Aktuelles / Mittwoch, 27.01.2016

Historische Kantgarage
hat neuen Eigentümer

Ein Baudenkmal, das die Fantasie beflügelt: Die Kantgarage eignet sich als Bühne des Automobils Foto: Thomas Schubert

Die historische Kantgarage gilt als Zeugnis des Aufbruchs in die Ära des Automobils. Sie hat einen neuen Eigentümer. Der hat womöglich einen großen Plan.

Von Thomas Schubert

Für Laien ist sie eine der schäbigsten Bauruinen der westlichen City. Doch aus Sicht ihrer Fans gilt sie als bedeutendes Zeugnis des Aufbruchs in die Ära des Automobils: die historische Kantgarage hat einen neuen Eigentümer.

Wie ein Trauerflor bedeckt das schwarze Netz die Fassade. Darunter: bröckelndes Mauerwerk, von Abgasen jahrzehntelang geschwärzt. Ein Anblick wie nach dem Krieg. Die Kantgarage, erbaut im Jahre 1930 und heute als eine der letzten erhaltenen Hochgaragen dieser Ära weltweit beinahe einzigartig, schien dem Tod geweiht. Antrag auf Abriss durch die Eigentümerfirma Pepper. Abgelehnte Bescheide durch Behörden. Es war ein jahrelanges bürokratisches Armdrücken. Bis Pepper jetzt offenbar die Geduld verlor.

Die Kantgarage, das Schandmal mit der Adresse Kantstraße 126-127, ist verkauft. So ließ Baustadtrat Marc Schulte (SPD) nun durchsickern. Und an wen? Das bleibt vorerst geheim. „Ich bin verhalten optimistisch“, sagte Schulte angesichts des Verkaufs. „Denn die Informationen, die uns vorliegen, lassen hoffen, dass eine denkmalgerechte Sanierung in Aussicht stehen könnte.“ Eben das wäre die Lieblingslösung des Bezirks, der Denkmalschützer und erst recht der „Initiative zur Rettung der Kant-Garagen“ um Andreas Barz.

Vorträge, Planungsworkshops und öffentliche Diskussionen gab es in den letzten Jahren in regelmäßiger Folge. Zuletzt hieß es sogar, man wolle versuchen, eine Genossenschaft zu gründen und das umstrittene Bauwerk selbst kaufen. Das Ziel: Eine Nutzung des Denkmals gemäß seiner Bestimmung. Ideen gab es dutzende. Was fehlte, war das Geld. Oder ein Eigentümer, der die gleichen Interessen hat wie die Fans.

Einzigartige Konstruktion: An der Rückseite rottet eine Vorhangfassade vor sich hin, die Architekturkenner als Unikum preisen Foto: Thomas Schubert

Einzigartige Konstruktion: An der Rückseite rottet eine Vorhangfassade vor sich hin, die Architekturkenner als Unikum preisen Foto: Thomas Schubert

Warum sollten Automobilhersteller die Garage nicht als Repräsentanz nutzen können? Warum sollte sie Oldtimer-Freunden nicht als Veranstaltungsstätte und nostalgischer Abstellplatz für ihre Schätze dienen? Wäre dies nicht der ideale Standort für Start-ups? Oder eine Schaubühne der Elektromobilität? So sehr der Wunsch wuchs, die Kantgarage als symbolische Rampe zwischen Vergangenheit und Zukunft zu verwenden, so klein waren die Aussichten auf Umsetzung. Die Visionen, sie versandeten. Und so bröckelt die Garage weiter vor sich hin.

Eine Tankstelle, eine Werkstatt und einige Kleinunternehmer haben sich im Inneren eingenistet. Zwar möchte sich namentlich niemand zur Situation äußern, doch so viel steht fest: Die Verträge laufen nur noch bis Ende des Jahres. Und die Mieter wurden von Pepper per Post über den Eigentümerwechsel informiert. „Ansonsten wissen wir nüscht“, bedauert ein Mechaniker.

In dunklen Winkeln blitzt teures Blech

Wer sich im Inneren umschaut, riecht altes Öl, steigt über Nachtlager von Obdachlosen. Man bemerkt, dass sich diese Ruine in reger Zwischennutzung befindet. Etliche der 300 Einzelgaragen sind an Privatpersonen und Firmen vermietet. In dunklen Winkeln blitzt teures Blech.

Vorne kriecht der Verkehr Richtung Gedächtniskirche, hinten heulen die S-Bahnen dicht vorbei an der aufwendigen Vorhangfassade. Einer gläsernen Haut, die in den 30er-Jahren als Innovation galt. Dahinter verbirgt sich auch die doppelgängige Wendelrampe, konstruiert von Bruno Lohmüller, Oskar Korschelt und Jakob Renkerin. Der Clou: Auf- und abfahrender Verkehr rollt spiralförmig über getrennte Rampen, ohne sich zu begegnen. Ein Unikum. Und einer von vielen Gründen, weshalb Autoenthusiasten für den Erhalt der Garage kämpfen. Ob sie am Ende die Sieger sind? Wer auch immer der neue Investor sein mag. Er hat es jetzt in der Hand.

 

 

Kommentare

  1. Eine denkmalgerechte Sanierung und adäquate Nurzung wäre in der Tat die Wunschlösung, in einer Stadt, in der vielfach instinktlos wegsaniert und im Zweifel ein Shoppingcenter mehr errichtet wird – denn davon hat Betlin zu wenige.

    • Eine Riesensauerei ist doch, wie Multi-Millionär Pepper eine technisches Denkmal nach Strich und Faden abrissreif verkommen ließ, und die Berliner Behörden schauten seelenruhig zu bzw. weg. Eventuelle Maßnahmen hätten wohlmöglich Arbeit bedeutet!Und es müssten gesetzliche Möglichkeiten geben, verantwortungs- und rücksichtslose Leute wie Pepper zu enteignen, aber das wird natürlich nie passieren. Ganz im gegenteil, Typen wie Pepper treiben die Politiker vor sich her. Das zeigte allein das Beispiel des angeblichen Baustadtrats und Oberignoranten Schulte, der nach Überfliegen eines von Pepper (!!!!) in Auftrag gegebenen Gutachtens die Kantgaragen abhakte. Jetzt will Schulte zusammen einem dem großartigen neuen Investor die Kurfürstendamm-Bühnen von Oskar Kaufmann möglichst geräuschlos verschwinden lassen. Bei solchen „Baustadträten“ mit einer atemberaubenden Unkenntnis jeder Architekturgeschichte braucht Berlin keine Feinde. Die Stadt entsorgt sich selbst.

      • Habe bis 1997 in der Kantgarage gearbeitet. Man konnte den Zerfall des Gebäudes förmlich spüren, indem das Wasser vom Dach in die Halle strömte. Arbeiten ohne Regenschutz war fast nur an wenigen Stellen möglich. Auf Anfrage warum mein Chef nicht bei Pepper anruft und die Mängel anzeigt hieß es nur “ Hatten wir schon mal, aber es wurde mit Mieterhöhung oder Kündigung gedroht „. Die Verträge mussten jedes Jahr neu ausgehandelt werden. War ja klar wer da am längeren Hebel sitzt ! Also wurde das Dach von uns abgedichtet.
        Ich hoffe das beste für das Historische Gebäude.
        Gruß

  2. Habe 1972 oben im 5. Stock meine Lehre als Kraftfahrzeugmechaniker angefangen.
    Damals hatte die Fa. Herbert Schultze ihren Sitz im Servicbereich Jaguar /Rover /Triumph und Alfa Romeo .
    Herbert Schultze ein ehem. Rennfahrer ist auf dem Nürburgring 1972 tödlich verunglückt.
    Es war eine schöne Zeit so hoch oben über den Dächern Berlins zu arbeiten und die Aussicht bei einem Frühstück auf dem Dach zu genießen .
    Im Sommer war es brütend heiß und im Winter ar… kalt. Aber diese Werkstatt war mit nichts zu vergleichen.
    Es wäre für mich eine Schande dieses Bauwerk zu zerstören , was noch mehr an Geschichte zu bieten hat als nur das was man jetzt noch sieht.
    Ich freue mich jedenfalls das man das Gebäude erhalten möchte.
    Mit freundlichen Grüßen
    U.Zabel Berlin

  3. Wie Denkmalschützer und „Architekturfreunde“ und Berufsnostalgiker jedesmal den Untergang des Abendlandes postulieren, wenn mal wieder eine unvorstellbare Augenpest abgerissen werden soll, lässt all jene, die nicht so pseudokultiviert verblendet sind, ein um das andere Mal erstarren. Ebenso natürlich knicken die Verantwortlihcne in den BVV’s meist ein, um ja nicht von den Anhängern solch teilweise grotesker Ideale als Banausen betitelt zu werden.

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