Aktuelles / Donnerstag, 18.05.2017

In der Nachfolge der
legendären Wanda

Menschen mit sozialem Engagement in Szene setzen: Marcel hängt ein Bild von Thomas de Vachroi an die Wand seiner Kneipe "Die kleine Philharmonie". Foto: Carolin Brühl

Marcel Kroll, der Wirt der Künstlerkneipe „Die kleine Philharmonie“ will jedes Jahr einen Preis für soziales Engagement ausloben. Den ersten verleiht er diesen Freitagabend an Thomas de Vachroi.

Von Carolin Brühl

Eigentlich wirkt er fast ein bisschen verschämt, wenn man ihn fragt, warum er als Gastronom einen Preis für soziales Engagement auslobt. Warum denn nicht Gutes tun und darüber reden? Doch Marcel Kroll, der Besitzer der Künstlerkneipe „Die kleine Philharmonie“, ist noch neu im Geschäft des Philantropentums. Seit November 2016 erst ist er der Chef des Traditionslokals an der Schaperstraße.  „Ich habe mich mit der Geschichte dieses Lokals beschäftigt, und mir ist klar, dass ich damit auch eine positive Verpflichtung übernommen habe“, sagt Kroll.

Warum „Die kleine Philharmonie“ so heißt, wie sie heißt

Ein Lokal mit dem Charme der Bohème: „Die kleine Philharmonie“ an der Schaperstraße 14. Foto: Carolin Brühl

Der junge Gastronom bezieht sich dabei auf Wanda Vrubliauskaite (1923-1997). Die legendäre Wirtin gab dem Lokal 1959 den Namen, den sie heute noch trägt, weil, was heute kaum mehr jemand weiß, die „große“ Philharmonie ursprünglich dort hingestellt werden sollte, wo heute die Freie Volksbühne steht. Die große Philharmonie kam an den Kemperplatz, die kleine blieb, „… bis später bei Wanda!“ wurde zum geflügelten Wort. Fast 40 Jahre führte Wanda das Lokal und wurde zu einem lebenden Original. Für die Sorgen ihrer Gäste, darunter auch viele Homosexuelle, hatte sie stets ein offenes Ohr. Regelmäßig spendete sie ihre Trinkgelder für wohltätige Zwecke. In Wandas Kneipe drehte das ZDF einen ersten Beitrag über AIDS, die damals noch unbekannte Krankheit. Die erste Positiven-Selbsthilfegruppe fand hier ihr Stammlokal, nachdem sie sonst von den Wirten überall Absagen erhielt, aus Angst das Geschäft könnte darunter leiden.

Sozial engagierte Menschen stärker öffentlich sichtbar machen

„Dieses soziale Engagement möchte ich fortsetzen“, sagt Kroll. Er habe sich deshalb überlegt, jedes Jahr eine Person auszuzeichnen, die sich besonders um das Gemeinwohl verdient hat. „Ich möchte solche Menschen auch viel stärker öffentlich sichtbar machen“, sagt er und bringt derweil zwischen den Fotos prominenter Besucher der Künstlerkneipe ein weiteres Bild an der Wand direkt hinter dem Tresen an, das seinen ersten Preisträger zeigt. Krolls erste Wahl fiel auf Thomas de Vachroi.

Der Wirt und sein erster Preisträger: Thomas de Vachroi (l.) und Marcel Kroll. Foto: Carolin Brühl

Der Mann, der einen großen silbernen Ring mit einem weißen Kreuz am Finger trägt, tut dies nicht, aus dekorativen Gründen. „Jeder soll sehen können, dass ich Christ bin“, sagt er. Der 57-Jährige hat sich nicht nur einen Namen als erster Leiter der Flüchtlingsunterkunft im Rathaus Wilmersdorf gemacht, wohin ihn sein Arbeitgeber, das Diakoniewerk Simenon an den Heimbetreiber ASB ausgeliehen hatte. Der erfahrene Sozialexperte machte mit Hilfe vieler Ehrenamtlicher aus dem ehemaligen Behördenhaus eine Vorzeigeunterkunft. Doch das war nur eine Station im Leben des umtriebigen Sachsen, der zu DDR-Zeiten sechs Jahre lang in Brandenburg-Görden inhaftiert war und erst 1987 von der Bundesrepublik als politischer Häftling freigekauft wurde. Sein Schicksal hat ihn sensibel gemacht für Not, Flucht und Vertreibung. Er arbeitete in der Drogenberatung, in der Altenpflege und mit Menschen mit Behinderungen. Sechs Jahre half er im Kosovo bei Wiederaufbau. Doch die Not, die er erlebte, hat ihn nicht abgestumpft. „Man muss einfach Visionen haben, wie etwas besser geht“, sagt er.

„Lebenswert“ – Ein Film über einen Obdachlosen

Als Armutsbeauftragter des Diakoniewerks kämpft er unter anderem auch für Obdachlose. „Wir dürfen nicht wegschauen, wir müssen mit den Menschen in Kontakt treten“, ist sein Credo. Er findet es merkwürdig, dass Armut und Obdachlosikgkeit in Berlin immer nur von November bis April sichtbar ist. „So, als ob sich diese Menschen sich bei ersten Sonnenstrahl plötzlich in Luft auflösen würden und keine Hilfe mehr benötigten.“ Damit mehr Leute hinschauen, hat er gemeinsam mit Berlin24 den Film „Lebenswert“ über das Schicksal eines Neuköllner Obdachlosen gedreht. „Wir suchen noch kleine Kinos oder andere Einrichtungen, den den Film zeigen, damit ihn möglichst viele Menschen sehen“, sagt Thomas de Vachroi. Er mache deutlich, dass jeder Obdachlose unsere Beachtung verdient und mit Würde behandelt werden muss.

Der Preis, den Marcel Kroll ins Leben gerufen hat, und dessen erster Preisträger er ist, macht ihn stolz. Auch deswegen, weil der Wirt die Hälfte seines Umsatzes am Freitagabend für de Vachrois Tee- und Wärmestuben-Projekt in Neukölln spenden will. Im nächsten Jahr, sagt Kroll, wolle er erneut einen sozial engagierten Menschen an der Wand über seinem Tresen in Szene setzen. Dann soll Thomas de Vachroi die Laudatio halten. Vielleicht der Beginn einer schönen neuen Tradition in der „kleinen Philharmonie“.

Information

„Die kleine Philharmonie“
Schaperstraße 14
Die Feier beginnt an diesem Freitag, 19. Mai, um 19 Uhr.