Aktuelles / Donnerstag, 10.08.2017

Ganz neue Töne im Theater am Kurfürstendamm

Tanz zwischen Hochhäusern: „Megalopolis“ heißt die rasante Tanzcollage von Constanza Macras, die im Theater am Kudamm gezeigt wird. Fotos: Reto Klar (2)

Vom Senat gefördert, doch ohne Spielort: Constanza Macras findet mit „Megalopolis“ Unterschlupf im Theater am Kurfürstendamm.

Von Gabriela Walde

Technoklänge wummern hart auf der Bühne am Kudamm, plötzlich hört man eine Geige. Graue Hochhaustürme wachsen aus dem Bühnenfonds. Da knutscht wild ein Paar, da robbt eine Langhaar-Frau zuckend über den Boden, neben ihr wühlt jemand in einem Berg von leeren Bananenkisten. Fische schnappen nach Luft. Mittendrin singt eine Frau sentimental ein südamerikanisches Liebeslied. „Apocalypse now“ blendet der Videoclip nun ein. Willkommen in „Megalopolis“, einer wild-leidenschaftlichen Choreografie von Constanza Macras auf die Großstädte dieser Welt. New York, Buenos Aires. Johannesburg. Berlin. An Gesellschaftskritik mangelt es da nicht.

Ungewohnte Szenerie am Kudamm

Eine reichlich ungewohnte Szenerie für das Theater am Kurfürstendamm, das mit plüschigem Retro-Charme und attraktivem Boulevardprogramm mit prominenten Schau­spielern aus Film und Fernsehen das Stammpublikum samt Touristen lockt. Hier muss sich die gebürtige Argentinierin mit ihrer Kompanie Dorkypark neu erfinden, doch ihre Fans halten ihr sowieso die Treue. Bereits zum zweiten Mal bietet das Theater, das selbst lange um seine Existenz kämpfte, Macras für zwei Spieltage Unterschlupf, als Notlösung. Ausgerechnet in Berlin, wo sie seit 21 Jahren lebt („meine Heimat“) und mit ihrer Kompanie Dorkypark Stücke produziert, hat sie keine Bühne, um ihr rasant-urbanes Tanztheater mit Livemusik und Video zu zeigen.

Auf der Suche nach einem festen Haus

Sie steckt in einer paradoxen Situation, sie erhält zwar Konzeptförderung, muss also Vorstellungen vorweisen, zieht aber dennoch wie eine Nomadin durch die Stadt, auf der Suche nach einem festen Haus, in dem sie ihre zum Teil raumgreifenden Stücke zeigen kann. Die letzten zehn Jahre war sie mit der Schaubühne am Lehniner Platz, dem Gorki Theater und dem Hebbel am Ufer (HAU) verbandelt. Die Schaubühne war ideal, dort konzentriert man sich nun wieder stärker auf das Sprechtheater, der Spielplan ist mit eigenen Inszenierungen voll bestückt. Und im HAU hat die Chefin andere Pläne. Da kommt sie nicht mehr so recht zum Zug. Ins neue Konzept der Volksbühne würde sie mit ihren urbanen Stücken ganz gut passen, zumal Neuintendant Chris Dercon offensiv zum Tanz einlädt, allerdings hat er den Franzosen Boris Charmatz für sich entdeckt.

Zieht wie eine Nomadin durch die Stadt: Constanza Macras

Berlin sei, erzählt sie uns in einer Mischung aus Deutsch und Englisch, aktuell wie „ein Gastspielort und kein Produktionsort“. Mittlerweile ist es so, dass sie ihr Geld durch Tourneen im Ausland bekommt. Ihr Plan für 2017 ist international ausgerichtet: Johannesburg, Krakau, Paris. Sie war mit Dorkypark bereits in Zagreb, Moskau, Budapest, Seoul, Ramallah und Santiago, gilt dort neben Sasha Waltz als Berliner Tanzbotschafterin. Ihre Veranstaltungen sind meist ausverkauft, wie in Berlin auch. Im vergangenen Monat gastierte sie mit „The Pose“ acht Tage lang in der Akademie der Künste, jetzt im August sind es zwei Tage am Kudamm. Im Oktober plant sie eine Kooperation in Südafrika, Malta steht zudem in ihrem Terminkalender, Valletta feiert sich im nächsten Jahr als Europäische Kulturhauptstadt 2018. Dort möchte sie einen großen öffentlichen Platz mit ihren Dorkypark-Tänzern bespielen.

280.000 Euro Jährlich vom Senat

280.000 Euro erhalten sie und ihre Truppe jährlich vom Berliner Senat, doch das reiche nicht hinten und nicht vorne. „Das geht in die Administration und in die Technik, für die Kunst bleibt da nicht viel“, erzählt sie. Zwölf bis 14 freiberufliche Tänzer zählen zur Kompanie, die wollen bezahlt werden. Großproduktion, so weiß man in der Szene, sind mit rund 150.000 Euro kalkuliert. Mindestens 450.000 Euro, so rechnet sie uns vor, brauchte die Kompanie, um auszukommen.

Kein grünes Licht von der Senatskulturverwaltung

Mit der Senatskulturverwaltung hat sie längst gesprochen, grünes Licht aber gab es nicht. Man reformiere gerade das Fördersystem, heißt es. Also wieder warten. So wie viele andere Künstler und freie Gruppen in Berlin stückelt auch Macras ihr Budget mühevoll zusammen, da eine Summe vom Hauptstadtkulturfonds, dort ein Zuschuss von der Bundeskulturstiftung und natürlich die Einnahmen von den Gastspielen. „Ich bin preiswert für Berlin“, findet Macras, „ich bringe mein Geld selbst mit.“ Mit kleineren Stücken kann sie in ihr Studio in Mitte ausweichen. Mehr als 100 Besucher passen dort aber nicht hinein. „VERLIN“, so taufte sie die Räumlichkeiten. Ein ungewöhnlicher Name, für sie nicht: Hier mischt sich Berlin mit dem V wie Victory – für sie Frieden. Constanza Macras springt auf, die Proben zu „Megalopolis“ rufen. „The Show“, ruft sie uns zu, „must go on.“