Aktuelles / Sonntag, 10.09.2017

Herr Weise und die
Charlottenburger Wahlhelfer

Wahlamtsleiter Uwe Weise erklärt die Befugnisse von Wahlhelfern. Foto: Jörg Krauthöfer

Zu Besuch im Rathaus Charlottenburg, wo der Wahlamtleiter Uwe Weise Freiwillige für die Bundestagswahl schult. Es gibt viele Fragen und Antworten.

Von Patrick Goldstein

Wahlamtsleiter Uwe Weise warnt seine Zuhörer gleich zu Beginn: „Es gibt eine Partei, die ihre Mitglieder diesmal aufgefordert hat, nach 18 Uhr bei möglichst vielen Stimmzählungen genau zuzusehen.“ Die 50 angehenden Wahlhelfer vor ihm raunen beeindruckt. „Die trauen unserer Demokratie nicht. Aber: Lassen Sie sich davon nicht aus der Ruhe bringen“, sagt Weise.
Manche im Festsaal des Rathauses Charlottenburg-Wilmersdorf erfassen da jetzt erst die Konflikte und Unvorhersehbarkeiten jenes Amtes, für das sie sich freiwillig gemeldet haben. Es sind ganz normale Bürger, die aber am 24. September ein bisschen mehr Verantwortung übernehmen wollen als die restlichen 61,5 Millionen Stimmberechtigten. Für einen Tag werden sie das Gesicht der Demokratie verkörpern. Die Schulung bei Wahlamtsleiter Weise soll sie darauf vorbereiten.

Wahlhelferin Carla Ehrcke mit einem Abstimmungszettel. Foto: Patrick Goldstein

Weise hastet schon seit Sommeranfang verstärkt durch das Rathaus, einem labyrinthischen Bau aus der Kaiserzeit, in dem sich Outsider trotz Wegweisern unweigerlich verlaufen. Für den 59-Jährigen, einen Mann, der nach Feierabend im Fußballteam die Verteidigung übernimmt, ist es Spielfeld und Bühne zugleich – hier führt er Regie. Wer in den Gängen werktags von ihm überholt wird, sieht ihn oft im apricotfarbenen Hemd, kurze Ärmel, dazu unaufdringliche Krawatte und Krawattennadel, Anzughose, leichtes Schuhwerk und bis zu fünf Stifte in der Brusttasche.

Die Wahlhelfer sind beeindruckt

Was Weise nun eingangs sagte, dass jeder Bürger nach 18 Uhr im Wahllokal dabei sein und zusehen darf wie acht Wahlhelfer – Fachjargon: Wahlvorstände – die Stimmen zählen, ist für viele im Festsaal neu. Die Hälfte bestreitet erstmals den Wahltag als Vorstand. Carla Ehrcke aus Charlottenburg etwa, Auszubildende zur Verwaltungsfachangestellten. In einer Pause sagt die 21-Jährige, sie habe beeindruckt, wie viel Entscheidungsmacht Leuten wie ihr in den Wahllokalen übertragen wird, und wie schnell sie das Ergebnis auszählen werden. Öffentlichkeitsreferentin Dorothee Haßkamp (48) hat sich endlich ein Beispiel an ihrem Mann genommen. „Er macht das schon seit 30 Jahren. Politisches Interesse und Engagement – das gehört bei uns dazu“, sagt sie.
Eine 51-Jährige aus der Rathausverwaltung, die um Anonymität bittet, sieht ihren Demokratieeinsatz dagegen eher unter dem Fun-Aspekt. Mit Kollegen übernehme sie traditionell komplette Lokale, einige von ihnen seien schon seit den 90er-Jahren dabei. Im Team mache das Spaß, sagt sie – und im öffentlichen Dienst gibt es obendrauf bis zu zwei Ausgleichstage sowie 35 Euro. Externe erhalten 50 Euro.

Der Berliner Bär schaut auf die Deutschlandfahne: Uwe Weise, Wahlleiter in Charlottenburg zur Hängung der Fahnen im Wahllokal. Foto: Jörg Krauthöfer

Wo im Rathaus man am Vortag das Geld für sein Team abholt, erklärt Uwe Weise früh im Vortrag. Bei ihm sitzen heute jene, die unter den acht Wahlvorständen eines Lokals die Chefs und Vizechefs sein werden und damit zugleich als Zahlmeister fungieren: die Wahlvorsteher. „Am Wahlmorgen um sieben Uhr gleichen Sie mit Ihrer Liste ab, ob alle Wahlhelfer da sind“, sagt Weise. „Wenn jemand fehlt, rufen Sie an: Ich schicke Ersatz.“ Vor Eröffnung gelte es auch, „damit es repräsentativer aussieht“, drei Flaggen im Lokal aufzuhängen. Wichtig sei die Reihenfolge. Links die europäische, in der Mitte die deutsche, zuletzt die Flagge von Berlin. „Gedächtnisstütze: der Berliner Bär schaut auf die Deutschlandfahne“, sagt Weise. Zwischendurch lässt er seine Tochter Lavinia (24), die inzwischen auch im Wahlamt arbeitet, Infofilme des Bundeswahlleiters abspielen. Momente, in denen er sich mit Wasserflasche ins Publikum setzt. Es ist an diesem Tag die zweite von vielen Schulungen, die in dieser Woche folgen werden.

In der Wahlkabine darf nicht fotografiert werden

Die Videos skizzieren die Abläufe in routiniertem Ton. Leben haucht erst Weise wieder dem Wahljob ein. Er hebt eine graue Wahlurne mit Loch im Boden hoch, wofür er am Abstimmungstag nach Anruf im Rathaus umgehend Ersatz liefern werde. Und stießen die Zuhörer im Bannkreis von 30 Metern um das Lokal auf politische Plakatierung, dürften sie diese herunterreißen. „Dafür wird Sie niemand anzeigen“, verspricht er. Es wird viel gefragt. Antworten auf Praktisches wie: „Dürfen wir essen gehen?“ (Ja), „Wie viele von uns sollten immer im Lokal sein?“ (mindestens fünf) und wann ans Rathaus zu melden sei, wie viele Bürger schon gewählt haben (um zwölf und 16 Uhr), nimmt man entspannt zur Kenntnis.

Wahlhelferin Dorothee Haßkamp will am 24. September mithelfen. Foto: Patrick Goldstein

Aber es gibt Fragen, die die Teilnehmer schon im Vorfeld merklich bewegt haben. Was etwa, wenn jemand in der Wahlkabine fotografiert, will ein Mann wissen. „Dann vernichten Sie seinen Stimmzettel und geben ihm einen neuen“, sagt Weise. Was aber mit der Aufnahme passieren soll? „Weisen Sie ihn an, das Bild zu löschen – mehr können Sie nicht tun. Zwangsmaßnahmen stehen Ihnen nicht zu.“ Ein erfahrener Wahlvorsteher im Publikum ergänzt, in der Vergangenheit habe ein Störer bei ihm demonstrativ aus dem Wahllokal hinaus telefoniert und lautstark live berichtet. „Den haben wir schließlich hinausgeschickt.“ So müsse man vorgehen, bestätigt Weise: „Als Wahlvorsteher haben Sie das Hausrecht. Wenn das nicht hilft, rufen Sie die Polizei. Sie müssen sich dort nicht allein fühlen.“ Auch diejenigen, die ab 18 Uhr bei der Zählung im Lokal zuschauen wollen, müssten sich benehmen. „Die dürfen Ihnen zum Beispiel keine Vorschriften machen, wie Sie zu zählen haben. Die dürfen nicht einmal zugreifen, wenn Ihnen ein Stimmzettel herunterfällt“, sagt Weise eindringlich.

Die Frage nach der Kontrolllücke

In der ersten Reihe meldet sich ein Mann, der viele Erklärungen Weises mit Kopfschütteln quittiert hat. Wenn die Wahlvorstände zuletzt ins Rathaus telefonieren, welche Partei wie viele Stimmen erhalten hat, so will er wissen, „wer sagt denn, dass das so auch notiert wird und nicht anders?“. Da gebe es doch eine Kontrolllücke. Weise widerspricht: Das Ergebnis des Wahllokals werde das Team am Abend in einer Niederschrift festhalten. „Das wird in der folgenden Woche in der Behörde von hohen Beamten kontrolliert.“

 

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