bezahlt werden, dass sie unter guten Arbeitsbedingungen menschenwürdig von ihrem Lohn leben können. „Fairer Handel ist weltweit im Kommen, auch deutschlandweit steigen die Umsätze“, sagt Judith Siller, Gründungsmitglied und Geschäftsführerin von A Janela. Längst beschränke sich die globale Bewegung, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum in Deutschland begeht, nicht auf importierte Genussmittel. „Ständig wächst die Angebots-Vielfalt „, sagt Siller, die in A Janela mittlerweile 2000 verschiedene Produkte anbietet. Kaffee aus Mexiko, Ecuador, Kolumbien, Bolivien, Tee aus Indien und Sri Lanka. Schmuck aus Thailand, Afghanistan und Peru gehört dazu ebenso wie Shangaan-Stickereien – Kissenhüllen, Tischsets, Täschchen – aus Südafrika und Ledertaschen ab 50 Euro aus Indien, wo neuerdings auch modische Kleidung herkommt.

Zauberhaft wandelbare Kundenlieblinge

Lieferanten sind hauptsächlich Handelsbörsen, aber auch einzelne Firmen wie die österreichische Schokoladen-Manufaktur Zotter, die den Kernbereich ihrer Produktion auf Fair-Trade-Rohstoffe umgestellt hat. Da kostet schon mal ein 70-Gramm-Täfelchen 3,50 Euro. Und die philippinischen Märchen-Wendepuppen aus einer kirchlichen Frauenwerkstatt finden über den Saarländisch-Philippinischen Freundeskreis den Weg zu A Janela. Zauberhaft wandelbar, diese Kundenlieblinge. Aus Rotkäppchen etwa wird mit wenigen Handgriffen die Großmutter, nochmaliges Umdrehen fördert den bösen Wolf zutage.

Ein Blick in die bunte Welt fair gehandelter Produkte. Foto: Sofia Mareschow

Gegründet wurde der Wilmersdorfer Weltladen 1999 auf Initiative des Vereins „Eine Welt – St. Ludwig, Berlin-Wilmersdorf e.V.“ Der gehört zur katholischen Gemeinde St. Ludwig und ist bis heute Träger des Ladens. Ein ehrenamtliches Projekt, die 20-köpfige Stammbelegschaft – die Jüngste 35, die Älteste 78 Jahre alt – arbeitet unentgeltlich. „Ein gesellschaftliches Experiment, und es funktioniert schon seit 18 Jahren“, sagt Siller. Fünf Jahre bleiben die Freiwilligen im Schnitt dabei, das Personalkarussell dreht sich eigentlich gleich einem perpetuum mobile. Derzeit scheint es allerdings ins Stocken geraten: Aktuell sucht A Janela neue Mitstreiter. „Willkommen sind alle, die für die Idee brennen, teamfähig sind, eine PC-Kasse bedienen können und körperlich in der Lage sind, Treppen zu steigen“, umreißt die Chefin, die an zwei Tagen wöchentlich ihrem eigentlichen Beruf als Musiktherapeutin nachgeht. Für fairen Handel engagierte sich die heute 58-Jährige schon als Teenager. „Mit 16 Jahren habe ich das vermutlich erste Fair-Trade-Café Deutschlands gegründet, zu Hause“, sagt sie schmunzelnd und erinnert sich, wie sie jeden Besucher dazu bekehrte, fair gehandelten Kaffee zu trinken.

Judith Siller leistet auch bei Straßenfesten Überzeugungsarbeit

Doch Judith Siller ist auch über den Verkauf hinaus für die Fair-Trade-Idee aktiv. So leistet sie bei Straßenfesten Überzeugungsarbeit, vermittelt Referenten für entsprechende Bildungskampagnen an Schulen, organisiert Aktionen wie das Faire Frühstück, glücklich darüber, dass sie die Gremien des Bezirks sie bei so manchem Projekt unterstützen. Dass Charlottenburg-Wilmersdorf als erster Stadtbezirk Berlins 2011 mit dem Titel „Fair Trade Town“ ( „Stadt des Fairen Handels“) ausgezeichnet wurde, ist auch Judith Sillers unermüdlichem Engagement zu verdanken. Die Kriterien der 2009 in Deutschland gestarteten Kampagne sind strikt. So müssen in Einzelhandel und Gastronomie sowie in der Verwaltung Produkte aus Fairem Handel angeboten werden, öffentliche Einrichtungen wie Schulen, Vereine und Kirchen Engagement zeigen. Das funktioniert im Bezirk, ebenso die Zusammenarbeit mit Judith Siller. Mit Kirchenorganisationen ganz besonders. Auch beim diesjährigen Kirchentag Ende Mai wird A Janela präsent sein, beteilige sich an der Versorgung der großen Quartiere mit fair gehandeltem Kaffee und Nahrungsmitteln, so Siller. An drei Tagen – vom 25. bis 27. Mai – ist der Weltladen mit einem eigenen Stand in den Messehallen vertreten. Wo das Team seine Arbeit präsentieren wird: mit Informationen rund um den Fairen Handel für Erwachsene, einem Quiz, Memory-Spiel und Puzzle für Kinder. Und natürlich eine kleine Kunsthandwerk-Auswahl.

Kissenhüllen in Shangaan-Stickereien aus Südafrika. Foto: Sofia Mareschow 

Vielleicht sind ja auch die farbenfrohen Pendeluhren in Tiergestalt dabei. Die Designerstücke einer kolumbianischen Werkstatt, anfangs soziales Projekt für benachteiligte Kinder, sind so begehrt, dass die Firma inzwischen nicht nur 30 Beschäftigte bezahlen, sondern auch Jugendliche ausbilden kann. Ähnlich die Geschichte der handgefertigte Teelichthalter im Blütendesign, filigrane Gebilde aus Capiz. Kaum zu glauben, wie arbeitsintensiv die zarten Blättchen aus der philippinischen Capizmuschel entstehen. Dem Vertrieb über den Fair Trade-Importeur Contigo verdankt die philippinische Herstellerfirma die gerechte Entlohnung ihrer 65 Mitarbeiter.

Und letztlich den vielen Helfern wie den Ehrenamtlichen um Judith Siller. Umso wichtiger, dass junge Engagierte den Weg zu A Janela finden, um mitzuwirken: ob an der Kasse, bei Kundenberatung, Einkauf, als Netzwerker oder beim Außeneinsatz. „Denn Geld ist nicht alles“, sagt Judith Siller, „Ehrenamt hat hohe moralisch-ideelle Ziele und Motive. Wer sich für andere einsetzt, bekommt so viel zurück.“ Teilhabe am Leben, neue Freunde, Erweiterung des Horizontes. „Manch einer erlebt sich ganz anders, traut sich etwas zu, fühlt sich bestätigt.“ Ein Geben und Nehmen. Der Glücksmoment einer guten Tat.

Information

A Janela
Emser Str. 45, Wilmersdorf
E-Mail: info@ajanela.de
Tel 030 / 88 68 08 77
Öffnungszeiten: Mo – Fr 10 – 19 Uhr, Sa 10 – 15 Uhr