Aktuelles / Donnerstag, 05.10.2017

Die Welt jeden Tag ein
bisschen besser machen

Rita Preuß (l.) und Marion Schütt im ersten Stock des Rathauses Schöneberg. Die Ausstellung "Alterscoolness70+" ist noch bis Ende Oktober zu sehen. Foto: Katja Wallrafen

Ausstellung „Alterscoolness 70+“ mit Porträtfotos, Interviews und Hörstationen im Rathaus Schöneberg wirbt fürs Ehrenamt und die Potenziale des Alters.

Von Katja Wallrafen

Das ist eine Herkulesaufgabe: Wie soll diese Familie auf dem angespannten Berliner Wohnungsmarkt eine Bleibe finden? Aus ihrer bisherigen Wohnung fliegt die mehrköpfige Familie raus. Und nein, sie sind keine stillen Nachbarn. Viel Miete zahlen können sie auch nicht, gibt die Mutter zu. Ehrlich gesagt seien sie „ein stressiger Haufen“, mit anstrengenden Kindern, eines davon leide unter einer bipolaren Störung und raste schon mal aus.

Ehrenamtliche Sozialberatung

Willkommen im freitäglichen Alltag von von Gudrun Rein (71). Die ehemalige Bibliothekarin kümmert sich jeden Freitag in der Sozialberatung im Nachbarschaftszentrum Schöneberg um Anliegen wie diese. Sie hat ein offenes Ohr für die Sorgen von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, unterstützt beim Ausfüllen von Formularen, beim Briefwechsel mit Behörden oder auch beim Schreiben von Bewerbungen. Arbeits- und Wohnungssuche sind große Themen, hat Gudrun Rein beobachtet. „Es gibt Momente, da wünschte ich mir, mehr helfen zu können. Aber zaubern kann ich natürlich nicht. Und zum Glück überwiegen die Situationen, in denen ich spüre, dass die Beratung den Menschen gut tut und sie zuversichtlich macht. Sie kommen, um einfach mal reden zu können, um Druck abzulassen“, schildert Gudrun Rein. Sie ist eine von zwanzig Ehrenamtlichen, die in der Ausstellung „Alterscoolness 70+“ im Rathaus Schöneberg porträtiert wird.

Gudrun Rein möchte ihren Beitrag dazu leisten, dass unsere Gesellschaft lebenswert ist. Foto: Marion Schütt

Porträtfotos und Hörstationen

Im ersten Stock geben große Tafeln mit Porträtfotos, Interviews und Hörstationen Einblick in das außergewöhnliche Spektrum des Ehrenamtes in Berlin. Die Idee dazu hatte die Historikerin und Fotografin Marion Schütt. Sie ließ sich auf einer Fachtagung von einer Rede Gabriele Schlimpers inspirieren. Die Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin hatte von den rund 30.000 Freiwilligen in unterschiedlichsten Mitgliedsorganisationen geschwärmt und dabei deutlich gemacht, wie „cool“ das freiwillige Engagement ist. Marion Schütt hat als Fotografin und Filmemacherin ein Faible für das Potenzial älterer Menschen in unserer Gesellschaft. Nach der Inspiration auf der Fachtagung wollte sie speziell das Ehrenamt von Menschen im Rentenalter beleuchten.
„Innovationsfreudigkeit, geistige und körperliche Beweglichkeit, Mut zum Risiko – das sind normalerweise Attribute, die jungen Menschen zugeschrieben werden“, schildert Marion Schütt. „Und im Gegensatz dazu fallen beim Stichwort alte Menschen eher Begriffe wie Erstarrung und Unflexibilität. Der Begriff ,demografischer Wandel’ ruft nicht selten Bilder vom Pflegenotstand in unseren Köpfen hervor, zudem schüren politische Nachwuchskräfte Ängste vor Verteilungskämpfen zwischen den Generationen. Unsere Ausstellung hebt das Potenzial älterer Menschen hervor. Renteneintritt bedeutet nicht zwangsläufig Ruhestand.“

Marion Schütt (l.) und Rita Preuß dokumentieren das Potenzial älterer Menschen. Foto: K. Wallrafen

Was macht ein Singpate?

Zwanzig Ehrenamtler – sechs Männer und 14 Frauen – im Alter von 70 bis 89 Jahren haben sich bereit erklärt, in Interviews von ihren Aufgaben und ihren persönlichen Beweggründen fürs Engagement zu berichten. Die Porträts dokumentieren die Vielfalt der ehrenamtlichen Tätigkeiten: Was regelt die Patientenfürsprecherin, was macht ein Singpate oder ein Gottesdienstbeauftragter? Was denkt ein Palästinenser, der einst selbst als Flüchtling nach Westberlin kam und heute Syrer bei Behördengängen unterstützt? Computer-Lehrgänge geben, Kunst kuratieren, einen Blog betreiben oder Zwillings- oder Drillingsfamilien im Alltag unterstützen – der Phantasie sind beim Helfen keine Grenzen gesetzt, das macht die Ausstellung deutlich.

Das eigene Erleben spielt eine Rolle für ein Ehrenamt

Die Journalistin Rita Preuß sowie Joanna Kalkowski vom Pestalozzi-Fröbel-Hauses haben die Gespräche vorbereitet und durchgeführt. „Die eigene Biografie, das eigene Erleben spielt eine wichtige Rolle bei der Motivation des Ehrenamtes“, hat Rita Preuß festgestellt. Wer selbst als Kind keine Oma hatte und dies als Verlust empfunden hat, verspürt im Alter dann den Wunsch, diese Lücke in der Kindheit von anderen zu schließen. Andere nutzen im Rentenalter die Chance, eine Wunschberuf zu verwirklichen oder eine lang gehegte Leidenschaft wie das Theaterspielen in die Tat umzusetzen. Zum großen Teil haben die Befragten den Zweiten Weltkrieg als Kinder erlebt. Sie kennen Bomben, Vertreibung und Hunger aus eigenem Erleben, wurden von einer Elterngeneration aufgezogen, in der Sprachlosigkeit angesichts der Kriegsgräuel durchaus verbreitet war. Wirtschaftswunder, Teilung von West- und Ostdeutschland, Veränderung der Rollenbilder – in jedem einzelnen Porträt schimmert die pralle Vielfalt eines Menschenlebens im Wandel der Zeit durch.

Gudrun Rein unterstützt Menschen bei der Wohnungssuche. Oftmals tut es den Leuten gut, wenn sie einfach mal ihre Sorgen aussprechen können. Foto: Marion Schütt

Außergewöhnliche Menschen kennenlernen

Wer die Porträts liest (oder anhört), macht die Bekanntschaft von außergewöhnlichen Menschen. Männer und Frauen, die nicht Teil einer konsumierenden Erlebnisgesellschaft sein wollen. Es sind Menschen, die aktiv eingreifen wollen, die ihren Erfahrungsschatz mit anderen teilen. Sie sind selbstbewusst, kritisch und nehmen kein Blatt vor den Mund – coole Typen, die still und unaufgeregt tagtäglich Herkulesaufgaben übernehmen.

Information

Die Ausstellung „Alterscoolness 70+“ ist noch bis zum 31. Oktober 2017 im Rathaus Schöneberg (erster Stock), John-F.-Kennedy-Platz, zu sehen. Anschließend tourt sie bis Dezember 2018 durch verschiedene Berliner Kieze. Nächste Station in der City West: Vom 6. Januar bis 21. Februar 2018 im Nachbarschaftsheim Schöneberg, Holsteinische Straße 30.

 

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