Aktuelles / Mittwoch, 29.11.2017

Der Mann hinter der bunten Fassade des „Happy Go Lucky“

Blickfang vom Bahnhof Charlottenburg: Das Happy Go Lucky-Hostel am Stuttgarter Platz fällt in jedem Fall ins Auge. Foto: Philipp Siebert

Bewusste Eskalation oder Notwehr gegen Amtswillkür? Alexander Skora streitet mit den Behörden nicht nur um die Fassade seines Happy Go Lucky-Hostels.

Von Philipp Siebert

Ein Typ, der einfach alles so hinnimmt, das ihm vom Amt ins Haus flattert, ist Alexander Skora nicht – kein bisschen. Dass er seinen Ärger leise runterschluckt, kann auch keiner behaupten. Alexander Skora irrlichtert mit seinen Don Quichotterien durch die Gazetten. Wenn es nicht um eine seiner Beherbergungsstätten in der Stadt geht, dann bietet der Endvierziger auch mal eben für die Pleite-Fluggesellschaft Air Berlin.

Schön bunt oder grell und unangemessen? Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten – wohl aber über das, was rechtlich zulässig ist und was nicht. Im Fall der Fassade des Hostels „Happy Go Lucky Hearts“ am Stuttgarter Platz 17 wird das jetzt das Berliner Verwaltungsgericht entscheiden müssen. Nachdem er aufgefordert wurde, das Haus mit einem neuen Anstrich zu versehen, hat Eigentümer Alexander Skora gegen das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf geklagt.

Es ist bereits der zweite Rechtsstreit um das Hostel. Nachdem es Skora im Jahr 2012 kaufte, ließ er den Schriftzug „HappyGoLuckyHotel.com“ an die damals noch orangefarbene Fassade anbringen. Darin sah der frühere Baustadtrat Marc Schulte (SPD) eine unerlaubte Werbemaßnahme. Die Richter gaben ihm Recht und Skora musste die Lettern entfernen.

Eine unerlaubte Werbemaßnahme, entschied das Berliner Verwaltungsgericht. Skora musste die Schrift entfernen. Foto: Steffen Pletl

Nachdem der irische Künstler Dom Browne die Fassade im Sommer 2016 bunt bemalt hatte, kündigte Schulte erneut an, dies „äußerst restriktiv“ handhaben zu wollen. Sein Nachfolger Oliver Schruoffeneger (Grüne) rückte aber von diesem Kurs ab. Unter bestimmten Auflagen erklärte er sich bereit, die farbenfrohe Gestaltung des denkmalgeschützten Gebäudes zu dulden. Sie müsse nur regelmäßig begutachtet und ausreichend gepflegt werden. Das hätte als Baulast im Grundbuch festgeschrieben werden sollen. Das lehnte Skora jedoch ab und die zunächst mündlich getroffene Übereinkunft scheiterte.

Skora plädiert auf Kunstfreiheit

Denn zum einen will der Eigentümer die Kosten für diese Gutachten nicht allein tragen. Sie würden mit mindestens 2500 Euro zu Buche schlagen, teilte eine Berliner Stuckateurfirma auf Morgenpost-Anfrage mit. Je nach Umfang des Gutachtens, Schadensgrad und Größe des Objekts könnten die Preise auch höher sein. „Wir haben dem Bezirk angeboten, die Kosten zu teilen“, sagte Skora. Schruoffeneger erteilte dem eine Absage.

Ferner möchte sich Skora offen halten, die Fassade verändern zu können. Das sei nach einer Festschreibung im Grundbuch jedoch nicht mehr möglich. „Da würde dann ganz genau festgelegt werden, welcher Farbton es sein müsste“, so Skora. Das widerspräche der Kunstfreiheit. Kunst unter Staatsaufsicht zu stellen, sei totalitär. „Das Amt gibt ja offiziell zu, dass es ein Kunstwerk ist, will aber trotzdem das letzte Wort haben.“ Diese Haltung kann Skora nicht nachvollziehen und nennt sie „schizophren“. In der Vergangenheit hatte er das Verhalten der Behörden gern auch mit Systemen wie Nordkorea, Russland oder China verglichen.

Streetart-Künstler Dom Browne aus Irland hat die Fassade im Sommer 2016 verziert. Foto: BM

Skora erhofft sich, dass die Richter eine von ihm gestartete Onlinepetition in ihre Entscheidung einbeziehen werden. Dort haben sich nach aktuellem Stand 754 der 762 Teilnehmer für den Erhalt der bunten Fassade ausgesprochen. „Es wurde ja argumentiert, der Durchschnittsbetrachter fühle sich gestört – das stimmt augenscheinlich nicht.“  Die Fassade sei vielmehr Ausdruck eines Berlin-Gefühls der Freiheit.

Streit um weiteres Hostel im Bezirk

„Es ist eine bewusste Eskalation“, vermutet Baustadtrat Oliver Schruoffeneger. Und es gebe einen personellen Zusammenhang zu einem zweiten Fall im Bezirk. So ist Skora ebenfalls Eigentümer des „Sleep Cheap Hostels“ am Spandauer Damm 101 wenige Meter westlich vom S-Bahnhof Westend. Dieses bietet laut Bezirksamt 140 Betten an, von denen aber lediglich zwölf zugelassen seien. „Bis heute wurde kein Antrag auf eine mögliche Legalisierung mit einem geprüften Brandschutzkonzept eingereicht“, teilte die bezirkliche Bauaufsicht auf Anfrage mit. Aus diesem Grund habe man im Sommer eine Nutzungsuntersagung angeordnet. „Dieser ist der Betreiber nicht nachgekommen, daher wurde ein angedrohtes Zwangsgeld festgesetzt.“ Auch ein Ordnungswidrigkeitsverfahren sei in Bearbeitung.

Weiterer Streitpunkt mit dem Bezirksamt: Im Sleep Cheap Hostel am Spandauer Damm soll nur ein Bruchteil der Betten genehmigt sein. Foto: Philipp Siebert

Die von Skora mit dem Management beauftragte Betreiberin legte dagegen Widerspruch ein. Denn aus Sicht des Eigentümers ist die Prämisse des Bezirksamts falsch. Das eigentliche Hostel würde tatsächlich nur aus diesen zwölf Betten bestehen. Der Rest sei möbliertes Wohnen auf Zeit etwa für Studenten, Bauarbeiter oder Neuberliner auf Wohnungssuche. Alle Auflagen etwa beim Brandschutz seien erfüllt und zu weiteren Gesprächen sei man bereit. „Es ist ein bewusster Versuch, uns an den Karren zu fahren“, so Skora. Er vermutet eine Retourkutsche, weil er im Fall des Happy Go Lucky nicht zu allem „Ja“ und „Amen“ gesagt hätte.

Ferner ginge es im darum, das öffentlich zu machen, was Ämter gerne klammheimlich täten. Verwaltungsakte solle man nicht für bare Münze nehmen, denn die Fehlerquote sei sehr hoch. Und in einer Demokratie sei es möglich, gegen sie vorzugehen. Er fühle sich zwar nicht unbedingt im Recht, so Skora, aber als Berliner im Sinne der Marketingkampagne Be Berlin. Dort ist von der „Hauptstadt der Freiheit“ und „Freiheit auf allen Ebenen“ die Rede.

Skoras Hostel in Neukölln inzwischen geschlossen

Auf Twitter bezeichnet Skora Neuköllns Baustadtrat Jochen Biedermann (Grüne) als „BeBerlin-Beschmutzer“ sowie „Brandstifter“ und wirft ihm „Stasi- und Nazimethoden“ vor. Denn das „Fantastic Mr. Fox“-Hostel wurde am Morgen des 9. Oktober durch die bezirkliche Bau- und Wohnungsaufsicht geschlossen und versiegelt. Betrieben hatten es zwei Pächter in einem Haus an der Weserstraße 207, das ebenfalls Alexander Skora gehört. Der Betreiber habe ihm leider keine andere Wahl gelassen, sagte Baustadtrat Biedermann nach der Räumung. „Die Strategie darauf zu hoffen, dass der Bezirk einen vorsätzlichen und fortgesetzten Rechtsbruch einfach toleriert, geht in Neukölln nicht auf.“

Dem ging ein monatelanger Streit voraus. Da bei der Eröffnung im April keine Genehmigung vorlag, hatte der Bezirk damals schon eine Schließung angeordnet. Auch ein Antrag auf Nutzungsänderung wurde abgelehnt, da das Hostel eine zu große Belastung für die Nachbarn bedeuten würde. Ein Widerspruch der Betreiber wurde vom Verwaltungsgericht abgelehnt. Am 29. August erklärte auch das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg den Betrieb für illegal. Dennoch machten die Betreiber bis zur Räumung mit zwölf Betten weiter. „Es hat keine einzige Beschwerde wegen Lärmbelästigung gegeben“, so Skora. Das werde sich auch im Hauptverfahren zeigen, das er gegen den Bezirk Neukölln anstrenge.

 

Kommentare

  1. Offensichtlich ist Westberlin (ganz bewusst „Westberlin“) immer noch oder wieder so piefig
    wie zu Zeiten vor der Wende. Als man „Hauptstadt“ nur spielte und am Bonner Tropf hing. Wowereit mag den Flughafen zusammen mit anderen vergeigt haben, aber er fehlt dieser Stadt an allen Ecken und Kanten.

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