Aktuelles / Mittwoch, 26.04.2017

Aus für die Tennisplätze
im Hof des WOGA-Areals?

Sind denkmalgeschützt, sollen aber überbaut werden: die Tennisplätze im Hof des WOGA-Ensembles hinter der Schaubühne. Foto: Thomas Schubert

Schlechte Nachrichten für die Anwohner des denkmalgeschützen Mendelsohn-Komplexes am Lehniner Platz. Zwei neue Gutachten billigen dem Investor Baurecht zu.

Von Carolin Brühl

Eigentlich hat sich in der Phase zwischen dem alten und dem neuen Bezirksamt Hoffnung bei den Bewohnern des WOGA-Komplexes am Lehniner Platz breit gemacht, dass sie Licht und freie Sicht aus ihren Fenstern in den Hof behalten dürften. Ein Gerücht hatte die Hoffnung genährt, dass Baustadtrat Marc Schulte (SPD) doch noch kurz vor dem Ende seiner Amtszeit eine Versagung der Bebauung geplant habe. Doch zwei neue Gutachten, die sein Nachfolger Oliver Schruoffenger (Grüne) in Auftrag gegeben hat, scheinen eine eindeutige Sprache zu sprechen: Der britische Investor Shore Capital, der Eigentümer der Tennisplätze hinter der Schaubühne ist und dort 70 Luxus-Wohnungen bauen will, hat Baurecht auf dem Grundstück. Öffentlich einsehbar sind die Gutachten nicht, lediglich Bezirksverordnete dürfen Einsicht nehmen.

Die denkmalgeschützten Tennisplätze liegen im Innenhof der Wohnanlage, werden aber schon seit mehr als zehn Jahren nicht mehr genutzt. Screenshot: Google Maps

Schruoffeneger fällt es nicht leicht, zu erklären, warum er sich den Plänen des Investors beugen muss, wenn die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) an diesem Donnerstag, 27. April, keinen anders lautenden Beschluss fasst. Doch ein solcher würde teuer für den Bezirk. „Wir haben zwei Gutachten machen lassen mittlerweile, beide kommen zum Ergebnis: keine Chance. Es gibt erhebliche Schadenersatzforderungen“, sagt der Baustadtrat. „Das hat auch ganz stark damit zu tun, dass dem Bauherrn über zwei Jahre hinweg in Schreiben Zusagen gemacht wurden, auch mit den Unterschriften von Herrn Schulte.“

Viele Prominente wie Erich Kästner und Willy Brandt haben auf dem Platz gespielt. Auch der Schriftsteller Vladimir Nabokov (2.v.l.) war ein gern gesehener Gast. Repro: Thomas Schubert

Viele Prominente wie Erich Kästner und Willy Brandt haben auf dem Platz gespielt. Auch der Schriftsteller Vladimir Nabokov (2.v.l.) war ein gern gesehener Gast. Repro: Thomas Schubert

Noch immer stehen die historischen Tennisplätze, auf denen Generationen von Wilmersdorfern, darunter auch viele Prominente wie die Schriftsteller Erich Kästner und Vladimir Nabokov ohne Vereinsmitgliedschaft spielen konnten, als Teil des Gesamtensembles unter Denkmalschutz. Doch ein „Schlupfloch“ ist das nicht. „Die Frage des Denkmalschutzes ist nachgelagert und ein zweites Verfahren“, sagt Schruoffeneger. Zwar sei es schon richtig, dass die Baugenehmigung erlöschen würde, wenn der Denkmalschutz nicht aufgehoben würde, doch habe es bereits einen Architekten-Wettbewerb für die Neubebauung des Grundstücks gegeben. Schruoffeneger zufolge saß in dessen Jury auch ein Mitglied des Landesdenkmalrats. Dieser habe selbst den Vorschlag gemacht, welcher Entwurf den ersten Preis bekommen solle, so der Stadtrat.

Bezirksamt hat die Baugenehmigung beschlossen

„Wir haben deshalb jetzt im Bezirksamt die Erteiligung der Baugenehmigung beschlossen. Die machen wir zu einer Vorlage zur Kenntnisnahme für die nächste BVV. Dort haben wir auch noch einmal ausdrücklich reingeschrieben, dass die BVV diesen Beschluss natürlich nach Paragraf 13 Bezirksverwaltungsgesetz an sich ziehen und durch einen eigenen Beschluss ersetzen kann“, sagt Schruoffeneger. Doch das wirft dann wieder die Frage auf, ob dem Bauherrn Schadenersatz zusteht oder nicht.

Zum Hintergrund des strittigen Bauvorhabens

Das städtebauliche Ensemble sieht so modern und elegant aus, dass man kaum glauben mag, dass es bereits 1931 fertiggestellt wurde. Erbaut wurde es nach Plänen des Architekten Erich Mendelsohn im Stil der Neuen Sachlichkeit. Auftraggeberin war Felicia Lachmann-Mosse, die Tochter und Erbin des Berliner Großverlegers Rudolf Mosse. Zum Kudamm hin gibt es zwei ausladende Kopfbauten. In einem ist die Schaubühne untergebracht. In der Mitte gibt es eine kleine Ladenstraße. Dahinter schließt sich eine Wohnanlage mit Grünflächen und Tennisplätzen im Blockinnenbereich an.

Zeugnis der Moderne: Die Wohnanlage hinter der Schaubühne gilt eines der wichtigsten Werke des Architekten Erich Mendelsohn. Foto: Thomas Schubert

Zeugnis der Moderne: Die Wohnanlage hinter der Schaubühne gilt eines der wichtigsten Werke des Architekten Erich Mendelsohn. Foto: Thomas Schubert

70 Wohnungen auf den alten Tennisplätzen

Doch just diese Tennisplätze in ruhiger 1a-Lage nahe dem Kurfürstendamm haben bei einem Investor Begehrlichkeiten geweckt. Die britische Shore Capital Group hat die knapp 6000 Quadratmeter große Freifläche hinter der Schaubühne im Frühjahr 2013 für 435.000 Euro gekauft und will darauf unter der Projektbezeichnung „Cicerostraße 55A“ ein mehrstöckiges Gebäude mit 70 Wohnungen in den Hof setzen. Das würde, wie so oft im Westen Berlins, der Baunutzungsplan von 1958/60 erlauben. Doch die gesamte Anlage, samt Grün und Tennisplätzen, steht seit 1982 unter Denkmalschutz. Auch, wenn die Tennisplätze seit 2007 nicht mehr genutzt werden.

Seit 2007 ungenutzt: Blick auf die verwilderten Tennisanlagen am Kurfürstendamm. Foto: Jörg Krauthöfer

Seit 2007 ungenutzt: Blick auf die alten Tennisanlagen am Kurfürstendamm. Foto: Jörg Krauthöfer

Baustadtrat würde Bauvorhaben begrüßen

Baustadrat Marc Schulte (SPD) hatte in seiner Amtszeit immer unumwunden zugegeben, dass er eine Bebauung der Tennisplätze begrüßen würde. Auf die kleine Anfrage (0565/4) der fraktionslosen Verordneten Nadia Rouhani, ob und wann er der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt die Tennisplätze als Baupotenzialflächen benannt hat, antwortete Schulte am 29. Februar: „Das Bezirksamt hat die Fläche der Tennisplätze als festgesetzte Baufläche im März 2015 als Potenzial in den Entwurf des Wohnbauflächenkonzepts aufgenommen.“ Zwar räumte Schulte ein, dass das Areal unter Denkmalschutz steht, doch eine Aufnahme des Betriebs der Tennisplätze schloss er aus: “Ich stelle es mir problematisch für die Anwohner vor, wenn da wieder eine Tennisanlage eröffnet würde und jeden Tag von 6 bis 22 Uhr Tennis gespielt würde”, sagte Schulte gegenüber der Berliner Morgenpost.

Spätestens seit 2014 ist die neue Eigentümerin Shore Capital mit der bezirklichen Bauverwaltung und den Denkmalbehörden zugunsten eines Nachverdichtungsprojekts im Gespräch. Zwei Gutachten zur baurechtlichen Bebaubarkeit und zum Denkmalschutz wurden im Auftrag des Investors erstellt.

Streit um bauhistorische Dokumentation

Doch gerade das Fazit der bauhistorischen Dokumentation des Berliner Architekturbüros Peter Lemburg vom 23. Juni 2013 zweifeln Anwohner und Gegner einer tiefgreifenden Veränderung des Baudenkmals an. Lemberg kommt in seinen Ausführungen zu dem Ergebnis, dass bereits 1932 eine Bebauung des Grundstücks mit einer Reihe sogenannter Kreuzhäuser genehmigt worden sei. Doch umgesetzt wurde dieses Vorhaben nie. Lemburg glaubt, dass die Ursache dafür die Emigration von Erich Mendelsohn und der Eigentümerfamilie Mosse nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten sei. Die Tennisplätze, so der Bauhistoriker, seien somit nur als „interimistische Lösung“ ausgeführt worden.

Brief von Mendelsohn in den Bauunterlagen

Die Anwohnerinitiative waren indes im Archiv des Landesdenkmalamts fündig geworden: „Die Akteneinsicht hat zwar 100 Euro Gebühr gekostet, aber wir haben unter anderem einen Brief von Erich Mendelsohn in der Bauakte gefunden, in der er eindeutig auf die Genehmigung für die Bebauung des Innenhofs verzichtet“, sagte Christiane von Trotha. Mendelsohn schreibt darin mit Datum vom 12. April 1932: „Die seinerzeit projektierten Kreuzhäuser auf diesem Gelände kommen nicht zur Ausführung. Statt dessen sollen an dieser Stelle 4 Tennisplätze gebaut werden. Die dazu benötigte Fläche umfasst 37/78 m, die verbleibende Freifläche erhält Grünflächen und eine Bepflanzung mit Kastanienbäumen.“ Zur Begründung dieser neuen Planung schreibt Mendelsohn weiter: „Da die Anlage von Spiel- und Grünflächen auch dem Wunsche aller Beteiligten sowie der Wohnungsfürsorge-Gesellschaft entspricht, bitte ich um baldige Genehmigung der Anlage.“ Von Emigration oder anderen Gründen war ein knappes Jahr vor der Machtergreifung noch keine Rede.

Der Architekt Erich Mendelsohn um 1950 nach seiner Emigration in die USA in San Francisco. Foto: akg/Horst Maack

Der Architekt Erich Mendelsohn um 1950 nach seiner Emigration in die USA in San Francisco. Foto: akg/Horst Maack

„Höherer Grund“ Wohnungsnot in Berlin

„Wir haben uns lange mit dem Thema Denkmalschutz beschäftigt“, sagte Christiane von Trotha. Es gebe nicht viele Gründe, weshalb so einem Ensemble der Denkmalschutz entzogen werden könne. Das Bezirksamt argumentiere mit „Wohnungsnot in Berlin“ als sogenanntem „höheren Grund“ , so die Sprecherin. „Doch wenn Wohnungsnot Denkmalschutz schlägt, kann man mit dem gleichen Argument den Schlosspark Charlottenburg oder den Lietzenseepark bebauen“, so von Trotha. Sie hält es auch für Spiegelfechterei, bei einem Bauvorhaben an dieser Stelle mit „Wohnungsnot“ zu argumentieren. „Der Durchschnittsberliner wird sich da keine Wohnung leisten können und wahrscheinlich werden die Wohnungen als reine Anlageobjekte sowieso leer stehen bleiben.“

Rückendeckung von zwei Mendelsohn-Kennerinnen

Argumentative Rückendeckung liefern auch Regina Stephan von der Hochschule Mainz und Kathleen James-Chakraborty vom University College  in Dublin. Die beiden renommierten Mendelsohn-Expertinnen, die mehrere Bücher über den Architekten publiziert und die Briefe Erich und Luise Mendelsohn online kommentiert haben, gaben ebenfalls eine Stellungnahme zur Überbauung der Tennisplätze ab: „Der WOGA-Komplex ist ein herausragendes Ensemble des Neuen Bauens der Zwanziger Jahre, das als gesamtanlage der Bauten und Freiflächen denkmalgeschützt ist. Zu dem Ensemble gehöre das ehemalige Universum Kino (heute Schaubühne), das ehemalige sogenannte Rauchtheater, das ursprünglich als Hotel geplante Apartmenthaus, die Wohnbebauung entlang der Cicerostraße sowie die Freiflächen, zu denen auch die im Innern des Komplexes liegenden Tennisplätze zählen. Diese gehen auf den Sportpark „Neue West-Eisbahn“ zurück, der da damals noch freie Grundstück ab 1908 im Sommer als Tennisplätze, im Winter als Eisbahn nutzte. Die Tennisplätze sind somit ein Zeugnis der Lebensreformbewegung in Berlin.“ Der Entwurf dieser so genannten Kreuzhäuser entspreche weder der ursprünglichen Intention des Bauherrn noch des Architekten. Dieser, so die beiden Wissenschaftlerinnen, habe sich weder in seinen Briefen noch in einer seiner Publikationen dazu geäußert. „Mendelsohn hat jedoch stets größten Wert darauf gelegt, seine Projekte zu veröffentlichen“, so die Argumentation.

 

Kommentare

  1. +++Zwar sei es schon richtig, dass die Baugenehmigung erlöschen würde, wenn der Denkmalschutz nicht aufgehoben würde, doch habe es bereits einen Architekten-Wettbewerb für die Neubebauung des Grundstücks gegeben. Schruoffeneger zufolge saß in dessen Jury auch ein Mitglied des Landesdenkmalrats. Dieser habe selbst den Vorschlag gemacht, welcher Entwurf den ersten Preis bekommen solle, so der Stadtrat.+++

    Dann würde ich mich mal fragen, was dieses Mitglied des Landesdenkmalsamts dafür kassiert hat.

        • Meine Zweifel beziehen sich nicht auf den Namen, sondern auf diese Frage: „Dann würde ich mich mal fragen, was dieses Mitglied des Landesdenkmahttp://www.imwestenberlins.de/wp-admin/edit-comments.php#comments-formlsamts dafür kassiert hat.“ 🙂

          • ach so….

            dann habe ich das falsch verstanden. und ja, so ein Verdacht kann natürlich aufkommen, insbesondere in unserem Bezirk gabs ja schon öfter solche Verdächtigungen….

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