Aktuelles / Sonntag, 19.11.2017

Ein quietsch-rosa Laptop
für die Krimiheldin

Harald Bischoff (l.) legt Hand an, damit der Laptop für die Krimiserie "Ein starkes Team" rosa leuchtet. Warum er rosa sein soll, weiß auch Frank Moldenhauer (r.) nicht. Foto: Katja Wallrafen

In einem Hinterhof in Charlottenburg bastelt Frank Moldenhauer seit mehr als 20 Jahren Requisiten für Serienkommissare, Traumschiffkapitäne und Kinoheldinnen. 

Von Katja Wallrafen

Ob er sich noch an alle Filme und Serien erinnert, für die er tätig war? Frank Moldenhauer lächelt und antwortet, „nein, das waren einfach zu viele“. Beim Erzählen muss er selbst einen Blick auf seine Homepage (www.movie-sign.de) werfen. Man muss weit nach unten scrollen, um alle Referenzen zu sehen. Vom britischen Spionagethriller „A Most Wanted Man“ über „Die Eiskönigin“ und diverse „Polizeirufe“ bis zur deutschen Liebeskomödie „Zweiohrküken“ sind viele Genres abgedeckt. „Und das ist nicht einmal der aktuelle Stand“, sagt Frank Moldenhauer. Der 53-Jährige hat an der Charlottenburger Danckelmannstraße 54c eine Werkstatt für Beschriftungen, Schilder und Lichtreklame. Dort stattet Moldenhauer gemeinsam mit seinem Kollegen Harald Bischoff n Fernsehserien und Kinofilme mit Requisiten aller Art aus.

Straßenschilder in französischer Sprache und der Hinweis aufs Bundeskanzleramt in Bonn in der Werkstatt der Reklame-Experten. Foto: Katja Wallrafen

Werkstatt im idyllischen Hinterhof

Beim Besuch in seiner im idyllischen Grün im zweiten Hinterhof gelegen Werkstatt ist gerade eine Akut-Aufgabe hereingekommen: Für die ZDF-Krimiserie „Ein starkes Team“ wird ein rosafarbener Laptop gewünscht. Warum, für welchen Seriencharakter – das weiß Moldenhauer in diesem Fall nicht. Er muss nur schnell liefern und dafür sorgen, dass der Laptop quietsch-rosa ist und das keinesfalls erkennbar ist, um welchen Hersteller es sich handelt. Denn da in den öffentlich-rechtlichen Sendern nach 20 Uhr auf Werbung verzichtet wird, lassen TV-Produktionen viele Alltagsgegenstände nachbauen. Tageszeitungen, Waschmittel, Medikamente, Keksdosen, Nummernschilder, Ortsschilder, Straßenbahn- oder LKW-Beschriftungen – es gibt fast nichts, was die Firma „Movie Sign“ noch nicht gebaut hat.

Frank Moldenhauer arbeitet an der Danckelmannstraße 54c. Seinen ersten Job nach der Ausbildung als Geselle trat er auf dem Nachbargrundstück Danckelmannstraße 55 an. Foto: Katja Wallrafen

Die Requisite erklärt die Handlung

Seit mehr als zwanzig Jahren ist der gelernte „Schilder- und Lichtreklame-Hersteller“ (heute heißt die Ausbildung Werbetechniker) gefragt als Film- und Serienausstatter. Für die TV-Serie „Adlon“ hat Frank Moldenhauer Pässe und Parteibücher (samt Marken) erstellt. Für die Serie wanderten Parteibücher dann ins Feuer – so wurde deutlich, dass sich die Hotelerben eifrig von ihrer politischen Vergangenheit distanzieren wollten. „Diese Parteibücher haben wir in 15-facher Ausführung hergestellt, damit der Regisseur verschiedene Einstellungen drehen konnte“, erzählt Frank Moldenhauer. In diesem Fall hatte die Requisite „Spiel“. Das heißt, die Requisite erläutert die Handlung. Für den aktuellen Kinofilm „Die Unsichtbaren“ kamen die Kennkarten aus dem Hause „Movie Sign“. In dem Film geht es um junge Juden, denen es während des Zweiten Weltkriegs gelingt, ihre jüdische Herkunft zu vertuschen und in der Anonymität Berlins fast unsichtbar zu werden.

Nicht etwa geklaut, sondern authentisch nachgebaut – ein Telefon und ein Briefkasten in der Werkstatt der Reklame-Experten. Foto: Katja Wallrafen

Mit höchster Präzision fürs Fake

Ob ein Parteibuch, Medikamente oder eine Tageszeitung – Moldenhauer und Bischoff arbeiten mit höchster Präzision am Fake. Ihre Herausforderung ist es, oft in Bruchteilen von Sekunden bestimmte Botschaften transportieren zu müssen. „Man soll ja mit einem Blick in der Filmeinstellung erfassen können, was gemeint ist. Wir müssen einerseits zuspitzen, dürfen aber anderseits nicht ins Alberne abrutschen“, beschreibt Frank Moldenhauer. Neben dem Blick fürs Detail muss dennoch das große Ganze im Kopf behalten werden. Wichtigste Voraussetzungen für diesen Job sind Moldenhauer zufolge „Phantasie und Beobachtungsvermögen“.

Ein eigenen Blick auf die Welt

Seine Arbeit führt dazu, dass er mit einem ganz eigenen Blick auf seine Umgebung schaut. „Wenn ich etwa durch einen Supermarkt laufe, gucke ich mir die Produkte sehr genau an“, beschreibt er. „Will ich Kekse kaufen, schaue ich mir in den Regalen alle Keksdosen akribisch an.“ Und auch beim Fernsehkonsum ist er berufsbedingt befangen. Sieht er einen Kommissar, der eine Zeitung auf den Tisch legt, achtet Moldenhauer sehr genau auf das Layout: „Es passiert, dass der Kommissar von einer Boulevardzeitung spricht, der gestalterische Charakter dieser Zeitung dann aber nicht stimmig ist.“ Auch wenn aufgrund von Kostendruck die Qualität im Laufe der Jahre nicht besser geworden ist, schaut der Filmausstatter trotzdem Fernsehen und auch ins Kino geht er gerne: „Ich möchte doch sehen, wie unsere Sachen wirken.“

Fake-News nach Moldenhauer Art: So sieht das Layout für eine Boulevardzeitung aus: Schöne große Bilder, riesige Lettern mit aufregende Schlagzeile. Foto: Katja Wallrafen

Kaum Ruhm für die Requisite

In der Regel haben Regisseure und Requisiteure konkrete Vorstellungen, wenn sie Dinge fürs Setting bestellen. Dann gibt es klare Briefings, also konkrete Beschreibungen, wie die Innen- und Außen-Requisiten aussehen sollen. Dennoch bleibt oft genug Spielraum für eigene Ideen und die Phantasie. Das ist es, was der Reklame-Experte an seinem Job mag. „Man muss sich immer neu in etwas reindenken, es gibt immer wieder neue Aufgaben“, beschreibt Moldenhauer. Am liebsten arbeitet er bei Produktionen mit, „die nicht übers Knie gebrochen werden“. So wie 2009 bei der Mediensatire „Short Cut to Hollywood“. Trotz  schmalem Budget sei es ein Riesenspaß gewesen, seine Ideen einzubringen. Bekommt er eigentlich öffentliche Anerkennung für das, was er tut?  „Früher wurden wir manchmal im Abspann genannt, aber das ist lange her“, sagt Frank Moldenhauer. „Wir sind bescheiden. Wir freuen uns daran, einen guten Job zu machen.“