Aktuelles / Freitag, 27.10.2017

Die Bebauung der Tennisplätze im Woga-Komplex ist falsch

Die Architekturhistorikerin Regina Stephan beschäftigt sich seit Jahren mit dem Architekten Erich Mendelsohn. Den WOGA-Komplex bezeichnet sie als eines seiner bedeutendsten Werke. Foto: Katharina Dubno, Mainz

…sagt Mendelssohn-Expertin Regina Stephan und lehnt einen Neubau im Innenhof des Woga-Areals ab. Es wäre ein gravierender Eingriff in das denkmalgeschützte Ensemble.

Von Philipp Siebert

Die rechtliche Situation ist kompliziert. Aber Charlottenburg-Wilmersdorfs Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) sieht sich wohl gezwungen, die Bebauung im Inneren des Woga-Komplexes zuzulassen, sagt er. Andernfalls könnte Investor Shore Capital Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe geltend machen. Hauptgrund: Ihm sei über Jahre signalisiert worden, seine Pläne umsetzten zu dürfen. Ein Untersuchungsausschuss der BVV will diese Vorgänge nun aufklären. An diesem Freitag kommt er zu seiner ersten Arbeitssitzung zusammen.

Bauen im Denkmal: Shore Capital präsentierte im Juli 2016 Pläne für ein umzäuntes Apartmenthaus anstelle der Tennisplätze. Foto: Thomas Schubert

Errichtet wurde die Anlage von Erich Mendelsohn (1887 – 1953). Er gilt heute als einer der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Im Auftrag des Mosse-Verlags und der damit verbundenen Wohnungs-Grundstücks-Verwertungs-Aktiengesellschaft (Woga) wurde das Ensemble zwischen 1925 und 1931 nach seinen Plänen realisiert. Es ist eines der letzten Bauwerke in Deutschland, das der jüdische Architekt vor seiner Emigration im Jahr 1933 fertigstellte. Seit 1982 steht das Ensemble als Zeugnis der Neuen Sachlichkeit unter Denkmalschutz.

Regina Stephan ist Professorin für Architekturgeschichte am Architekturinstitut der Hochschule Mainz. 1992 wurde sie mit der Dissertation „Studien zu Waren- und Geschäftshäusern Erich Mendelsohns in Deutschland“ promoviert. Sie hat mehrere Bücher über den Architekten geschrieben und war zwischen 2000 und 2013 Kuratorin der Tourneeausstellung des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) „Erich Mendelsohn – Dynamik und Funktion“. 2014 war sie verantwortlich für die wissenschaftliche Bearbeitung der Online-Publikation des Briefwechsels von Erich und Luise Mendelsohn der Kunstbibliothek Staatliche Museen zu Berlin.

Berliner Morgenpost: Der Investor beruft sich unter anderem auf ein Gutachten des Berliner Architekturbüros Peter Lemburg aus dem Jahr 2013. Dem zufolge gab es 1932 eine Baugenehmigung für die sogenannten „Kreuzhäuser“ in der Mitte des Woga-Komplexes. Weiter heißt es, dass diese aufgrund der Emigration Mendelsohns 1933 und der Eigentümerfamilie Mosse nicht errichtet worden seien. Die Tennisplätze seien daher nur eine „interimistische Lösung“. Ist das korrekt?

Regina Stephan: Es gibt die originalen Bauakten, die Gott sei Dank erhalten sind. Aus denen wird deutlich, dass es zwar Pläne für die Kreuzhäuser gibt, die im September 1930 im Büro Mendelsohn entstanden sind. Sie sind allerdings nicht durch Skizzen von Mendelsohn belegt. Er hat sie offensichtlich nicht selbst entworfen. Mendelsohn hat jeden Bau mit Hilfe von Handskizzen entwickelt und sie alle aufgehoben. Sein großes Archiv wird in der Sammlung der Kunstbibliothek Berlin aufbewahrt. Skizzen für die Kreuzhäuser finden sich darin nicht. Auch architektonisch entsprechen sie nicht der Qualität, die von ihm zu erwarten ist. Sie wurden vermutlich von seinem Mitarbeiter E.A. Karweik entworfen, denn er war einer der wenigen nach 1929 verbliebenen Mitarbeiter und ist als Bearbeiter auf dem schriftlichen Baugesuch ausgewiesen, das Mendelsohn als Bürochef unterschrieb. Es ist unzweifelhaft, dass die Pläne den Bürostempel tragen, von ihm unterzeichnet und für sein Büro eingereicht wurden. Da für die Bebauung schon damals eine Sondergenehmigung nötig war, wurde die Genehmigung erst Anfang 1932 erteilt. Aber schon vom 12. April 1932 gibt es ein Schreiben aus dem Büro Mendelsohn, dass darauf verzichtet wird, diese Baugenehmigung für die Kreuzhäuser auch wirklich zu nutzen. Stattdessen sollten vier Tennisplätze gebaut werden und die verbleibende Restfläche Grünflächen und eine Bepflanzung mit Kastanienbäumen erhalten. Die Planung der Kreuzhäuser ist also schon im Frühjahr 1932 zurückgezogen worden. Insofern ist die Begründung mit der Emigration Mendelsohns im Frühjahr 1933 gar nicht faktengestützt. Die Umplanung ist einfach ein Jahr früher passiert als Lemburg in seinem Gutachten schreibt.

Wieso gab es ursprünglich die Pläne für die Kreuzhäuser?

Das hat insbesondere mit der schlechten wirtschaftlichen Lage zu tun. Das war eine Zeit, die für den Mosse-Verlag sehr schwierig war. Durch die Weltwirtschaftskrise war der Verlag in Schieflage geraten. Zum einen, weil die Werbeeinnahmen nach 1929 rapide sanken und die Geschäftsleitung äußerst unglücklich agierte. Zum anderen war es auch so, dass das Unternehmen schon vor 1933 von antisemitisch eingestellten Wirtschaftskreisen boykottiert wurde. Auch Mendelsohn musste in Folge des Schwarzen Freitags 1929 Mitarbeiter entlassen, weil Aufträge nicht erteilt wurden. Er musste schauen, dass das Büro die Krise überstand. Doch auch dieser Auftrag wurde nicht realisiert, wie das bereits erwähnte Schreiben zeigt. Stattdessen wurden die Tennisplätze angelegt.

Warum Tennisplätze?

Es ist eine Zeit, in der Sport eine ganz große Rolle bekam: die Freikörperkultur, die Bewegung draußen. Es war auf einmal schick, dass man braun ist. Insofern passt die Anlage der Tennisplätze eigentlich wunderbar in die Zeit der Weimarer Republik, die eben den Sport und die Bewegung sowie das Geschlechterverhältnis neu entwickelt und bewertet hat. Beim Tennis konnten Männer und Frauen gemeinsam Sport treiben. Die Anlage spiegelt sehr gut das Lebensgefühl der Zwanzigerjahre.

Das heißt, die Tennisplätze gehören zum denkmalgeschützen Ensemble dazu…

Sie gehören zum Gesamtensemble dazu.

Wie sollte man also weiter verfahren?

Ich halte die Bebauung der Tennisplätze und der übrigen Freiflächen für falsch. Ich denke, man sollte sie als einen Raum wiedergewinnen, der der Nachbarschaft und nicht nur den Anwohnern zur Verfügung steht. Bis zur Schließung der Tennisplätze 2008 waren sie ja für Jedermann zugänglich. Sie gehörten, und das ist ganz ungewöhnlich, eben keinem Tennisclub, in dem man Mitglied sein muss, um dort zu spielen. Jeder konnte sich dort einen Tennisplatz mieten. Das war eine Freifläche, die den Bewohnerinnen und Bewohnern in Wilmersdorf zur Verfügung stand. Und das sollte bewahrt werden. Insofern: Keine Bebauung, sondern eine Wiederherstellung des Lokals und ansonsten eine freie Fläche. Ob die Tennisplätze repariert werden sollen, kann man diskutieren. Ich fände es sehr schön, weil sie über 100 Jahre existierten. Es ist ja ein Wert an sich, wenn über so eine lange Zeit eine Sportanlage zur Verfügung steht, die demokratisch für alle offen ist. Das halte ich für einen sehr wichtigen Punkt, dass das eine Erholungsfläche für alle in dieser Nachbarschaft bleibt.

Der Woga-Komplex wurde 1931 fertig gestellt – wieso 100 Jahre?

Da gab es vorher schon den Sportpark „Neue West-Eisbahn“. Der hat das damals noch freie Grundstück ab 1908 im Sommer als Tennisplätze, im Winter als Eisbahn genutzt. Damit bekommen die Tennisplätze natürlich nochmal eine zusätzliche Bedeutung, weil sie nicht nur für das Lebensgefühl der Zwanzigerjahre stehen, sondern schon für die Lebensreformbewegung. Das ist dieses ganze Thema: Die Frauen müssen in ihrem Alltag diese unglaublich unbequemen, engen Korsette tragen und auf einmal machen auch sie Sport. Zu diesem Teil der gesellschaftlichen Entwicklung gehört diese Fläche. Das ist natürlich ein wichtiges Zeugnis. So betrachtet war die Anlage der Tennisplätze 1932 nur eine technische Verbesserung, aber der Sport war vorher auf dem Grundstück schon Usus.

Welche Bedeutung hat der Woga-Komplex in Mendelsohns Gesamtwerk?

Er hat eine außerordentlich große Bedeutung, weil er das einzige große städtebauliche Ensemble ist, das er realisiert hat. Mendelsohn hat immer städtebaulich entworfen, das heißt immer im Kontext der Umgebung. Seine Bauten sind immer ganz genau auf einen Ort zugeschnitten. Das ist die große Besonderheit auch im Vergleich zu anderen Architektenkollegen, die Bauten entworfen haben, die nicht auf den Ort reagieren und überall errichtet werden könnten. Der Entwurf des Woga-Komplexes hat darüber hinaus eine große stadträumliche Bedeutung, da er den oberen Kudamm aufwerten sollte. Er sollte Leute dahin ziehen, sodass sie nicht nur an der Gedächtniskirche flanieren. Daher der Bau des großen Universum-Kinos, des Rauchtheaters, eines Hotelkomplexes und einer Wohnbebauung. Es ist ein Gesamtensemble, das viele verschiedene Teile zusammenführt. Und das macht es so wichtig, dass wir dieses Ensemble als Ganzes erhalten und da nicht ein riesiges Wohngebäude errichtet wird, das den ganzen Innenhof ausfüllt. Es würde mit seinen Dimensionen das ausgewogene Ganze sprengen.

Also wäre eine Bebauung der Innenfläche nicht in Mendelsohns Sinn?

Mendelsohn entwarf immer für eine bestimmte städtebauliche Situation. Er überlegte sich unglaublich genau, welche Folgen seine Bauten auf die Umgebung haben werden. Zeitgleich zum Bau des Woga-Komplexes 1929 gab es einen Wettbewerb für ein Hochhaus am Bahnhof Friedrichstraße, den Mendelsohn gewonnen hat, der aber aufgrund der Weltwirtschaftskrise leider nicht realisiert wurde. Dieser belegt für mich ganz klar, dass diese Kreuzhäuser gar nicht zum architektonischen Konzept von Mendelsohn passen. Denn für diesen Wettbewerb an der Friedrichstraße gibt es nicht nur die Entwurfsskizzen, sondern auch das Foto von acht unterschiedlichen Modellen. An diesen hat er im Vorfeld genau studiert, wie dieser Baukörper entworfen sein muss, damit er die Nachbarschaft nicht verschattet. Heraus kam eine für den Ort ideal zugeschnittene Lösung. Und genauso muss man es auch für den Woga-Komplex sehen. Er hätte da nicht ohne Not fünfgeschossige Wohnbebauung hineingebaut, weil sie die umgebenden Wohnhäuser, darunter auch die schönen Wohnungen in der Cicerostraße, verschattet hätten. Insofern passen die Kreuzhäuser nicht zu Mendelsohns architektonischer Haltung. Das war eher ein Bread-and-Butter-Job, um das Büro über Wasser zu halten, weil einfach so wenige Aufträge während der Weltwirtschaftskrise reingekommen sind. Er hat ihn sich nie zu eigen gemacht.

 

Kommentare

  1. These are excellent arguments for keeping the open space and rejecting any plans to fill it with buildings. As a boy living on Cicero Street, I picked up tennis balls in summer and skated on the courts in winter. Kids living in the neighborhood today and in coming years should have the same opportunity.

  2. Die Tennisplätze sind fester Bestandteil des denkmalgeschützten Ensembles. Der Denkmalschutz ist nicht 1932 inklusive einer eventuell zu errichtenden Kreuzbebauung ausgesprochen worden, sondern 1982, so, wie die Anlage JETZT ist.
    Das Ensemble ist ein architektonisches Kunstwerk, das man nicht nach Belieben verändern darf.
    Ich habe meine Kindheit in der Cicerostraße verbracht und habe besondere Erinnerungen an eine lichtdurchflutete Wohnung, an Helle und Weite, an wunderbare Winter auf der Eisbahn. Muss denn alles Schöne, Besondere und Künstlerische dem Profit weichen? Einmal zugebaut, wäre das gesamte Baukunstwerk für immer zerstört.
    Eine Oase für die Großstädter zu erhalten und wieder herzustellen sollte das Ziel sein.

  3. Ich habe das Gleiche getan, vielleicht haben wir uns sogar dort getroffen? Aber die Zeiten haben sich geändert und die Jugend lebt in einem anderen Modus. Internet und Smartphones ist die neue Lebensweise dieser Generation. Herumspielen und draußen herumhängen gibt es eigentlich nicht mehr. Wir sollten also die Realität sehen und anfangen anders zu denken. Berlin braucht dringend Wohnraum, besonders für Familien, auch innerstädtisch und nicht alles auf den sogenannten Speckgürtel setzen und „auslagern“. Der teilweise vorhandene Egoismus derer die dort bereits wohnen, lässt ein soziales Verständnis für andere vermissen!

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