Aktuelles / Dienstag, 18.04.2017

Potse und Drugstore droht
jetzt endgültig das Aus

Der neue Eigentümer des Hauses an der Potsdamer Straße hat den Jugendzentren Potse und Drugstore die Mietverträge gekündigt. Foto: Anja Meyer

Die alternativen Jugendzentren Potse und Drugstore im Schöneberger Norden sind ein Freiraum für junge Menschen. Zum Jahresende läuft ihr Mietvertrag aus.

Von Anja Meyer

Selbst wenn Steph, Lars, Paul, Jana, Yannek, Patrick, Luzie und die anderen aus den beiden Kollektiven von Potse und Drugstore gar nicht ständig darüber reden wollen, es mache ja nur schlechte Laune, irgendwann kommt das leidige Thema mit dem Mietvertrag sowieso wieder hoch. An diesem Dienstagabend spricht Lars es unbewusst an. In dem Moment, in dem es um die Bandfinanzierung für das jährliche Festival im September geht.

Drugstore vor 45 Jahren gegründet

„Dieses Jahr sollten wir ein bisschen mehr Geld für Bands in die Hand nehmen, Drugstore feiert ja schließlich sein 45-jähriges Bestehen“, sagt Lars vom Drugstore-Kollektiv. Während des dreitägigen Punkfestivals spielen jährlich zwischen 30 und 50 Bands aus ganz Europa im Jugendzentrum, die Kollektive finanzieren ihre Anreise und Unterkunft. Um die 1000 Besucher kommen bei freiem Eintritt auf der mehr als 800 Quadratmeter großen Fläche vorbei. Lars hält kurz inne. „Vielleicht ist es das letzte Mal. So oder so: Es muss einfach legendär werden!“

Wöchentliches Plenum von Potse und Drugstore. Foto: Anja Meyer

Es ist Dienstagabend, die Kollektive beider Einrichtungen halten ihr gemeinsames, wöchentliches Plenum ab. Sie sitzen im Kreis aus abgewetzten Sofas und Sesseln. Um sie herum bemalte und beklebte Möbel, Graffiti und Bilder an den Wänden. Ein paar von ihnen trinken Bier oder Cola aus der Flasche. Nachnamen spielen hier keine Rolle, ebenso wenig wie das Alter und wie lange jemand schon dabei ist. Wichtig ist nur, wer was zu sagen hat. Und dass er kein Idiot ist, wie Paul es nennt. Er meint damit intolerante Menschen, mit homophoben, sexistischen oder rassistischen Einstellungen. Die dürfen nicht rein, ansonsten ist jeder willkommen. Vorschläge werden im komplett selbstverwalteten Jugendzentrum ausdiskutiert und im Konsens beschlossen. Seit den Siebzigern.

Mietverträge gekündigt

Das letzte Mal also, das letzte Potse- und Drugstore-Festival im September? Es klingt wie eine Drohung, lange schon steht sie im Raum, wurde immer wieder verschoben, jetzt wird es langsam eng. Der im Ausland sitzende Eigentümer des Hauses an der Potsdamer Straße 180 hat den darin beheimateten Jugendzentren Drugstore und Potse zum Jahresende die Mietverträge gekündigt. Es ist nicht das erste Mal, dass die Jugendklubs um ihre Existenz bangen. Schon öfter stand die Befürchtung im Raum, bald aus ausziehen zu müssen, bislang konnte sie immer abgewendet werden. Dieses Mal sieht es anders aus. Ernster als sonst.

Freiraum für Subkulturen

Denn die beiden Läden sind vor allem für jugendliche Subkulturen aus ganz Berlin ein wichtiger Anlaufpunkt. Junge Bands können sich hier austoben. „Von Proben über Konzerte bis zur Aufnahme einer CD und dem Drucken von T-Shirts in der Siebdruckwerkstatt kann man hier alles machen“, erzählt Patrick. Er ist seit 2003 im Drugstore. „Hier konnte ich Tontechnik von Grund auf lernen“, erzählt er. Jetzt bringt er es anderen bei. Neben Konzerten und Liederabenden  gibt es regelmäßig Lesungen, Flamenco-Tänze, Kino oder Spieleabende.

Paul hat sich im Potse-Kollektiv auf die Organisation von Konzerten spezialisiert. Foto: Anja Meyer

Potse und Drugstore sind fest im Schöneberger Norden verwurzelt. 1972 gründeten Jugendliche in leer stehenden Räumen des Bezirks den Drugstore als Ort für alternative pädagogische Konzepte. Die Jugendbehörde unterstützte das Projekt, immerhin leisteten die Akteure einen wichtigen Beitrag zur bezirklichen Jugendarbeit. Anfang der 80er kam die Potse auf der gegenüberliegenden Seite der Etage hinzu. 1987 kaufte die BVG dann das Haus, das Bezirksamt zahlt seither Miete für seine ehemaligen Räume, nach mehreren Mieterhöhungen sind es aktuell 200.000 Euro im Jahr für Potse und Drugstore zusammen.

Strukturen über Jahrzehnte geblieben

Patrick und Paul kennen viele Geschichten aus der wilden Anfangszeit. Wie die damalige Punkband „Soilent Grün“ – Vorgänger der Band „Die Ärzte“ im Drugstore spielte. Wie „Ton Steine Scherben“ hier feierten oder wie Dr. Motte vorbeikam. Auch heute noch schauen immer wieder mal Leute vorbei, die ihre Jugend hier verbracht haben und erzählen alte Geschichten. „Für viele ist das ein Ort der Nostalgie“, sagt Paul. „In den Strukturen hat sich über Jahrzehnte nichts verändert.“ Beide Läden seien schon immer etwas ganz besonderes in der Berliner Szene gewesen.

Bezirk in Verhandlungen

Das sieht man auch im Bezirk so. Wie Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) erklärt, gebe es längst keine Diskussion mehr darüber, ob man Potse und Drugstore halten möchte oder nicht. „Das war früher eine klassische Diskussion zwischen CDU und SPD“, sagt sie. „Heute stehen alle dahinter.“ Doch der neue Eientümer verlange so hohe Mieten, dass sie aus dem Etat für die Jugendarbeit nicht zu stemmen seien.

Derzeit scheint es einen kleinen Lichtblick zu geben. Laut Stadtrat Oliver Schworck (SPD) gebe es aktuell neue Verhandlungen. Er sieht das als gutes Zeichen. „Immerhin redet der Eigentümer mit uns“, sagt er. „Das war lange Zeit nicht der Fall.“ Schworck warnt jedoch davor, das als zu positiv zu werten. „Es ist schwer, den Eigentümer zu erreichen, er kann die Verhandlungen jederzeit wieder beenden.“ Wie hoch die geforderte Miete sei, wolle er nicht sagen. Parallel zu den Gesprächen mit dem Eigentümer suche die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) nach alternativen Standorten im Bezirk.

An der Bar können die Besucher Getränke zum Einkaufspreis erwerben. Foto: Anja Meyer

Für die Mitglieder der Kollektive ist die Ungewissheit zermürbend. „Zu wissen, dass alles an aktuellen Projekten nächstes Jahr womöglich vorbei ist, nimmt uns Motivation und Kraft“, sagt Patrick. Trotzdem kämpfen die Kollektive weiter, sie verbindet viel mit den Jugendzentren. So erzählt Patrick, dass er sein Selbstbewusstsein hier erlangt hat. „Früher war ich sehr unsicher und konnte nicht vor anderen Menschen sprechen“, sagt er. Das habe sich erst im Kollektiv geändert, in dem er lernte, zu diskutieren, zu argumentieren und auch mal zurückzustecken. Patrick weiß: „Ohne den Drugstore wäre ich nicht der, der ich heute bin.“ Und er ist sich sicher, dass es vielen so geht.

 

Kommentare

  1. Eines von vielen Beispielen, wie sich unsere Stadt in der Kultur durch Gentrifizierung umbaut und den sozial Schwachen im Besonderen und der Allgemeinheit auch immer mehr kostenlose Betätigungsorte und Freizeitangebote wegnimmt. Schwimmbäder, Jugendangebote, Parks (IGA), Brachen, Sportplätze, Spielplätze, Museen… Berlin wird immer weniger liebenswert.

  2. Ich selbst habe auch diesen Ort und änliche in meiner Jugend kennen lernen dürfen. (Viele davon gibt es nicht mehr)
    Es muss allen Beteiligten klar sein, dass solche „Zufluchtsorte“ im besten und wahrsten Sinne Leute von der Straße holen und Anstöße für kreatives und soziales Handeln geben.
    Gerade für Jugendliche und junge Erwachsene können Projekte wie diese sinnstiftende und wertvolle Unterstützer sein – oder einfach nur Spaß machen, ohne dass immer gleich ein kommerzieller Wert dahinter stehen muss. Möglichkeit zur Entfaltung ist das Thema, den Diskurs suchen und üben, sich an große Projekte wagen und sich ausprobieren, lernen von einander…

    Es braucht Schutzräume, die nicht immer und ewig dem Diktat einer kommerziellen Verwertung unterworfen werden können!

    Wer sind denn die Besitzer und Vermieter? Man muss sich doch bereits beim Kauf der Immoblie im klaren gewesen sein, dass man hier auch ein Stück Verantwortung mit trägt und einen wichtigen Beitrag leistet, indem man dieses Stück Kult-Kultur erwirbt und einfach mal „aushalten“ muss.

    Gier ist kein guter Berater.
    Wenn sich am Ende wieder eine neue Besetzer-Szene daraus entwickelt, dann kann ich es nur gut verstehen.
    Der Bezirk sollte hier ganz klar Prioritäten setzen und mithelfen, dass diese Sache hier nicht zu einem entzündlichen Ding wird. Die Vorzeichen dafür sind für mich hier klar erkennbar. Wenn es kein Ausweichen gibt, dann steht hier sicherlich bald eine Konfrontation ins Haus, die für den ganzen Bezirk eine Stellvertreter-Auseinandersetzung zum Thema Gentrifizierung der Umgebung auslösen könnte. Schräg gegenüber soll ja auch neu gebaut werden – und dabei wird wohl der angestammte und beliebte türkische Gemüsehändler zum Opfer fallen. (Siehe auch rbb-Beitrag von gestern)
    Schöneberg sollte sich seiner Kultur und noch intakten Berliner Mischung bewusst sein und nicht sein Gesicht verlieren.
    Dafür wünsche ich allen Beteiligten viel Glück und Augenmaß.
    C. Knobloch

  3. Pingback: Artikel von „Im Westen Berlins“ vom 18.04.2017 – Drugstore

  4. Schade ja, aber nichts ist für die Ewigkeit und sich gegen Veränderungen zu stemmen hat auch etwas konservatives. Warum nicht nach Alternativen suchen, neue Wege beschreiten, sich der neuen, jungen Generation öffnen….

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