Aktuelles / Dienstag, 05.09.2017

Ein Gebet in Stein
an der Wilhelmsaue

Der Blick von der Empore in den Kirchenraum der Ersten Kirche Christi, Wissenschafter an der Wilhelmsaue. Foto: Katja Wallrafen

Das Haus der Ersten Kirche Christi, Wissenschafter wurde von Otto Bartning erbaut. Zum Tag des Offenen Denkmals ist die Straßenkirche zu besichtigen.

Von Katja Wallrafen

Es trägt rosa, hat eine imposante Fassade und wirkt trotz der Mächtigkeit des Gebäudes geradezu bescheiden, wie sie sich in die Häuserreihen an der Wilhelmsaue in Wilmersdorf einfügt. Nüchterne Sachlichkeit in der Tradition des damaligen neuen Bauens in den 30er-Jahren prägt das Kirchengebäude der Ersten Kirche Christi, Wissenschafter. Die Kirche kommt ohne Symbole des christlichen Glaubens aus – kein Kirchturm, kein Kreuz über dem Altar, keine Kerzen. Stattdessen ein weiter Raum, der durch seine schlichte Erhabenheit beeindruckt. Zum Tag der Offenen Denkmals öffnen sich die Pforten des Gemeindezentrums, das neben der Kirche auch Vereinsräume beherbergt, am 10. September für die Allgemeinheit.

Besucher sind immer willkommen

„Unsere Kirche steht immer offen, nicht nur zu diesem besonderen Anlass“, sagt Hans Jürgen Rothe, eines der Gemeindemitglieder. „Jeder kann in die Gottesdienste kommen, unseren Leseraum nutzen. Wir bieten auch öffentliche Vorträge oder Konzerte – wir freuen uns über Interesse an unserer Kirche.“ Die Christliche Wissenschaft (www.christian-science-berlin.de) ist eine der wenigen christlichen Gemeinschaften, die von einer Frau gegründet wurden. Die Amerikanerin Mary Baker Eddy war besonders an den Zusammenhängen von Gesundheit und Heilung interessiert. 1875 veröffentlichte sie ihr Lehrbuch „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“, das bis heute die Mitglieder der Kirchen Christi Wissenschaft in zirka 80 Ländern inspiriert. In Berlin gibt es neben der Ersten Kirche in Wilmersdorf drei weitere:  in Lichterfelde West, in Charlottenburg an der Schillerstraße und in Prenzlauer Berg. „Unser Kirche ist eine Laienkirche, wir sind basisdemokratisch organisiert und wir missionieren nicht“, bringt es Rothe auf den Punkt. Die sonntägliche Predigt halten zwei Leser, in der Regel Mitglied der Gemeinde. „Pastor“ der Christlich Wissenschaftlichen Kirche sind zwei Bücher: die Bibel sowie das einst von Mary Baker Eddy verfasste Lehrbuch.

Im Garten der Ersten Kirche Christi, Wissenschafter kann man besser erkennen, das es sich um eine Kirche handelt. Foto: Katja Wallrafen

Kirche wurde 1936/37 von Otto Bartning gebaut

Das Haus der Ersten Kirche Christi, Wissenschafter an der Wilhelmsaue wurde 1936/37 von Otto Bartning erbaut. Bartning gilt als wichtigster deutscher Kirchenbaumeister des 20. Jahrhunderts, er baute hauptsächlich protestantische Kirchen. Kollegen sahen in ihm einen Philosophen, einen Poeten, einen Moralisten. Ob Glas, Stahl, Beton oder Holz – Bartning zufolge schlummerte eine Geistigkeit in jedem Material. Dieser Geistigkeit wollte er wahrsten Sinne des Wortes Raum geben. „Otto Barning, der sich ja für theologische Fragen interessierte, nahm sich damals ein Jahr lang Zeit, sich mit den Inhalten und den Glaubenszugängen der Kirche Christi Wisennschafter zu beschäftigen, bevor er 1936 mit dem Bau begonnen hat“, erzählt Frank Schulz von der Kirchengemeinde. Ergebnis war ein „Gebet in Stein“. Für Bartning waren Kirchen der ideale Raum von Gemeinschaft. „Und das Miteinander, den Glauben im Alltag zu leben, spielt ja auch in unserer Kirche eine zentrale Rolle“, so Hans Jürgen Rothe. In Karlsruhe erbaute Bartning übrigens eine Zwillingskirche in der gleichen Bauform – in der protestantischen Version mit Kreuz.

Bewege Geschichte des Gebäudes

Der Tag des offenen Denkmals erinnert an die bewegte Geschichte des Gebäudes. Anfangs unbehelligt von der Macht der Nationalsozioalisten, wurde die Erste Kirche Christi Wissenschaftler 1941 verboten. Die Waffen-SS nutzte das Gebäude gegen den Widerstand der Kirche, 1943 flimmerten auch an zwei Tagen Kinofilme im Kirchenraum. Im Zweiten Weltkrieg wurde ddas Gebäude zerstört. 1956 bis 1958 baute Otto Bartning die Kirche in vereinfachter Form wieder auf. So wie er es auch bei einem seiner anderen Meisterwerk wieder tun musste – die Gustav-Adolf-Kirche, ursprünglich 1934 im nördlichen Charlottenburg errichtet, war ebenfalls im Krieg beschädigt worden.

Die mächtige Fassade der Kirche im sachlich-nüchternen Stil der 1930er-Jahre. Foto: Katja Wallrafen

Weitere Gotteshäuser in Wilmersdorf

Beim Tag des offenen Denkmals in Berlin präsentieren sich viele Gotteshäuser der Öffentlichkeit. Ebenfalls an der Wilhelmsaue ist die Evangelische Auenkirche (http://www.auenkirche.de) zu besichtigen. Dort bestimmen gotische und neugotische Elemente wie Spitzbögen und Strebepfeiler das Bild. Es gibt einen 63 Meter hohen Kirchturm samt Wetterhahn. Die Auenkirche wurde 1895-97 nach Entwürfen von Max Spitta als dreischiffige Backstein-Hallenkirche im Stil des Berliner Historismus errichtet. Unter dem Grundstück der Kirche finden sich noch Fundamente einer mittelalterlichen Dorfkirche, die 1766 durch Feuer zerstört wurde. Samstag und Sonntag, 9. und 10. September, kann man auch die Ahmadiyya Lahore Moschee (www.berlin.ahmadiyya.org) an der Brienner Straße besuchen. Die Moschee wurde dem persisch-indischen Stil des Taj Mahal nachempfunden und entstand 1924-28 nach Plänen des Berliner Architekten K.A. Herrmann. Sie ist die älteste bestehende Moschee Deutschlands, der Versammlungsraum fasst 400 Gläubige.

Information

Die Erste Kirche Christi, Wissenschafter steht an der Wilhelmsaue 112. Am Sonntag, 10. September beginnt um 10 Uhr der Gottesdienst, von 12-16 Uhr werden Führungen angeboten. Kontakt zur Gemeinde unter Telefon  861 91 33 (Leseraum) oder per Mail: erste-kirche@versanet.de

 

 

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