Aktuelles / Dienstag, 26.12.2017

Ein Charlottenburger ist
der Herr der Quallen

Aktuell eine der Stars im Aquarium des Berliner Zoos: die Pazifisches Kompassqualle zeigt ihre tentakel. Foto: Aquarium Berliner Zoo

Sie schweben zart wie Feen, sind äußerst sensibel, was ihre Nahrung angeht. Quallen haben aber auch ihre biestigen Seiten. Daniel Strozynski kennt sie alle.

Von Katja Wallrafen

Ihre Anmut ist fast überirdisch. Zart schweben sie durchs Wasser, fast wie Feenwesen in lautlosem Tanz. Ihr Körper besteht zu 98 Prozent aus Wasser, ein Rückgrat haben sie nicht – das heißt aber nicht, dass sie nichts können. „Wenn es regnet, lassen sie sich absinken“, erzählt Daniel Strozynski. „Ihre Zellen verarbeiten also Informationen.“ Tag für Tag kümmert sich der Zootierpfleger im Aquarium Berlin um seine glibberigen Schützlinge.

Daniel Strozynski, der Herr der Quallen vor einem der Anzuchtbecken. Foto: Katja Wallrafen

Ohne Gesicht und Coolness

Eine langweilige Aufgabe? „Dachte ich zu Beginn meiner Ausbildung auch“, erzählt Strozynski. Er hatte eigentlich handfestere Tiere im Sinn – Pinguine oder Piranhas, eben Tiere, die eine Besonderheit oder durchaus auch einen gewissen Coolheitsfaktor mitbringen. Und dann ausgerechnet Quallen, die man kaum voneinander entscheiden kann. Gesichts- und hirnlose Viecher, die irre schnell wachsen und nach acht bis zehn Monaten wieder den Geist aufgeben. „Schnelllebige Tiere“, sagt Strozynski. „Aber faszinierend und sie fordern mich immer wieder neu heraus.“ Das will etwas heißen, denn kaum jemand in Deutschland dürfte mehr Erfahrung mit den Nesseltieren haben als er.   Der 42-Jährige hat eine einzigartige Sammlung von Quallen aufgebaut, mutmaßlich die größte in Europa. Obwohl er also die Medusen (benannt nach der Figur aus der griechischen Sage, die Tentakel der Quallen erinnern an Medusas Schlangenhaupt) in- und auswendig kennt, gibt es noch viele Geheimnis bei der mehr als 600 Millionen Jahre alten Tierart zu entdecken. Inzwischen ist Strozynskis Expertise weltweit gefragt, gerade kommt der Charlottenburger aus China zurück. Dort hielt er einen Vortrag über die Herausforderungen der Quallenhaltung. Auf Einladung  seines ehemaligen Chefs, denn Meeresbiologe Dr. Jürgen Lange, Ex-Chef des Aquariums und bis zu seiner Pensionierung vor zehn Jahren Direktor des Zoos, geht auch im Alter seiner Passion für Aquaristik nach.

Schweben im Babybecken. Hier tummelt sich der Quallennachwuchs im Keller des Aquariums. Foto: Katja Wallrafen

Wurzelmund-, Kompass-und Ohrenquallen

Im Berliner Aquarium gibt es acht Schaubecken, die immer mal wieder neu und abwechslungsreich bestückt werden. Zurzeit gleiten Wurzelmund-, Kompass-und Ohrenquallen in den Becken auf und ab, lassen sich von der Strömung tragen. Was für den Besucher so leicht und elegant aussieht, ist für den Zootierpfleger Schwerstarbeit. „Die Haltung ist kompliziert“, erläutert Strozynski. „Das fängt schon beim Füttern an. Da reagiert die Qualle sensibel, es darf nicht zu opulent sein. Zudem müssen wir sie konsequent in der Schwebe halten. Das macht in der Natur die Meeresströmung, die gilt es hier zu simulieren. Sinken die Quallen zu Boden oder stoßen an die Wände des Beckens, verlieren wir sie.“ Wie die Zucht- und Babybecken im Keller, kommen auch die Schaubecken für die Öffentlichkeit ohne Pflanzen oder Steine aus. „Denn daran könnten sie sich verletzten“, so der Quallenexperte. „Das Gute daran ist allerdings ist, dass sich die Besucher beim Blick ins die Becken aufs Wesentliche  konzentrieren können. Im Wasser sind nur die Tiere und millimeterkleine Fetzen zu sehen – das Futter. So ist wunderbar zu beobachten, wie die Kompass-Qualle mit ihren Tentakeln kleine Salzwasserkrebse fängt und sie sich zu Gemüte führt. Das sind die winzigen, orangefarbenen Punkte im Magen, die man gut erkennen kann.

Völlig schwerelos schwebt die Qualle…Dieses Exemplar trägt den schönen Namen Spiegeleiqualle. Orchideenqualle würde eigentlich besser passen. Foto: Aquarium Zoo Berlin

Aus Polypen werden Babyquallen

Daniel Strozynski hält sich hauptsächlich in den Kellerräumen auf. Niedrige Decken, künstliches Licht, das gleichmäßige Geräusch von Pumpen – dort gibt es eine Vielzahl von Anzuchtbecken, teilweise unter bläulichem Licht. Die Babybecken sind mal quadratisch, mal rund, mal größer, mal kleiner – immerhin ist es überall kuschelig warm, so dass er auch im Winter im T-Shirt arbeiten kann. Dort unten im Aquarium werden Polypen gezüchtet, aus denen später einmal Jungquallen entstehen. Daniel Strozynski  spricht bewusst nicht davon, dass sie schlüpfen oder geboren werden. Denn das tun sie nicht. Sie „strobilieren“, so die wissenschaftliche Bezeichnung dafür. Aber wie klappt das, was gibt den Anstoß dazu, dass sich ein winziger Polyp teilt und sich in eine Babyqualle verwandelt? Daniel Strozynski hat schon viel ausprobiert und weiß inzwischen, was eine Rolle spielt: „Unterschiedliche Schlüsselreize. Das kann an Futtermengen liegen oder auch daran, wie viel Licht ins Becken fällt. Mit Licht und Wärme können wie den Frühling simulieren. Auch wenn wir die Strömung verändern, können wie sie anstupsen“, beschreibt er. „Einige Polypen gedeihen im Kühlschrank am besten oder strobilieren nur zu eine bestimmten Mondphase.“

Blick auf die Utensilien in der Quallenpflege. Für jedes Becken gibt es eine eigene Bürste. Foto:Katja Wallrafen

Einfach gebautes Hohltier mit Potenzial

Auch wenn es sich um „einfach gebaute Hohltiere“ handelt, sieht Strozynski das Potenzial der Quallen. Sie haben zwar einige Fressfeinde in der Natur, stehen zum Beispiel auf dem Speiseplan von Lederschildkröten, denen das Nesselgift, das ja selbst tote Quallen am Strand so ungemütlich für Menschen macht, nichts anhaben kann. „Und in Asien landen Quallen auch auf dem Teller, nachdem sie mit Essig neutralisiert worden sind“, schildert der Quallenexperte, der sie übrigens selbst noch nie gekostet hat. „Obwohl es sogar am Kudamm ein chinesisches Restaurant gibt, das sie auftischt.“ Aber selbst der Fressfeind Mensch schadet den Medusen nicht. Im Gegenteil – sie scheinen Gewinner zu sein bei der Zerstörung der Meere. „Sie profitieren vom Temperaturanstieg, es gibt mehr Zooplankton und somit mehr Nahrung“, so der Experte. „Es gibt Forscher, die sagen, dass uns die Quallen überleben. Das kann ich mir gut vorstellen.“