Aktuelles / Montag, 08.05.2017

Ein Volkspark für
das Westkreuz

Ein Park für das Berlin der 2020er Jahre: Über diese rostige Brücke könnte man vom Bahnhof Westkreuz geradewegs ins neue Biotop gelangen. Foto: Thomas Schubert

In zehn Jahren könnte der Westkreuz-Park als neues Naherholungsziel eröffnen. Ein Workshop zur Gestaltung startet schon am Dienstag – und die Bürger planen mit.

Von Thomas Schubert

Im Gleisbett wächst Löwenzahn. Die rostigen Schienen – seit Jahrzehnten ungenutzt – führen nirgendwo mehr hin. Kleingärtner bewirtschaften einige Parzellen – mehr gibt es hier nicht. Der Westkreuzpark im Rohzustand. Der städtebauliche Ausgangspunkt, aus dem Bezirksamt und Senat einen Naherholungsort entwickeln wollen, wo ihn bis vor wenigen Monaten niemand für möglich gehalten hätte. In den Gleisbrachen nördlich und südlich der Stadtbahntrasse, im stadtinneren Bereich des Bahnhofs Westkreuz, zwischen Dernburg- und Heilbronner Straße.

Wenn der Flächennutzungsplan in diesen Wochen geändert wird, dürfte die Verwendung des Areals als öffentliche Grünfläche besiegelt sein. Derzeit befasst sich damit der Stadtentwicklungsausschuss des Berliner Senats. Und dort dürften die Fraktionen kaum anders abstimmen als in der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf (BVV).

Der Westkreuzpark im Rohzustand: Rostige Gleise, schief gewachsene Bäume und Kleingartenlauben bilden eine wilde Mischung, die es jetzt zu kultivieren gilt. Foto: Thomas Schubert

In der Bezirksverordnetenversammlung drängten vor allem die Grünen auf einen Ausbau des „verwunschenen Winkels“, wie Sprecherin Jenny Wieland die Brache nennt. „Rund um den Lietzensee sind so viele Bauprojekte im Gange, dass Ausgleich nötig ist“, sagte sie. Den Begriff Westkreuzpark benutzen die Grünen erstmals im vergangenen Sommer. Damals gab der damalige Baustadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, Marc Schulte (SPD), bekannt, dass die Deutsche Bahn einen neuen Haupteingang zum Bahnhof Westkreuz mit Zugang aus Halensee und aus dem Kiez am Lietzensee plant. Dies werde man politisch zum Anlass nehmen, die umliegende Brach- und Kleingartenlandschaft als Grünfläche zu entwickeln.

Baumriesen bilden schon jetzt ein Dach über einem Areal, das nach Entwicklung ruft. Foto: Schubert

„Wir meinen es ernst und wollen die Umwandlung mit einem Bebauungsplan absichern“, warb Schultes Nachfolger, Grünen-Stadtrat Oliver Schruoffeneger, bald darauf in der BVV um Zustimmung für eine Naherholungsnutzung. Und bekam dafür die Stimmen von Grünen, SPD, Linken und CDU. Deren Sprecher Christoph Brzezinski äußerte zuvor aber Kritik am bisherigen Verfahren. So seien weder die Kleingärtner beteiligt worden, noch habe es eine ausführliche Debatte in den Ausschüssen gegeben. „Wir hätten uns ein weniger ideologisches Vorgehen gewünscht“, stichelte Brzezinski gegen das grüne Projekt.

Die S-Bahn mittendrin: Direkt neben der Stadtbahntrasse erstreckt sich ein abgeschiedenes Reich – und nur Kleingärtner wissen um das Idyll in der City. Foto: Thomas Schubert

Tatsächlich steht der Bezirk seit einem erfolgreichen Bürgerentscheid im letzten Jahr unter Druck. 18.000 Bürger forderten mit ihren Unterschriften einen vollständigen Erhalt aller noch vorhandenen Grünflächen. Kaum ein Monat vergeht ohne Bürgerproteste gegen Immobilienprojekte, die Biotope gefährden würden. In diesem Klima einen neuen Park anzukündigen, schien dem Bezirk wie ein Befreiungsschlag.
Doch trotz des BVV-Beschlusses und einer breiten politischen Mehrheit bleiben Fragen offen. So bestätigte Baustadtrat Schruoffeneger nun erneut, dass die Deutsche Bahn als Eigentümerin wichtiger Grundstücksflächen für den Park immer noch versucht, ihre Anteile an Investoren zu verkaufen. Und die wollen das, was der Bezirk hier nicht will: Wohnungsbau.

Wie man 900 Wohneinheiten zwischen Gleislandschaft und Kleingärten einfügen kann, hatte der Immobilienentwickler Christian Gérôme schon im vergangenen Jahr mit einem Entwurf demonstriert. Er sieht Hochhäuser mit bis zu 20 Stockwerken vor, beinhaltet 220 Sozialwohnungen – und lässt ebenfalls Platz für einen Park. Ob man ernsthaft Wohnungen bauen kann, hängt vor allem davon ab, wie der Lärmschutz in Richtung Stadtautobahn gewährleistet wird. Als einzige Fraktion im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf hielt die FDP bis zuletzt an dieser Lösung fest. „Wie kann man erklären, den Status quo zu wahren in einer Zeit, wenn Menschen, die zu uns in die Stadt kommen, dringend Wohnraum brauchen“, protestierte der Liberale Felix Recke in der Bezirksverordnetenversammlung.

Einladung zum Workshop am Dienstag

Doch die Zeit der Widerrede gegen den Westkreuzpark scheint abgelaufen. Schon am Dienstag, 9. Mai, lädt das Bezirksamt Anwohner und Initiativen zur Auftaktveranstaltung für ein Workshopverfahren ein. Sie findet von 19 bis 21.30 Uhr im Haus der Lietzenseegemeinde, Herbartstraße 4, statt, liefert erste Anregungen durch das Büro Fugmann Janotta Partner und soll Bürgern Mitsprache garantieren. Ideen zur Gestaltung des Areals sind ausdrücklich erwünscht – damit der Westkreuzpark ein Volkspark wird.

 

Kommentare

  1. Der Bezirk verspielt hier erneut die Chance, eine zur Verfügung stehende Fläche dem Wohnungsbau zuzuführen und eine Freifläche zu gewinnen. Bisher ist die in Rede stehende Fläche eher als Brach- denn als Grünfläche zu bezeichnen. Eine gesicherte Erschließung fehlt, die angesiedelten Kleingärtner können ihre Parzellen nur über Umwege erreichen. Entwicklungsstudien für das Gebiet würden den Kleingärtnern Flächen garantieren, eine Erschließung sichern und rd. 900 Wohnungen schaffen. Ob sich aus den Gleisbrachen nördlich und südlich der Stadtbahntrasse ein Naherholungsgebiet bei der finanziellen Situation des Bezirks entwickeln lässt, wagen wir anzuzweifeln. Allein der Erwerb der Fläche vom jetzigen Eigentürmer kann aus dem Bezirkshaushalt nicht gestemmt werden. Und wie sähe es mit der Grünpflege aus? Der Bezirk schafft es jetzt ja nicht einmal, die vorhandenen Grünanlagen zu pflegen und instand zu halten. Bestes Beispiel hierfür ist der Olivaer Platz. Da der Bezirk für die Pflege kein Geld hat, soll der Platz mit Bundesmitteln zu einer pflegearmen Liegewiese umgestaltet werden. Die nötige Grundpflege sollen die Anwohner in Eigenleistung erbringen. Ist dies das Konzept, welches dem Bezirk auch für das Westkreuz vorschwebt?

  2. Berlin und die City West werden derzeit stark verdichtet. Gerade darum ist der Ausgleich in Stadtnatur und Erholung von großer Bedeutung. Die Erschließung und Qualifizierung des Westkreuzareals für die Naherholung ist darum ein sehr sinnvolles Vorhaben für Charlottenburg. Auch ist der Erhalt der Kaltluftschneise für das Klima in der City West elementar wichtig. Weil das Westkreuzgebiet durch Fernbahn, S-Bahn und Autobahn stark verlärmt und für Autoverkehr auch nicht erschließbar ist, eignet es sich nicht für Wohnungsbau. Darum ist es sehr zu begrüßen, wenn Bezirk und Senat hier Nägel mit Köpfen machen und die Brachen zwischen den Gleisen zu einem naturnahen Stadtpark entwickeln. Die Kleingärten mit ihren blühenden Kirschbäumen im Frühjahr und der Apfelernte im Herbst leisten dabei ihren besonderen Beitrag für die Erholung mitten in der Stadt.

Comments are closed.