Aktuelles / Montag, 11.12.2017

Fritz Ascher: Das Werk eines
gebrochenen Künstlers

Kunsthistorikerin Rachel Stern und Museumsleiterin Sabine Witt vor einem Werk von Fritz Ascher - ein expressionistisches Porträt von Beethoven. Foto: Anja Meyer

Der Expressionist Fritz Ascher überlebte den Krieg im Versteck – seine Kunst blieb vergessen. Jetzt zeigt das Museum Charlottenburg eine Retrospektive.

Von Anja Meyer

Selbst unter Kunsthistorikern ist er unbekannt, dabei hat der radikale Expressionist Fritz Ascher im Laufe seines bewegten Lebens beeindruckende und äußerst ausdrucksstarke Werke geschaffen. Doch Ascher gehört zur sogenannten verlorenen Generation. Also zu den Künstlern, denen Adolf Hitler nach seiner Machtübernahme im Jahr 1933 ein Berufsverbot erteilte, sie verfolgte und ihre Werke als „entartete Kunst“ diffamierte. Nach dem Krieg – sofern sie ihn überlebten – blieben die meisten Künstler mit diesem Schicksal vergessen und hatten alles verloren. So war es auch bei dem jüdischen Künstler Fritz Ascher, der einst in Potsdam und Berlin lebte. Zu seinem 125. Geburtstag widmet sich die Villa Oppenheim in Charlottenburg nun in Kooperation mit dem Potsdam-Museum in einer Sonderausstellung diesem besonderen Künstler.

Von Max Liebermann gefördert

Fritz Ascher wurde 1893 in Berlin geboren und wuchs in bürgerlichen Verhältnissen auf. In den 1920er-Jahren galt der junge Maler als großes Talent und wurde besonders von Max Liebermann gefördert. Er hatte gute Kontakte zu denen, die heute weltberühmt sind, darunter Edvard Munch und Emil Nolde und Vertretern der Münchner Expressionistengruppe „Der Blaue Reiter“. Seine Vorkriegswerke beinhalten vor allem Figurenkompositionen, Studien menschlicher Emotionen wie Verzweiflung und Vereinsamung. Auch mythologische und religiöse Themen verarbeitet er auf der Leinwand mit satten Farben oder in Zeichnungen. Ascher gehörte zur Avantgarde, ihm schien eine große Karriere bevorzustehen.

Ein Leben im Versteck

Doch die fand ein jähes Ende: Ab 1934 musste er sich in Pensionen und bei Privatleuten in Berlin und Potsdam verstecken. 1938 erwischte ihn die Gestapo und deportierte ihn ins Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg. Sein Freund Gerhard Graßmann, ein Rechtsanwalt, konnte ihn von dort befreien, doch schon ein Jahr später landete er im Potsdamer Polizeigefängnis, aus dem er später auch gegen Auflagen entlassen wurde. 1942 drohte im erneut die Deportation. Doch Martha Graßmann, die Mutter seines Freundes, versteckte ihn in ihrer Grunewalder Villa. Drei Jahre lang tauchte er bei ihr unter und überlebte das Kriegsende in seinem Versteck in einem Kohlenlager. Danach war er nicht mehr der Künstler, der er einmal war.

Ein Porträt von Fritsch Ascher – gemalt von Ed Bischoff um 1912. Foto: Anja Meyer

Rachel Stern erzählt die Geschichte von Fritz Ascher. Der Kunsthistorikerin ist es zu verdanken, dass seine Werke jetzt in Potsdam und Berlin zu sehen sind. Während ihrer Forschungen stieß sie schon vor Jahrzehnten auf seine Werke, von denen sie sofort fasziniert war. Damals konnte sie noch nichts über ihn herausfinden, rekonstruierte später in Kleinstarbeit sein Leben und suchte seine Bilder, die alle in Privatbesitz sind. 2014 gründete sie in New York die „Fritz Ascher Gesellschaft für Verfolgte, Verfemte und Verbotene Kunst“. Dann nahm sie Kontakt zur Charlottenburger Museumsleiterin Sabine Witt auf. Sie war sofort davon überzeugt, Aschers Werke – Leihgaben von privaten Sammlern – auszustellen. Dass die Sonderausstellung nun an zwei Orten gleichzeitig läuft, hat auch ganz praktische Gründe. „Die gesamte Retrospektive hätten wir vom Platz her nicht unterbringen können“, sagt Sabine Witt. „Eine Ascher-Ausstellung in Berlin und Potsdam ergibt außerdem Sinn, da er an beiden Orten lebte und malte.“ In der Villa Oppenheim sind mehr als 30 der insgesamt 80 Werke zu sehen.

Aschers Schicksal ist exemplarisch

Die Sonderausstellung zeigt, was die nationalsozialistische Diktatur mit Fritz Ascher angerichtet hat. Dazu ist es wichtig, das Gesamtwerk des Künstlers zu sehen – denn die Werke, die der Maler vor dem Krieg schuf – sind anders als die späteren. In der Villa Oppenheim sind vor allem die Nachkriegsarbeiten des 1970 verstorbenen Malers zu sehen, sie greifen exemplarisch auch ein paar frühe Werke auf. In Potsdam ist es genau andersherum.  Kunsthistorikerin Rachel Stern bedeutet das viel, denn Aschers Schicksal steht auch exemplarisch für die anderen Künstler der verlorenen Generation. „Wenn vergessene Künstler nicht wieder ausgegraben werden, ist es so, als hätten sie nie gelebt – das war genau das, was Hitler wollte“, sagt sie. Insofern habe diese Ausstellung für sie eine große Bedeutung. „Wenn man diese Werke nun alle sieht, ist das auch ein Sieg des Guten über das Böse.“

Fritz Ascher ist durch die Verfolgung durch die Nationalsozialisten ein anderer Künstler geworden. Foto: Anja Meyer

Außerdem gehe es natürlich auch um Aschers Schaffen selbst. Seine Kunst zeichnet eine rigorose Pinselführung aus, die einen kraftvollen Ausdruck auf der Leinwand schafft. Während er bei Martha Graßmann im Grunewald versteckt den Krieg überlebte, hatte er kein Material mehr zum Malen. Deshalb begann er, melancholische bis depressive Gedichte zu schreiben. Ein paar dieser Gedichte sind in großen Lettern zwischen den Gemälden zu sehen. Auch der Titel der Ausstellung „Leben ist Glühn“ ist ein Zitat aus einem Gedicht. Nach dem Krieg, als Ascher vor dem Nichts stand, war es ihm das größte Anliegen, wieder an Material zum Malen zu kommen. Er lebte weiter mit Martha Graßmann zusammen und überarbeitete in den ersten Jahren nach 1945 vor allem frühere Werke, die er noch retten konnte mit gepunkteten Oberflächen. „Durch diese Abstraktion erhalten die Werke eine zweite Ebene“, sagt Museumsleiterin Sabine Witt. Diese Entfremdung stehe symbolischh auch für die Entfremdung von seiner eigenen, früheren Person. „Er tritt zurück von dem was vor 1933 war und schafft sich eine zweite Ebene.“ Später dann entstanden dann auch neue Bilder, darunter Landschaften des Grunewalds.

Information

Die Ausstellung „Leben ist Glühn“ des deutschen Expressionisten Fritz Ascher ist noch bis zum 11. März 2018 in der Villa Oppenheim an der Schloßstraße 55 in Charlottenburg zu sehen.