Aktuelles / Montag, 21.08.2017

Reisen beginnt bei
„Schropp Land und Karte“

Der Berliner Traditionshandel für Reiseführer und Landkarten feiert in diesem Jahr sein 275. Jubiläum. Foto: Anja Meyer

„Schropp Land und Karte“ ist mit 275 Jahren der zweitälteste Betrieb Berlins. Im Laden an der Hardenbergstraße ist die politischen Lage der Welt seit jeher deutlich zu spüren.

Von Anja Meyer

Reisen beginnen für viele Berliner zwischen Ernst-Reuter-Platz und Zoo. Zumindest im Kopf. Denn dort, in der Hardenbergstraße 9a, sitzt das kleine Ladengeschäft „Schropp Land und Karte“ nach vielen Umzügen seit 2008. Es ist die Buchhandlung in Berlin, wenn es um Reiseführer und Landkarten geht. Und so bleiben die Kunden oft stundenlang, stapeln Reiseführer vor sich und träumen sich in ferne Länder, wie Geschäftsführerin Regine Kiepert erzählt. Auch noch in Zeiten von Smartphone und GPS. In diesem Jahr feiert der Laden sein 275. Jubiläum – damit ist er nach Angaben des Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchivs der zweitälteste Betrieb Berlins.

Gegründet, bevor es Tourismus gab

Gegründet hat Simon Schropp ihn im Jahr 1742 – noch bevor es den Tourismus überhaupt gab. Damals wollte er dem preußischen König Friedrich II. Landkarten zum Kriegeführen, Besiedeln und Bewirtschaften des Landes sowie Karten für Postkutscher verkaufen. Der König beauftragte jedoch lieber französische Spezialisten, „Schropp Land und Karte“ machte trotzdem weiter, entwickelte sich nach dem Tod Friedrichs II. zum führenden Landkartenhändler und -verleger Preußens, später Deutschlands, und belieferte im Laufe der folgenden Jahrzehnte und Jahrhunderte zunächst Militär, ab dem 19. Jahrhundert Touristen, später auch Polizei, Filmproduktionen und andere mit Landkarten und Reiseführern.

Regine Kiepert führt das Geschäft seit 38 Jahren. Foto: Anja Meyer

Die politische Lage in der Welt konnte man im kleinen Ladengeschäft schon immer deutlich spüren: Brodelt es im Nahen Osten, werden kaum noch Karten und Reiseführer von Israel oder Ägypten nachgefragt. Mit der Türkei sieht es genauso aus. „,Dabei könnten wir hier im Laden ein komplettes Regal mit Wanderkarten und Literatur über das Land füllen“, sagt Inhaberin Regine Kiepert. Will gerade keiner mehr. Stattdessen boome Kuba, Deutsche wollen die Reste des Sozialismus sehen, solange es noch geht, Karten müssen her. Oder der Iran, über den Iran muss gerade ständig Literatur nachbestellt werden.

Kiepert übernahm Schropp als Studentin

Welch traditionelles Erbe sie überhaupt antritt, bemerkte Regine Kiepert selbst erst nach einer Weile. Seit 1979 Jahren führt sie den Laden, übernommen hat sie ihn noch als Studentin. Wie alle Kinder aus der Buchhändlerfamilie Kiepert – dem bekanntesten Buchhandel der City West – machte sie nach dem Abitur eine Ausbildung zur Buchhändlerin, danach durfte sie studieren, was sie interessierte. „Mit Geografie wollte ich die Welt ein Stückchen mehr verstehen“, erinnert sie sich. Über einen Bekannten ihres Vaters Robert Kiepert kam dann das Angebot, Schropp zu übernehmen. Regine Kiepert traf sich mit der Vorgängerin im Laden, der damals noch in der Potsdamer Straße saß, und willigte ein.

Vorfahre verlegte bei Schropp

Nach und nach begriff sie, durch welche Zeiten Schropp gegangen ist und sich immer wieder anpassen musste. „Über ehemalige Mitarbeiter habe ich Geschichten gehört“, erinnert sie sich. In der Staatsbibliothek forschte sie weiter und entdeckte alte Karten, die Schropp verlegte. Darunter auch diejenigen ihres Vorfahren Heinrich Kiepert, der im 19. Jahrhundert durch den Nahen Osten geritten ist und die erste richtige Karte von Palästina erstellt hat. „Das klang für mich wie eine Fügung des Schicksals“, erzählt Regine Kiepert, die später für ihre Diplomarbeit selbst ein Dorf in Pakistan kartierte.

Laden zu Kriegsende ausgebombt

Viel mehr Archivmaterial hatte Regine Kiepert nicht. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs wurde Schropp in der Dorotheenstraße komplett ausgebombt. Vom Krieg hatte der Handel zuvor profitiert. „Damals hing wohl bei jeder Familie eine Schropp-Karte an der Wand, an der man sich die Frontverläufe mit der Kordel absteckte.“ Nach dem Bombenangriff war nichts mehr da, es hätte das Ende sein können. Doch die Inhaber machten weiter, suchten per Zeitungsannonce nach Papier zum Bedrucken von Karten und Atlanten zum Ankauf – dann lebte der Laden wieder richtig auf.

Geschäft verändert sich

In den vergangenen Jahren hat sich das Geschäft erneut verändert. Reiseführer gibt es heute an jeder Tankstelle. Das Onlinegeschäft macht Konkurrenz, seit zehn Jahren hat Schropp deshalb einen eigenen Onlinehandel etabliert. Zur Online-Konkurrenz zählen auch die unzähligen Reiseblogs als Alternativen zum klassischen Reiseführer und Karten auf dem Smartphone mit sofortiger, persönlicher Navigation. Die Jüngeren bereiten sich immer weniger im Vorfeld vor, das Reisen ist beliebiger geworden. Dennoch: Es gebe immer noch den Bedarf vieler Menschen nach großen Karten zum Aufklappen. „Da bekommt man einfach einen viel besseren Gesamtüberblick“, erklärt Kiepert. „So lange die Technik noch keine ausklappbaren Datenträger entwickelt hat, mache ich mir keine Sorgen um unsere Existenz.“

Beliebt sind Swarovski-Globen, auf denen Metropolen mit Glitzersteinen besetzt sind. Foto: Anja Meyer

Im Laden bereitet Regine Kiepert sich auch selbst auf Reisen vor. „Mit einem Marco Polo verschaffe ich mir einen Überblick“, verrät sie. Dann sucht sie Karten heraus und geht Stück für Stück ins Detail. Erst kürzlich war sie in Guatemala, im September geht es nochmal los. „Wahrscheinlich zum Wandern oder Fahrradfahren“, erzählt sie. „Es muss nicht immer exotisch sein.“ In ihrem Laden wird sie da nicht lange suchen müssen. Fahrradkarten aus Brandenburg zählen derzeit zu den Verkaufsschlagern. Auch Angela Merkel sei vor Jahren schon einmal da gewesen und habe sich eine topografische Karte von der Uckermark gekauft.

Abstruse Vorstellungen von Maßstäben

Zudem laufe das Geschäft mit den Globen sehr gut. Und große Wandkarten sind beliebt, nicht nur bei Berlinern. „Touristen lieben unseren Laden und laufen mit großen Weltkarten wieder heraus“, erzählt Kiepert. An die sechs Mitarbeiter im Verkauf hätten die Kunden hohe Ansprüche. „Die Leute wollen ihre Reiseroute von uns bis ins kleinste Detail geplant haben“, erzählt Kiepert. „Am besten schon am Telefon.“ Dann gebe es auch immer wieder kuriose Nachfragen. Warum auf dem Stadtplan von Venedig die U-Bahn nicht eingezeichnet ist. Ob man die Weltkarte auch im Hochformat bekommen könne. Oder der Wunsch nach einer Berlinkarte, im A3-Format, aber bitte mit allen Straßennamen drauf. „Die Vorstellung von Maßstäben ist für manche sehr schwierig“, sagt Kiepert. Schon deshalb sei sie froh, dass man sich mit der Welt in Smartphone-Größe nicht zufriedengeben will.

Information

„Schropp Land und Karte“; Hardenbergstraße 9a; 10623 Berlin.

Zum 275. Jubiläum konzipiert Regine Kiepert in Kooperation mit der Staatsbibliothek Berlin eine Ausstellung mit alten Schropp-Karten. Die Ausstellung ist ab dem 25. September in der Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte; Märkisches Ufer 16; 10179 Berlin zu sehen.