Aktuelles / Samstag, 09.09.2017

Gerettete Lebensmittel
mit kleinen Macken

Leonard Witte von "Sirplus" wiegt Obst und Gemüse von Kundin Angela Pelzel ab. Foto: Anja Meyer

Nach erfolgreicher Crowdfunding-Kampagne hat in Charlottenburg der erste Supermarkt für weggeworfene Lebensmittel eröffnet: Sirplus zog am ersten Tag hunderte Kunden an.

Von Anja Meyer

Genau 3,23 Euro zahlt Angela Pelzel am Ende für ihren Einkauf. Dafür hat sie sieben Limetten, eine Pampelmuse, fünf Karotten, drei Sellerie und drei Nektarinen im Korb. In einem normalen Supermarkt hätte sie dafür wahrscheinlich gut zwei Euro mehr gezahlt. In einem normalen Supermarkt wäre das Gemüse aus Angela Pelzels Korb aber auch gar nicht erst verkauft, sondern direkt weggeworfen worden. Weil die Limetten eine kleine Stelle haben, die Karotten zu krumm sind und die Pampelmuse zu klein. Der neue Supermarkt Sirplus setzt sich gegen diese Art von Lebensmittelverschwendung ein. Am Freitag öffnete der Laden für aussortierte Lebensmittel mit kleinen Macken zum ersten Mal seine Türen. Es ist in Deutschland der zweite Laden dieser Art – Anfang des Jahres hatte ein ähnliches Geschäft in Köln eröffnet.

So sieht der Lebensretter-Supermarkt von außen aus. Foto: Anja Meyer

Bei den Kunden kommt das Konzept gut an: Der kleine Laden in der Wilmersdorfer Straße ist rappelvoll, die Schlange an der Kasse reißt einfach nicht ab. Um 11 Uhr hat der Eröffnungstag begonnen, kurz nach 13 Uhr leeren sich die Kästen mit Obst und Gemüse immer mehr – Abgepacktes wie Kekse, Müsli, Brot, Bio-Chips und Getränke sind in den selbstgebauten Regalen noch genügend da. Allein in den ersten zwei Stunden sind nach Schätzungen der Sirplus-Gründer mehr als 300 Menschen da gewesen und haben eingekauft. 140.000 Produkte hatte das von Ehrenamtlern und Praktikanten unterstützte Team in ihrem Tempelhofer Lager gesammelt. Allesamt Lebensmittel, die von den kooperierenden Supermärkten aussortiert wurden, weil sie wie das Obst und Gemüse nicht schön genug aussahen oder weil das Mindesthaltbarkeitsdatum bereits abgelaufen ist – die Produkte aber dennoch verzehrt werden können. Bei Sirplus gibt es sie dann zwischen 30 und 70 Prozent günstiger als im regulären Handel.

Begeistert von dem Konzept

Angela Pelzel, die in Westend lebt, hatte in der Zeitung von dem jungen Startup Sirplus und seinem Food-Outlet gelesen und ist extra zur Eröffnung in die Wilmersdorfer Straße gefahren. „Ich finde es immer sehr schade, dass so viele Lebensmittel nur wegen kleiner Mängel weggeworfen werden“, sagt sie. Deshalb war sie von dem SirPlus-Konzept sofort begeistert. „Ich bin auf dem Land groß geworden und weiß daher, dass Früchte nicht immer akkurat aussehen und trotzdem gut schmecken.“ Für sie sei es eine Grundsatzsache, sich so weit es geht gegen das Wegwerfen von Lebensmitteln einzusetzen. „Solange ich der Umwelt helfen kann, ist mir die Schönheit der Sachen nicht wichtig.“

Begründer der Foodsaver-Bewegung

Die drei Gründer von Sirplus – Raphael Fellmer, Alexander Piutti und Martin Schott – sind mit der Resonanz am ersten Tag mehr als zufrieden. „Wir sind total happy“, sagt Raphael Fellmer. „Es ist ein tolles Gefühl, nach Monaten harter Arbeit endlich live zu gehen.“ Der 34 Jahre alte Fellmer lebte mehr als fünf Jahre ohne Geld und bezog sein Essen aus den Mülltonnen von Supermärkten, umgangssprachlich auch als „Container“ bezeichnet. Weil das jedoch nicht ganz legal ist, suchte der Umwelt-Aktivist nach einem Weg, weggeworfene Lebensmittel ganz legal auch anderen Menschen zugänglich zu machen. So redete er mit den Händlern und begründete vor fünf Jahren die Foodsaver-Bewegung, die abgelaufene und weggeworfene Lebensmittel ganz offiziell aus den Hinterhöfen der Geschäfte abholt, untereinander und an Bedürftige verteilt.

Lebensmittelrettung als Mainstream

Mit Sirplus wollten Fellmer und seine beiden Partner sich an ein noch größeres Publikum wenden: Über eine Crowdfunding-Kampagne wollten sie 50.000 Euro Kapital einsammeln, am Ende ist es fast doppelt so viel geworden. „Es ist möglich, Lebensmittelrettung zum Mainstream zu machen“, sagt Raphael Fellmer. „Das Publikum ist da.“ Umso idealer scheint der Standort in der Wilmersdorfer Straße, an dem täglich rund 40.000 Menschen vorbeigehen. „Es sind schon viele Leute von der Straße zu uns hereingekommen“, sagt Fellmer. Der Mietvertrag des 70 Quadratmeter großen Ladens ist befristet und läuft noch bis zum Jahresende. Wo es danach weitergeht, stehe im Moment noch nicht fest. Ende des Monats soll der Lieferservice für aussortierte Lebensmittel starten, außerdem sind weitere Läden geplant.

Die Sirplus-Gründer Raphael Fellmer, Alexander Piutti und Martin Schott (von links). Foto: Anja Meyer

Viel wichtiger als der Ladenverkauf an sich, ist den Gründern, dass das Geschäft zu einer Art Aufklärungszentrale der Lebensmittelretter-Bewegung in Deutschland werden soll. Bundesweit werden etwa 20 Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr weggeschmissen. „Unsere Arbeit ist ein kleiner Anfang, dagegen anzukämpfen“, sagt Mitgründer Martin Schott. Die Händler, von denen die ausrangierten Lebensmittel kommen, sind unter anderem die BioCompany und Metro Berlin. Sie sparen sich die Entsorgungskosten und bekommen von Sirplus einen symbolischen Betrag. 20 Prozent der Lebensmittel spendet das Startup an soziale Initiativen wie die „Berliner Engel für Bedürftige“.

Stichproben zur Qualitätskontrolle

Um sicherzugehen, dass die Produkte noch genießbar sind, macht das Sirplus-Team regelmäßige Stichproben. „Wir riechen, schmecken und sichten die Lebensmittel“, erklärt Schott. „Unseren Kunden legen wir nahe, die Einkäufe bald zu verzehren.“ Produkte mit Verbrauchsdatum wie roher Fisch werden gar nicht erst angeboten. Fleisch und Milchprodukte wollen die Gründer erst ins Sortiment aufnehmen, wenn sie den Ladenbetrieb eine Weile erprobt haben.

Information

Sirplus, Wilmersdorfer Straße 56, Charlottenburg. Montags bis Samstag von 7.30 bis 20 Uhr.

 

Kommentare

  1. Das finde ich voll gut und würde es auch gerne unterstützen! Unsere Brote werden allerdings kaum „alt“ aber wenn uns mal ein “ Missgeschick“ passiert, dann könnten wir gerne auf diesen Laden zurück kommen !
    Das würde ich gerne unterstützen! Wenn am späten Nachmittag noch Brötchen über sind, stecken wir sie gerne zusätzlich in die Tüte !

  2. Diese Produkte werden seit Jahren von den Tafeln u.ä. Organisationen eingesammelt und an Bedürftige verteilt.
    Finde die „Geschäftsidee“ daher nicht gut, da die Gründer auf dem Rücken der ärmsten Profit machen möchten.

  3. Hallo Ihr,
    super Idee, damit werden viele Menschen satt, die nur wenig Geld zur Verfügung haben der Müllberg wird kleiner und man sieht auch das optisch nicht so hübsches Gemüse und Obst auch völlig seinen Dienst tut.

    Weiter so

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