Aktuelles / Montag, 01.06.2015

Existenzangst am Savignyplatz

Schockiert: Die Bahn will Ladeninhaberin Esther Thomas (li., mit Assistentin Iris Bramigk) an den Sanierungskosten beteiligen. Foto: Sergej Glanze

Die Händler im S-Bahnbogen, der vom Savignyplatz zur Bleibtreustraße führt, haben Mieten-Ärger mit der Bahn – und fürchten um ein Stück Kiez-Flair.

Von Patrick Goldstein

Eine kleine Gruppe Ladenbesitzer hat sich am Ausgang des S-Bahnhofs Savignyplatz verabredet. Einer von ihnen reicht den Kollegen Cappuccino. Die Geschäftsbetreiber wollen erzählen, warum sie bald ihre Läden verlieren. Immer wieder aber unterbrechen sie ihre Schilderungen, weil ein Bekannter, ein Stammkunde, ein Nachbar vorbeiläuft, der grüßt oder ein paar Worte wechseln will. Wenn die Händler aus dem S-Bahnbogen fortziehen müssen, so sind sie sicher, werde auch ein Stück Kiez-Flair des Savignyplatzes verschwinden. Und keiner weiß, was folgt.

Sie wollen ihre Namen nicht in der Zeitung lesen. „Wir wären erledigt“, sagt einer der Ladenbesitzer. Nur Esther Thomas hat keine Angst mehr vor den Vermietern. Sie hat die Hoffnung auf eine Einigung aufgegeben und sich ein neues Geschäft gesucht.

Am 30. August endet der Mietvertrag ihrer Boutique am Else-Ury-Bogen, in der die 48-jährige Designerin die Damenmode ihres Labels „Esther Thomas“ verkauft. Ihre Assistentin ist Iris Bramigk, 50. Sie entwirft für ihr Label „The Bob“ Kinderkleidung.

Kein angemessener Ersatz

Vermieter der acht Bögen, die vom Platz zur Bleibtreustraße führen, ist die DB Station & Service AG, eine Tochter der Deutschen Bahn. Üblicherweise, so Thomas, werde alle fünf Jahre neu verhandelt. „Im Februar bekam ich eine E-mail: Man wolle mich wegen des Ladens besuchen. Bald erschienen Mitarbeiter von Station & Service – und hatten zu meiner Überraschung schon den Mann dabei, der meinen Laden übernehmen wollte.“ Der Nachfolger nahm gleich mit dem Zollstock Maß und fotografierte. „Das Ganze war etwas peinlich“, sagt Thomas. „Denn dieser Mann wusste nicht, dass ich nicht wusste, dass ich raus muss aus meinem Laden.“

Thomas sagt, sie habe noch das Angebot bekommen, in einen Bogen am anderen Ende der Passage zu ziehen. Die Lage biete aber keinen angemessenen Ersatz für ihren Laden, den sie seit acht Jahren führt. Als die Schweizerin vor 25 Jahren aus der Nähe von Bern nach Berlin zog, hatte sie sich bei der damaligen Chefin der Boutique vorgestellt und dort ihre erste Anstellung in der vereinten Stadt gefunden.

Völlig unerfüllbar für sie – und die anderen Geschäftsleute der kleinen Passage – sei nun eine neue Bedingung von Station & Service für eine Vermietung: „Bei Vertragsabschluss wird jetzt eine Summe von rund 24.000 Euro eingezogen“, so Thomas. „Mit dem Geld soll von Savignyplatz bis Bleibtreustraße die Fassade des Bahnhofs saniert werden.“

Die Händler waren schockiert. In ihren Geschäften bieten sie Schuhe, Bücher, Mode und Gastronomie. „Wir müssen für unseren Umsatz schon jetzt ganz schön ackern“, sagt einer von ihnen. „Mit so einer Forderung wirft man uns nun auch noch Knüppel zwischen die Beine.“

Dabei sei sie kompromissbereit gewesen, sagt Esther Thomas. „Wenn ich diese Summe mit der Miete über zehn Jahre abzahlen müsste: kein Problem. Auch auf eine Mieterhöhung war ich eingestellt. Aber um nun für die Bahn die Sanierung ihrer Fassade mitzufinanzieren, müsste ich einen Kredit aufnehmen, ohne zu wissen, wie es dem Laden in den kommenden Jahren gehen wird“, sagt Thomas, die verheiratet und Mutter zweier Kinder ist.

Ihr Nachbar holte bei einem Bauunternehmen ein alternatives Angebot für die Fassadenarbeiten ein. „Dabei hätten wir nur je 12.000 Euro bezahlen müssen“, sagt er. Doch Station & Service habe darauf bestanden, für das Baudenkmal selbst eine Sanierung zu beauftragen. Auf Anfrage teilte die Deutsche Bahn gestern mit, sie könne die Mietsituation am Else-Ury-Bogen kurzfristig nicht kommentieren.

Nach 65 Jahren die Kündigung

Am S-Bahnhof Wannsee drängt Station & Service ebenfalls auf Wandel. Vielen Mietern in der Bahnimmobilie wurde gekündigt. Rolf Faustmann etwa muss seinen Eisladen aufgeben, der seit 65 Jahren in Familienbesitz ist. Ihm zufolge zieht in seine und weitere Räume eine große Imbisskette. Was die Bahn am Savignyplatz plant, ist Esther Thomas dagegen unbekannt. Sie fürchtet um den Charakter des Viertels. „Diese Gegend steht für ein Lebensgefühl. Das ist hier noch richtiges West-Berlin. In den Geschäften bieten kleine Händler Handwerk und Dinge von bleibendem Wert an. Darum findet man uns auch in den internationalen Reiseführern.“

Ein Nachbar sagt: „Die Bahn kann nicht einerseits Touristen mit der Einzigartigkeit Berlins anlocken, und andererseits diese Einzigartigkeit zerstören.“ Die Bewahrung von Kiezen mag allerdings für Station & Service nicht im Mittelpunkt stehen. Ihre leitenden Maximen finden sich auf der Firmenwebseite: „Nachhaltig, kundenfreundlich und umsatzstark – so präsentieren sich unsere Bahnhöfe heute.“

 

Kommentare

  1. Es tut gut, wenn man liest, dass es doch noch Reporter gibt, die sich auch mit der Bahn anlegen. Sie ist ein Staat im Staate.
    Ich denke in solchen Situationen immer daran, dass Mehdorn zum damaligen Bundeskanzle Schroeder gesagt haben soll, wer unter mir Minister wird, ist mir egal.
    Vielleicht mal ein Hinweis für den Autor.
    Uns wurde hier an der Strecke zwischen Grünau und KW gesagt, es wird auch zukünftig keine Züge geben, die über 120 km/h fahren werden.Damit ist klar, dass das keine wesentliche Änderung hier bei der Sanierung der Bestandsstrecke an der Görlitzer Bahn ist und wir bekommen keinen Lärmschutz. Dabei ist allen bekannnt, dass um den BER ein neuer Lärmknoten ensteht und die Güterzüge weiterhin gerade verstärkt in der Nacht kommen, wenn der Flughafen Ruhe geben soll.Damit muss die neu zu bauende Unter- oder Überführung am Bahnübergang Eichwalde auch nicht von der Bahn allein finanziert werden, sondern das Land muss sich maßgeblich beteiligen. Alle wissen aber offensichtlich, dass die Signaltechnik bereits auf 160 km/h ausgelegt wurde und spielen das Spiel mit, weil man ja als Land auf die Bahn wirtschaftlich angewiesen ist. Auch hier trickst die Bahn. Mal die Machenschaften der Bahn zu sondieren, würde sich sicher lohnen, aber wer will das schon bei den Rechtsanwälten riskieren.

    Karin Meinel

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