Aktuelles / Sonntag, 16.07.2017

Fotoausstellung spielt mit dem Verschwimmen von Grenzen

Künstler Oliver Blohm und die beiden Kuratorinnen Beatrice Miersch und Lena Fließbach (v.l.). Foto: Katja Wallrafen

Arbeiten von Oliver Blohm zeigt eine Fotoausstellung im Bikini-Haus. POLARO_ID spielt mit der Lust an der Unvernunft, dem Wahnwitz, der Paranoia der Gesellschaft.

Von Katja Wallrafen

Von wegen Elfenbeinturm – das ein Studium der Kulturwissenschaft ganz handfeste Ergebnisse bringt, zeigt die aktuelle Fotoausstellung mit Arbeiten von Oliver Blohm im Artspace im Bikini-Haus in der City West. 35 Studierende an der Universität Potsdam haben sich im vergangenen Halbjahr nicht nur in der Theorie intensiv mit dem Werk des 1987 in Schwerin geborene Künstlers Oliver Blohm auseinandergesetzt. Unter Anleitung ihrer Dozentin Beatrice Miersch und der freien Kuratorin Lena Fließbach kümmerten sie sich um jeden Schritt – von der ersten Idee bis zur konkreten Ausgestaltung der Ausstellung. „Zwei Kuratoren bringen bereits viel Diskussionspotenzial mit“, schmunzelt Lena Fließbach. „Da kann man sich vorstellen, wie lebhaft wir uns in einem Team von 37 plus dem Künstler die Köpfe heiß geredet haben“, ergänzt Beatrice Miersch.

Konzeption und Management von Studierenden

„Aber der Kraftakt hat sich absolut gelohnt, das Ergebnis kann sich sehen lassen“, strahlt  Fidélité Niwenshuti-Mugwaneza. Die 24-jährige Studentin ist begeistert von der Gemeinschaftsleistung und dem Ausflug aus dem Unikosmos in die Realität. „Beim Aufbau kam ein Werk in einem zerbrochenen Rahmen an, da musste ganz schnell Ersatz gefunden werden“, erzählt sie. Mit dem Lösen von Problemen wachse der Teamspirit. Die Studierenden haben sich in unterschiedliche Gruppen aufgeteilt. Verschiedene Teams sind für die jeweiligen Aspekte verantwortlich – einige kümmerten sich um die Hängung der Werke, andere haben die Ansprache und den Kontakt zu weiteren Beteiligten übernommen. So wurde Artspace, der Raum für Kunst im Bikini-Haus, für die Fotoausstellung gewonnen. Auch mussten Sponsoren überzeugt werden. Neben Konzeption, Management und Sponsor-Akquise lag auch die Öffentlichkeitsarbeit (fast) allein in den Händen der Studierenden.

Fidélité Niwenshuti-Mugwaneza (24) ist eine der Studentinnen, die bei der Kuration der Fotoausstellung dabei war. Sie schwärmt von der Gemeinschaftsleistung.  Foto: Katja Wallrafen

Arbeit mit der Großkamera

Nicht nur Studentin Fidélité Niwenshuti-Mugwaneza schwärmt vom Miteinander, auch dem Fotokünstler hat es gefallen, wie sich die Kulturwissenschaftler mit seinen Arbeiten auseinandersetzen und in welcher Form sie seine Werke präsentieren. Oliver Blohm ist eher zufällig beim Fotografieren gelandet, erzählt er. Zufällig habe es „klick“ gemacht, als man ihm beim Abiturfest seiner Schule eine nagelneue Fotokamera in die Hand gedrückt habe, um das Fest zu dokumentieren. Nach seinem Studium (Kommuniksationsdesign) experimentierte mit verschiedenen Foto-Medien-Projekten. Der junge Künstler, Kind der digitalen Generation, hat eine Passion für Polaroidfilme (analoge Sofortbilder). Unter anderem arbeitet er mit einer 30 Kilo schweren Großformatkamera – diese Kamera verlangt Präzision und gibt ihm Raum für Inszenierungen. Diese Konzentration auf den richtigen Moment, den ein Foto einfangen kann, macht ihn glücklich. Ein ruhender Pol in unserer  hektischen Welt, die sich aktuell durch eine starke Vorliebe für digitale Schnappschüsse auszeichnet. So wie Blohms fotografische Arbeiten technisch gesehen von analog zu digital und wieder zurück wandern, changieren auch die Motive zwischen den Extremen: Schönheit ist nah bei Zerstörung, Schnelllebigkeit steht neben Entschleunigung, karge Landschaften neben dem urban verdichteten Raum.

Aus Polaroids sind große Abzüge geworden, die wiederum von den Studierenden mit bunten Vorhängen aus Plastik versehen wurden. Foto: Katja Wallrafen

Künstler kocht und kaut die Bilder

Extrem ist auch Blohms Behandlung seiner Bilder. Er hat sie gekocht, gekaut und gebacken, wollte sehen, wie sich das Material verändert. Eines Nachts kam er auf die Idee, sie in der Mikrowolle zu erhitzen – mit einem Ergebnis, das ihm zusagte. Vorhandenes Material zerstört  er, um Neues zu schaffen. Seine Arbeiten treten an, um zu irritieren. Diesen Ansatz haben die Nachwuchs-Kuratoren aufgegriffen. „Blohms Polaroids zeigen die Paranoia unserer Gesellschaft“, meint Fidélité Niwenshuti-Mugwaneza. Nun flutscht ein Bild von der Wand auf den Fußboden, andere bekommen Vorhänge aus buntem Plexiglas. Blohms Spiel mit Rollenstereotypen und androgynen Persönlichkeiten, die Verschmelzung von Mode mit Körpern und der sowohl fröhliche wie melancholische Blick auf Gesichter haben die Studierenden hingebungsvoll in Szene gesetzt. Bis zum 29. Juli kann man sich die Arbeiten anschauen.