Aktuelles / Sonntag, 15.01.2017

Wenn die schiefe Bahn
an den Kochtopf führt

Angelika Schöttler (Mitte) trifft ihre "Patenkinder" in der Kochschule Palladin. Foto: Anja Meyer

Schüler der Kochschule Palladin haben ihre Lebensgeschichten aufgeschrieben und daraus vorgelesen. Geschichten, die Mut machen.

Von Anja Meyer

Cem hat in seinem 21 Jahre alten Leben viel Mist erlebt: Mit acht Jahren kam er von Izmir nach Deutschland, lernte Deutsch, fand neue Freunde, war bei Mitschülern und Mädchen beliebt. Mit elf Jahren erkrankte er an einer Hirnhautentzündung, lag monatelang im Krankenhaus, entkam nur knapp dem Tod. Später wurde er kriminell, zog mit seiner Bande durch die Stadt, klaute, prügelte auf einen Polizisten ein. Mit 15 Jahren landete er für ein paar Monate im Jugendknast, hatte Streit mit einem Mitgefangenen, prügelte ihn krankenhausreif. Als er aus dem Gefängnis kam, beschloss Cem: „Ich will kein Arschloch mehr sein.“ Heute ist er erfolgreicher Auszubildender zum Fachpraktiker in der Küche.

Auszubildende schreiben ihre Geschichten auf

Den Anfang seiner Lebensgeschichte liest Cem noch selbst vor an diesem Nachmittag, an dem die biographischen Geschichten des Visionen-Projektes des Schöneberger Vereins ubs vorgestellt werden. Des Vereins, zu dem die Kochschule Palladin gehört, in der Cem seit mehr als zwei Jahren seine Ausbildung absolviert. Im Visionen-Projekt hat Cem seine Lebensgeschichte aufgeschrieben, in seiner eigenen Sprache. Lebendig, traurig und reflektiert. Die ersten Passagen, die von seiner Kindheit und der tiefen Freundschaft zu seinem besten Freund Jeffrey erzählen, gehen Cem noch leicht über die Lippen. Dann muss Schreibpädagogin Susanne Diehm weitermachen. Zu emotional sind die Worte über seine Krankheit, Kriminalität und den späteren Unfalltod seine besten Freundes. Alle im Raum hören ruhig zu, am Ende applaudieren sie Cem für seinen Mut. Und für die Kraft, sein Leben wieder in die richtige Spur gebracht zu haben und heute ein netter, junger Mann mit Zukunftsplänen zu sein.

Visionen-Projekt ist Teil der Patenschaft

Zur Lesung der Biographien aus dem Visionen-Projekt sind Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD), Ausbilder des Vereins ubs und Mitauszubildende in die Kochschule Palladin gekommen. Das Projekt ist der wichtigste Teil des Patenschaftsprogramms der Bezirksbürgermeisterin für die jungen Auszubildenden. Im Jahr 2014, als Cem und 13 anderen Jugendlichen ihre Ausbildung zum Koch oder Konditor beim Verein ubs begannen, übernahm Schöttler eine Patenschaft für sie. Denn die Jungen und Mädchen, von denen heute noch neun in der Ausbildung geblieben sind, haben alle schwierige Biographien und wenig Chancen auf dem freien Markt. Der gemeinnützige Verein ubs bildet sie in den Berufen Koch, Konditor und Fachpraktiker in der Küche aus.

Cem (21) absolviert seine Ausbildung zum Fachpraktiker in der Küche. Foto: Anja Meyer

Cem (21) absolviert seine Ausbildung zum Fachpraktiker in der Küche. Foto: Anja Meyer

Cem und seine Ausbildungspatin Angelika Schöttler sehen sich heute zum ersten Mal, sagt Cem. Es ist nicht so, dass sich mit der Patenschaft eine persönliche Beziehung zwischen Jugendlichen und der Bezirksbürgermeisterin ergeben hat. Auf das Angebot, bei Schwierigkeiten bei der Jobsuche bei Angelika Schöttler anzurufen, würde Cem aber zurückkommen, wenn es so weit ist. Die persönliche Bindung ist vielmehr zu den beiden Schreibpädagoginnen und Coaches Susanne Diehm und Jutta Michaud entstanden, deren Unterrichtseinheiten im Rahmen des Patenschaftsprogramms für das Visionen-Projekt finanziert werden.

Persönlichkeit weiterentwickeln

Mit dem Visionen-Projekt sollen die Jugendlichen lernen, zu reflektieren, zu kommunizieren und ihre Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Ihr kreatives Potenzial soll gestärkt werden, um mit schwierigen Situationen umgehen zu können und so unbedachte Ausbildungsabbrüche zu verhindern. Wie Jutta Michaud erzählt, war das Schreiben einigen zunächst sehr lästig. Mit der Zeit seien sie aber immer mehr aus sich herausgekommen und haben sich so Gedanken über ihre Vergangenheit und Ziele gemacht. „Wir sind stolz, dass die Jugendlichen heute ihre berührenden Geschichten mit uns teilen“, sagt Jutta Michaud.

Bezirksbürgermeisterin zeigt sich bewegt

Angelika Schöttler zeigte sich nach der Lesung bewegt. „Das sind sehr tiefgehende Geschichten“, sagte sie. „Meinen allergrößten Respekt dafür, was man im Leben alles erleben kann, und es dennoch schafft, erfolgreich in eine Ausbildung zu gehen.“ In der Kochschule Palladin hat jeder sein mehr oder weniger schweres Päckchen zu tragen. Eine Konditor-Auszubildende schreibt über ihre langjährige Magersucht mit Klinikaufenthalten, ein anderer von seinen Erinnerungen ans Flüchtlingswohnheim, einer von seiner Mobbingerfahrung in der Schule ein anderer von seiner schwierigen Kindheit im Heim. Damit die Jugendlichen nach ihrer Lehre im geschützten Rahmen des Vereins ubs in den Arbeitsmarkt integriert werden, hatte Schöttler ihren „Patenkindern“ Hilfe bei der Suche nach einem ersten Arbeitsplatz angeboten. Wie diese Hilfe konkret aussehen kann, überlegten alle Anwesenden nach der Lesung gemeinsam.

AG mit Wirtschaftsförderung geplant

Geplant ist nun die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft zwischen der Wirtschaftsförderung des Bezirks Tempelhof-Schöneberg und dem Verein ubs. Denn es gebe auch im Bezirk immer wieder Unternehmen, die nach Fachkräften suchen, so könnten sie direkt miteinander verbunden werden. „Wir kennen einige Unternehmen mit eigener Kantine im Bezirk“, sagt Schöttler. „Da werden wir aktiv herumfrage, wo noch Köche gesucht werden.“ Die beiden Coaches aus dem Visionen-Projekt, Jutta Michaud und Susanne Diehm, wollen mit den Jugendlichen überlegen, wo sie nach der Ausbildung hinmöchten und so beim Bewerben unterstützen.

Große Pläne für die Zukunft

Für Cem scheint das erst einmal ein annehmbarer Deal. Er hat schon konkrete Ziele dafür, was er langfristig erreichen möchte. „Ich möchte Ausbilder in der Kochschule werden“, sagt er. Denn er möchte andere Jugendliche so motivieren und unterstützen, wie es die Ausbilder hier bei ihm getan haben. Bis dahin wird es noch eine Weile dauern. Nach seiner ersten Ausbildung zum Fachpraktiker will er die Kochlehre absolvieren und dann erst einmal in einer großen Küche arbeiten und Berufserfahrung sammeln.