Aktuelles / Freitag, 11.08.2017

Gedenken neben
der Currywurst-Bude

An der Gedächtniskirche erinnern Lichter, Blumen und Plakate an die Opfer des Terroranschlags eines Islamisten. Foto: Reto Klar

Auf dem Breitscheidplatz herrrscht gerade „Summer in the City“. Mittendrin wird wie auf einer Insel der Toten des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt gedacht.

Von Carolin Brühl

„Was mich wirklich nervt, sind Leute, die an meinen Stand kommen und fragen, wo genau denn der Anschlag passiert ist“, sagt eine Markthändlerin. „Die stellen sich dann doch wirklich genau an die Stelle und machen ein Selfie vor diesem Hintergrund. Da bleibt mir jedes Mal der Mund offen stehen“, empört sie sich. Sie war mit ihrer Bude am 19. Dezember 2016 nicht auf dem Weihnachtsmarkt, „aber ich kenne Kollegen, die dabei waren, die haben heute noch dran zu knapsen.“ Reden wollen die meisten ihrer Kollegen nicht mehr über das Attentat, das während des Weihnachtsmarkts über sie hereingebrochen ist: Wir haben schon alles gesagt, was zu sagen ist. Das Leben müsse weitergehen, sagen sie. Und: Wir müssen doch alle unser Geld verdienen.

Die Wunden sind noch nicht verheilt

„Summer in the City“ heißt das aktuelle Treiben, das die AG City rund um die Gedächtniskirche veranstaltet. Scheinbar unberührt von der Tragödie treffen sich Berliner und Touristen auf dem Breitscheidplatz zum Feiern, Essen und Trinken. Doch in der Mitte des Platzes, umgeben von Buden und Karussells, zeugen am Sockel des alten Turms der Gedächtniskirche immer neue Grablichter, Blumen und Fotos davon, dass die Wunden noch nicht verheilt sind. Das Leben geht weiter, die Erschütterung, die aber auch Menschen berührt hat, die kein Familienmitglied verloren haben, bedarf weiter der Möglichkeit eines Innehaltens.

Leises Flüstern zwischen Buden und Karussells

Ein Mann murrt, dass in einer Holzhütte nur wenige Meter vom Gedenkort entfernt Currywürste feilgeboten werden. Zwei Damen legen eine Kunststoffblume neben welke weiße Rosen. Vielleicht haben sie diese gerade an einer der Buden gewonnen. Ein junges Paar steht vor dem Kerzenmeer. Aneinandergeschmiegt betrachten sie die Fotos und Nachrichten. Ihr Flüstern scheint angesichts des Trubels wenige Meter weiter eigentlich nicht erforderlich.


„Jeder geht anders mit seiner Trauer um“, sagt Martin Germer, der Pfarrer der Gedächtniskirche. Ob er eine Imbissbude in wenigen Metern Abstand zum Gedenkort für pietätlos hält? „Nein“, sagt Germer. „Wir sprechen uns in solchen Fragen immer eng mit der AG City, dem Bezirksamt und auch mit den Hinterbliebenen ab. Und ich denke, wir haben da gemeinsam den richtigen Mittelweg gefunden.“

Enger Abstimmungsprozess mit allen Beteiligten

Opfer-Anwalt Roland Weber ist ebenfalls zufrieden mit dem Abstimmungsprozess: „Mir ist keine Kritik zu Ohren gekommen“, sagt er. Der Gedenkort sei ja auch noch immer ein Provisorium, das zudem noch wegen der Bauarbeiten am Sockel der Kirche von der ursprünglichen Stelle ein paar Meter weiter habe umziehen müssen, versichert auch Carsten Engelmann (CDU), der stellvertretende Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf. Er werde aber immer noch jeden Tag von vielen Menschen aufgesucht. „Ich denke, dass die Linie, die hier von allen Beteiligten gefahren wird, richtig ist“, sagt Kurt Beck (SPD). Der ehemalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz ist der Beauftragte der Bundesregierung für die Opfer des Breitscheidplatzes. „Wir arbeiten ja jetzt an der Errichtung einer würdigen Gedenkstätte, sind uns aber auch darin einig, dass das Leben und das Gedenken nebeneinander ihren Platz haben können auf dem Breitscheidplatz.“

Mahnmal soll zum ersten Jahrestag des Anschlags

Gestalt annehmen soll das Mahnmal zum ersten Jahrestag des Anschlags auf der Nordseite der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Die Senatskanzlei hat die Auslobung für einen Wettbewerb an sieben Künstler und Architekten geschickt, die nun Entwürfe erarbeiten. Sie alle haben Sprecherin Kathi Seefeld zufolge schon „im Gedenkkontext“ gearbeitet. Es habe bereits einige vorbereitende Treffen gegeben, bei denen man sich auf das Vorgehen verständigt habe, sagt die Senatssprecherin. „Zur Erinnerung an die Opfer des Terroranschlags auf dem Weihnachtsmarkt am 19. Dezember 2016. Für ein friedliches Miteinander aller Menschen“, soll der Text lauten. Auch die Namen der Todesopfer sollen auf Wunsch der Hinterblieben auf dem Denkmal zu lesen sein. Diese Namen und die Herkunftsländer (Deutschland, Israel, Italien, Polen, Tschechische Republik, Ukraine) werden indes gesondert aufgeführt. „Die Erinnerung soll damit allen Opfern gelten, auch den Verletzten und Traumatisierten“, so Seefeld.

Entwürfe müssen sich in die Umgebung einfügen

Bei der weiteren Gestaltung sind die Designer weitgehend frei. Berücksichtigen müssen sie, dass das Mahnmal auf einer Fläche von rund 5,50 Metern Breite und knapp vier Metern Tiefe Platz finden muss, und dass das Gedächtniskirchen-Ensemble denkmalgeschützt ist. Die Entwürfe müssen sich also in die Umgebung einfügen, ohne vom Erscheinungsbild der Gedächtniskirche zu sehr abzulenken. Eine elfköpfige Jury will der Sprecherin der Senatskanzlei zufolge schließlich Mitte September entscheiden, welcher Entwurf umgesetzt wird. Sie werde sich aus Fachpreisrichtern, Architekten etwa, und Sachpreisrichtern zusammensetzen. Zum ergänzenden Kreis weiterer „Sachverständiger“ werden auch zwei Angehörige von Opfern gehören.