Aktuelles / Samstag, 20.05.2017

Wie viele Religionen gibt es in Charlottenburg-Wilmersdorf?

Die Ausstellung „Zeige mir, was Du glaubst“ in der Villa Oppenheim hat sich der Vielfalt der Religionen in Charlottenburg-Wilmersdorf verschrieben. Begleitpropramm zu Lutherjahr und evangelischem Kirchentag.

Von Carolin Brühl

Ein stabiler Holztisch mit zwei Holzbänken steht im Ausstellungsraum. Das Ensemble steht da nicht, weil sich sonst in der Villa Oppenheim kein anderer Platz dafür gefunden hätte. „Der Tisch ist Teil des Konzepts“, sagt Museumsleiterin Dr. Sabine Witt. Besucher der Ausstellung „Religiöse Vielfalt in Charlottenburg und Wilmersdorf“ sollen sich in aller Ruhe mit den Angeboten beschäftigen können. Veranstaltet wird die Ausstellung anlässlich der vor 500 Jahren von Martin Luther 1517 angestoßenen Reformation. Sie soll zugleich ein Beitrag zum regionalen Kulturprogramm des 36. Evangelischen Kirchentags sein, der vom 24. bis 28. Mai in Berlin und Wittenberg stattfindet.

73 Gemeinden und Religionsgemeinschaften

Schon die Karte an der Wand ist ein genaueres Studium wert. Sie zeigt, je nach Religionsgemeinschaft unterschiedlich farbig, 73 verschiedene Gebäude, in denen Menschen im Bezirk ihre Religion ausüben. Zu jedem der Sakralbauten gibt es ein Porträt, das aus einer Art Karteikasten genommen und bequem am Tisch gelesen werden kann. Nicht alle dieser Gotteshäuser existieren noch. Etwa ein Dutzend, wie der jüdische „Friedenstempel“ in Halensee, der in der Reichspogromnacht am 9./10. November zerstört wurde.

73 Punkte mit verschiedenen Religionsgemeinschaften verteilen sich auf den Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Foto: Carolin Brühl

Ausgehend von den drei mittelalterlichen Dorfkirchen in Schmargendorf, Wilmersdorf und Alt-Lietzow, der Keimzelle des heutigen Charlottenburg, entwickelte sich über die Jahrhunderte hinweg ein vielfältiges religöses Leben. „Die schiere Zahl der Gemeinschaften hat uns selbst verblüfft, als wir begonnen habe, an der Ausstellung zu arbeiten“, sagt Witt. Einen Anspruch auf Vollzähligkeit erhebt sie nicht. „Ich möchte nicht ausschließen, dass wir eine Glaubensgemeinschaft vergessen haben“, räumt die Museumschefin ein. Neben den unterschiedlichsten christlichen Gemeinschaften von Katholiken über Protestanten bis hin zu Orthodoxen gibt es in Charlottenburg-Wilmersdorf auch verschiedene Moscheen, Synagogen, buddhistische Zentren oder auch einen Shaolin-Tempel. In kaum einem Berliner Stadtteil findet sind den Heimatforschern zufolge eine so große Vielfalt. Viele der Religionsgemeinschaften, Freikirchen und Nationalkirchen, islamische Gemeinden  und buddhistischen Zentren sind im Stadtbild sichtbar, andere wieder eher im Verborgenen.

Exponate aus der religiösen Praxis

„Wir haben alle, die wir ausfindig machen konnten, auch angeschrieben und sie gebeten, sich an der Ausstellung zu beteiligen“, sagt Witt. Viele hätten nicht geantwortet oder gar Exponate zur Verfügung gestellt, anhand derer sich etwas über ihre Geschichte, die Religionsausübung oder die damit verbundenen Riten erklären lässt, bedauert sie. Andere wieder haben die Exponate, die aus dem Fundus des Heimatmuseums selbst stammen, mit Leihgaben ergänzt.

 

So hat die katholische Kirchengemeinde Sankt Ludwig unter anderem eine Holzskulptur ihres Namensgebers zur Verfügung gestellt, die König Ludwig IX. von Frankreich mit seiner Frau Margarete zeigt. Auf seinem Schild sind drei Lilien zu sehen, die später ein Wilmersdorfer Adliger, der den französischen König auf einem Kreuzzug begleitet hatte, in sein Wappen übernahm. Die Lilie ist heute noch Bestandteil des gemeinsamen Wappens des Doppelbezirks Charlottenburg-Wilmersdorf.

Hygienische Fortentwicklung des Abendmahlskelchs: Das Abendmahlstablett mit Einzelkelchlein aus der Friedenskirche. Foto: Carolin Brühl

Die evangelische Friedenskirche hat ein Abendmahlstablett in die Ausstellung eingebracht, das jedem Teilnehmer beim Abendmahl sein eigenes kleines Glas bietet.  Zu sehen sind Taufbecken, aber auch Taufkleider für Erwachsene, die aus einer Baptistengemeinde stammen, in der nicht die Kinder getauft werden, sondern erst Jugendliche ab 16 Jahren, wenn sie sich frei für die Gemeinschaft entscheiden können.

Einige Objekte wie diese buddhistische Klangschlale laden zum Mitmachen ein. Foto: Carolin Brühl

Die 1911 geweihte Synagoge an der Pestalozzistraße hat einen bestickten Torahmantel aus blauem Samt gestiftet, in dem die Torahschriftrollen nach Gebrauch in einem Schrein verwahrt werden. In einer weiteren Vitrine ist neben einem prächtigen Koran auch ein kleiner Teppich zu sehen, wie ihn Muslime zu Verrichtung ihrer Gebete verwenden.

 

Neben den Exponaten in den Vitrinen widmet sich die Ausstellung auch den Sakralbauten, die das Gesicht des Bezirks als Landmarken entscheidend mitprägen. In Wilmersdorf etwa reihen sich entlang dem Hohenzollerndamm viele unterschiedliche Gotteshäuser: wie die Schmargendorfer Kreuzkirche mit ihrem markanten blauen Eingang oder die Moschee der Ahmadiyya-Bewegung, die schon 1928 zur Verbreitung des Islams eingeweiht worden ist. Direkt daneben entstand nur ein Jahrzehnt später die russisch-orthodoxe Kathedrale mit ihren charakteristischen Zwiebeltürmen. Oder schließlich auch die Kirche am Hohenzollernplatz, die im Volksmund wegen ihrer funktionalen Architektursprache auch „Kraftwerk Gottes“ genannt wird.

Ein Blick ins Innere der Kirche am Hohenzollernplatz. Foto: Friedhelm Hoffmann

Information

Die Ausstellung ist von heute an bis zum 5. November 2017 im Museum der Villa Oppenheim an der Schloßstraße 55/Otto-Grüneberg-Weg zu sehen.

Öffnungszeiten sind Dienstag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr, Samstag, Sonntag und Feiertage 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Neben einem halbstündigen Film, der Menschen der unterschiedlichen Glaubensrichtungen und Religionen zu Wort kommen lässt, gibt es auch Führungen, musikalische Begleitveranstaltungen und museumspädagogische Angbote für Kinder und Jugendlich ab zehn Jahren. Einen Preis gibt es bei einem Quiz zu gewinnen: Wer kann erraten, wie viele Mosaiksteinchen, die für Mosaiken in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche verwendet werden, in einem Kasten liegen?

Ratespiel mit Mosaiksteinchen. Foto: Carolin Brühl