Aktuelles / Freitag, 10.11.2017

Abschied von der guten Seele des Schlüterkinos

Irmchen Dunst 1996 im Schlüterkino. Foto: Robina Seefluth

Mehr als drei Jahrzehnte war Irmchen Dunst das Gesicht des kleinen Kinos an der Schlüterstraße. Jetzt ist sie mit 92 Jahren gestorben.

Von Philipp Siebert

Hatte man einen neuen Film verpasst oder wollte einen Klassiker mal wieder auf der großen Leinwand sehen – Onkel Bruno würde ihn bestimmt noch einmal zeigen. „Ich bin der wirkliche Endspieler“, sagte Bruno Dunst einst in einem Interview. Generationen lachten in seinem kleinen Kino an der Schlüterstraße 17 über die Marx-Brothers und Woody Allen oder staunten über die Meisterwerke von Stanley Kubrick und Ingmar Bergman.

Das Schlüterkino im Jahr 1994. Foto: Volker Noth/Stiftung Deutsche Kinemathek

Technisch war das Filmkunststudio im Schlüter großen Multiplexkinos nie gewachsen. Die antiquierte Projektoren waren eigentlich museumsreif. Anderswo längst Standard war noch in den Neunzigern an ein modernes Soundsystem nicht zu denken. Der gelernte Kinomechaniker Dunst setzte auf Altbewährtes. Und das Kino hatte dafür etwas, das man für Geld nicht kaufen kann: Charme und Atmosphäre. Ab den Sechzigerjahren avancierte es zur Institution im Herzen des alten Westen. Für viele ist es noch heute ein Teil der Charlottenburger Kulturgeschichte. Untrennbar damit verbunden: Brunos Frau Irmchen Dunst.

Besessen von den bewegten Bildern

Geboren wurde Irmchen Dunst am 19. Februar 1925 als Irmgard Wittig in Ober-Horka bei Görlitz. Als Kind verlor sie ihre Eltern und wuchs von da an in Waisenhäusern auf. Noch im Krieg kam sie als junge Frau nach Berlin, wo sie 1953 Bruno kennen lernte – den Mann, der bereits seit Kindertagen von den bewegten Bildern auf der Leinwand schier besessen war. Beim ersten Gespräch, selbstverständlich über einen Kinofilm, sprang der Funken sofort über. Zwei Jahre später heirateten sie. Der junge Witwer brachte drei Kinder mit in die Ehe.

Erfolg mit „Du-Ton Wanderlichtspielen“

Irmchen und Bruno teilten sich fortan auch das Berufliche. Während sein erhoffter Erfolg als Schauspieler ausblieb, wurden seine „Du-Ton Wanderlichtspiele“ im Nachkriegsberlin zum Begriff. Nach ein paar Jahren tauschten sie das mobile Kino gegen eine feste Spielstätte. Zum 1. Juli 1962 übernahmen Bruno und Irmchen die Schlüter-Lichtspiele und bewahrten sie dadurch vor dem damals schon grassierenden Kinosterben. Das kleine, 1912 eröffnete Filmhaus mit etwas mehr als 300 Plätzen wurde zum Programmkino.

Wer einen der Filme (l.) sehen wollte, musste bei Irmchen eine Karte kaufen (r.). Fotos: Robina Seefluth

Fortan stand der Projektor nicht mehr still. Drei Filme wurden jeden Tag gezeigt. Am Wochenende gab es ein nächtliches Doppelprogramm. Und während Bruno im Hintergrund administrierte, die Verleihkataloge sichtete und den Projektor bediente, saß Irmchen Tag um Tag im Kassenhäuschen und gab dem Kino das Gesicht. Filmstars wie Otto Sander, dessen Sohn Ben Becker, aber auch Regisseure wie Detlev Buck und Helma Sanders-Brahms gingen ein und aus und wurden schließlich zu Freunden. Sanders-Brahms macht das Kino sogar selbst zur Kulisse und die Dunsts zu Hauptdarstellern, als sie 1985 den Film „Alte Liebe“ über das Ehepaar drehte.

Nach 37.000 Vorstellungen fiel der letzte Vorhang

Doch nach genau 34 Jahren und rund 37.000 Vorstellungen fiel am 30. Juni 1996 der letzte Vorhang. Trotz des ungebrochenen Zustroms musste eines der ältesten Programmkinos Deutschlands vor einer Vervierfachung der Miete kapitulieren. Schon die monatlich 2800 Mark waren schwer zu stemmen – die geforderten 10.000 Mark unmöglich. Auch die vielen prominenten Freunde konnten nicht helfen. Als letzter Film lief ausgerechnet Cinema Paradiso von Giuseppe Tornatore über den Niedergang eines kleinen Kinos auf Sizilien. Es wird gesprengt und muss einem Parkplatz weichen. In die Schlüterstraße 17 zog ein Möbelgeschäft.

Das Kino an der Schlüterstraße 17 ist Geschichte. Ein Möbelgeschäft zog nach der Schließung ein.
Foto: Philipp Siebert

„Als er sein Kino schließen musste, brach ihm das Herz“, sagte Regisseurin Sanders-Brahms kurz nach Brunos Tod. Er habe nur noch ein bisschen weitergelebt, weil der Vorrat an Hoffnung in ihm so groß war. Drei Jahre nach der letzten Vorstellung starb er am 4. Juli 1999 kurz vor seinem 80. Geburtstag. Irmchen lebte fortan allein in der Wohnung an der Pestalozzistraße 19 nur einen Steinwurf von ihrem ehemaligen Kino entfernt. Auch ihr wurde der Lebensinhalt und ein Stück ihrer Identität genommen, ist ihr langjähriger enger Freund Bernd Breitholz überzeugt.

Ausschnitt aus der Berliner Morgenpost vom 1. August 1999, wenige Wochen nach Brunos Tod. Foto: privat/Barbara Dötsch

Einsam war sie jedoch keineswegs. Auf der Straße konnte sie kaum ein paar Meter gehen, ohne angesprochen zu werden, weiß Breitholz zu berichten. In den Restaurants im Kiez war immer ein Platz für sie frei. Viele ehemalige Mitarbeiter und Kinogäste, meist Nachbarn, pflegten auch Jahre nach der Schließung regelmäßig Kontakt.

„Sie war einfach eine ganz hervorragende Persönlichkeit mit einem wunderbaren Humor und sehr viel Lebensweisheit“, sagt Breitholz. Eine Person, die mit den Wirren des Lebens und des Erlebten wunderbar umgegangen sei und die aufgrund ihres tollen Wesens immer eine Handvoll Leute um sich hatte. „Sie wurde geliebt, weil sie lieben konnte.“

Irmchen Dunst Ende der Neunzigerjahre. Foto: Boris Doll

Und Irmchen Dunst blieb bis zum Schluss Cineastin. Begeistert schaute sie etwa dem Spiel von Audrey Hepburn in Sabrina, Krieg und Frieden oder Frühstück bei Tiffany zu. Aber auch neue Filme wurden geguckt und danach mit Freunden akribisch auseinander genommen. Einzig Cinema Paradiso trieb ihr bis zuletzt Tränen in die Augen.

Irmchen Dunst ist schon in der Nacht zum 20. September 2017 friedlich in ihrem Bett eingeschlafen. Am 10. November wurde sie im Kreis ihrer Freunde auf dem Domfriedhof in der Liesenstraße in Mitte beigesetzt.

 

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