Aktuelles / Montag, 19.06.2017

Erste Absolventin des Frankel-College zur Rabbinerin ordiniert

Nitzan Stein Kokin wurde als erste Absolventin des Zacharias-Frankel-College zur Rabbinerin ordiniert. Foto: Philipp Siebert

Seit 2013 bildet das Zacharias-Frankel-College konservative Rabbiner aus. Mit Nitzan Stein Kokin ist jetzt die erste Absolventin im Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße ins Amt eingeführt worden.

Von Philipp Siebert

Eigentlich dauert die Rabbiner-Ausbildung fünf Jahre – Nitzan Stein Kokin hat es in vier Jahren geschafft. Als erste Absolventin des 2013 gegründeten Zacharias-Frankel-College wurde sie am vergangenen Sonntag im Jüdischen Gemeindehaus in der Charlottenburger Fasanenstraße feierlich ordiniert. „Ich bin stolz und glücklich heute hier zu stehen, denn jetzt ist der Moment gekommen, alles was ich gelernt habe in die Tat umzusetzen“, sagte die 42-Jährige, nachdem sie ihr erstes Gebet als Rabbinerin gesprochen hatte. Kurz zuvor wurde sie vor mehr als 200 geladenen Gästen feierlich in ihr neues Amt eingeführt – darunter ihre Familie, Rabbiner aus den USA, Kanada, Argentinien und Israel, Vertreter anderer jüdischer Organisationen, der Leitung der Universität Potsdam, an dessen School of Jewish Theology das Zacharias-Frankel-College angesiedelt ist, aber auch Vertreter der christlichen Kirchen, der muslimischen Verbände und der Politik.

Als sich das Zacharias-Frankel-College 2013 gründete, begann Stein Kokin als erste Studentin. Dem ging jedoch eine über 20-jährige akademische und religiöse Auseinandersetzung mit dem Judentum voraus. Geboren und aufgewachsen in Ittersbach bei Karlsruhe entschied sich Stein Kokin nach der Schule für ein Judaistik-Studium an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Dort lernte sie ihren Mann Daniel kennen, mit dem sie im Jahr 2002 in dessen US-amerikanische Heimat ging, um am Hebrew College in Boston „Jewish Education“ zu studieren. Sie unterrichtete Jüdische Religion und Hebräisch an Schulen in den USA und Deutschland. Durch unterschiedliche Tätigkeiten in Synagogen sei aber ihr Interesse an der rabbinischen Arbeit geweckt worden. „Es ist ein großes Privileg und ein großes Glück das Rabbinat jetzt in meiner deutschen Heimat zu beginnen.“

Das 1959 eröffnete Jüdische Gemeindehaus an der Fasanenstraße. Hier stand früher eine Synagoge, die während der Novemberpogrome 1938 in Brand gesteckt und später abgerissen wurde. Foto: Philipp Siebert

Denn das irgendwann wieder Rabbiner in Deutschland ordiniert werden würden, sei kurz nach der Shoa kaum vorstellbar gewesen, gab der Geschäftsführer des Zentralrats der Juden, Daniel Botmann, zu bedenken. Umso mehr möge es heute manchem wie ein Wunder erscheinen. „Die erste Ordination einer Bildungseinrichtung berührt uns dabei immer auf ganz besondere Weise, weil sie ein Anfang ist.“

Ein wichtiger Schritt für die Masorti-Bewegung in Deutschland

Ein Anfang ist es nicht nur für Nitzan Stein Kokin, sondern auch für die Masorti-Bewegung in Deutschland – der Strömung im Judentum, nach deren Leitlinien das Zacharias-Frankel-College als erstes Rabbinerseminar in Europa nach dem Holocaust ausbildet. Als traditionelles oder konservatives Judentum schließt Masorti dabei die Lücke zwischen dem orthodoxen Judentum auf der einen und dem liberal-reformistischen auf der anderen Seite, in dessen Tradition auch das Abraham-Geiger-Kolleg bereits seit 1999 ausbildet. Auch das Abraham-Geiger-Kolleg befindet sich seit 2013 an der Universität Potsdam.

Die Masorti-Strömung ist heute neben Israel vor allem in den USA vertreten. Sie geht jedoch auf den ersten Direktor des Jüdisch-theologischen Rabbinerseminars in Breslau zurück: Zacharias Frankel (1801 – 1875). Frankel war überzeugt, dass die Halacha – die jüdischen Religionsgesetze – stets normativ und bindend sind. Dennoch gilt es, sie in einen ständigen Dialog mit der Gegenwart zu bringen und gegebenenfalls auf dieser Grundlage anzupassen. Dementsprechend sieht sich Nitzan Stein Kokin als traditionelle, aber moderne Frau, als die sie nun in die Fußstapfen ihres Vorbilds Regina Jonas treten will.

Frauen im Rabbineramt immer noch eine Minderheit

Jonas wurde 1935 in Deutschland als weltweit erste Frau zur Rabbinerin ordiniert und wirkte in diesem Amt bis zu ihrer Ermordung in Auschwitz 1944. „Sie fühlte sich mit einer Selbstverständlichkeit berufen, dieses Amt als Frau auszufüllen, aufgrund ihrer Liebe zu Gott und zum jüdischen Volk“, sagte Stein Kokin voller Bewunderung, die Regina Jonas auch zum Thema ihrer Abschlussarbeit gemacht hatte. „Fähigkeiten und Begabungen hat Gott uns in die Brust gesenkt und nicht nach dem Geschlecht gefragt“, zitierte sie ihr Vorbild in ihrer Dankesrede.

Ausschnitt der Gedenktafel für Regina Jonas in der Krausnickstraße in Mitte. Foto: Manfred Brueckels

Allerdings sind Frauen im Rabbineramt auch 80 Jahre nach Regina Jonas noch immer in der Minderheit. Zum einen haben sie es in der Ausbildung oft schwerer und stehen unter viel größerem Druck, gibt der Geschäftsführer des Zacharias-Frankel-College und Initiator der School of Jewish Theology an der Universität Potsdam, Rabbi Walter Homolka, zu Bedenken. Außerdem gebe es in vielen Gemeinden immer noch Vorbehalte, die es abzubauen gelte. „Aber das dauert eben seine Zeit.“ Deshalb sei es wichtig, dass Frauen in diesem Amt sichtbarer werden.

Für Nitzan Stein Kokin geht es jetzt erst einmal zurück nach Los Angeles, wo sie seit einiger Zeit wieder mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern lebt. Dort will sie erste Erfahrungen in ihrem neuen Amt sammeln – wie sie hofft als würdige Nachfolgerin ihres Vorbilds, Regina Jonas.

 

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